PORTRÄT: Er ist ein Meister der Randnotizen

Er verabschiedet sich mit Handkuss, fotografiert analog und steht noch auf echte Bücher. Der deutsche Kabarettist Jess Jochimsen ist rührend altmodisch. Seinen Auftritt im Luzerner Kleintheater sollte man nicht verpassen.

Julia Stephan
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Der deutsche Kabarettist Jess Jochimsen hat eine Herzensschwäche für Underdogs. (Bild: Katrin Kutt/Lisa Uder/PD)

Der deutsche Kabarettist Jess Jochimsen hat eine Herzensschwäche für Underdogs. (Bild: Katrin Kutt/Lisa Uder/PD)

Julia Stephan

Jess Jochimsen (45) spuckt wirklich keine vorlauten Töne. Aber dieses Zitat, das er für sein Kabarettprogramm «Für die Jahreszeit zu laut» in winzigen Lettern jeweils an sein Glockenspiel hängt, stellt selbst seine eigene vornehme Zurückhaltung in den Schatten: «I would prefer not to» – «Ich möchte lieber nicht». Geliehen hat er es bei der «traurigsten Figur der Weltliteratur», Herman Melvilles Schreiber Bartleby. Diesem Bürogummi, der in einer Erzählung Melvilles pausen- und freudlos Verträge kopiert – und sich jeder neuen Aufgabe und Ausweitung seines Kompetenzbereichs verweigert.

Tour mit Thiel abgesagt

«Wenn man über Stille spricht und über Lärm, wie ich es in meinem neuen Programm tue, muss man irgendwann die Frage nach dem Widerstand in dieser Welt stellen», ist Jochimsen überzeugt. Wie leise kann Empörung sein, wenn sie in unserer Welt, deren Leistungslärm-Emissionen beachtlich sind, noch als Widerstand wahrgenommen werden will? Für solche Anliegen hat der deutsche Kabarettist, der die Kleinstadt Freiburg dem lauten Berlin als Lebensmittelpunkt vorzieht und diesen Freitag ins Kleintheater kommt, in Bartleby, diesem «leisesten aller Widerständler», den perfekten Anwalt gefunden.

Wer so tickt, hat die Kraft, auch unpopuläre und karrierehinderliche Entscheidungen zu treffen. 2015 erlebte Jochimsen wieder so einen Bartleby-Moment. Eine Tour mit dem Schweizer Satiriker Andreas Thiel sagte er kurzfristig ab. Ein teurer und gesinnungstechnisch schwieriger Entscheid. Jochimsen hat ihn mit der Akkuratesse eines Germanisten in zwei Repliken auf Thiels in der «Weltwoche» publizierte Koran-Kritik ausführlich-akademisch begründet. Er sagt: «Ein bisschen von diesem ‹I would prefer not to›, diesem bewussten nicht mitmachen wollen, täte uns allen gut.» Sein Entscheid hat der Freundschaft mit Thiel keinen Abbruch getan. Der sei entgegen vielen Behauptungen kein Rassist.

Wenn Jochimsen mit dieser angenehmen Stimme über Haltung spricht, sieht man in ihm schon fast den nächsten deutschen Bundespräsidenten. Würde man diesem Mann, der an einer unheilbaren Herzensschwäche für die «Entrechteten, Ausgestossenen, Zurückgelassenen und Abgehängten» leidet, das direkt ins Gesicht sagen, würden sich ihm vermutlich die Haare sträuben. Denn mit Oberlehrerkabarett kann man Jochimsen «jagen». Mit Oberlehrerpolitik vermutlich auch. Jochimsen setzt uns die Gedanken nicht vor, er fordert sie heraus. Und auch wenn er manchmal böse ist, findet er den «liebenden Blick» in der Satire gar nicht verkehrt.

Politische Pointen

Vor Politikern sieht er sich in der klassischen Rolle des Hofnarren. Gerade erst ist er mit dem satirischen Jahresrückblick «Bundesordner» durch die Schweiz getourt. Politisch sind seine pointierten, mit Zitaten der Weltliteratur, Musik und Fotostrecken durchsetzten Bühnenprogramme, von denen er eines auch mit dem Ostschweizer Manuel Stahlberger erarbeitet hat, erst auf einer zweiten Ebene. «Unser Wertesystem hängt nicht von Politikern ab», sagt er. Weder Kabarettmachen noch der Besuch von Kabarettprogrammen könne politisches Handeln ersetzen. «Viele verwechseln das, holen sich im Kabarett ihre Absolution, lachen mal schön die Macht aus, denken dann links und leben rechts weiter. Ich engagiere mich da lieber politisch, das muss ich nicht an die grosse Glocke hängen.» Gerade jetzt, wo Deutschland so viele neue Mitbürger habe, sei Handeln gefragt.

Sohn bayrischer Hippies

Vielleicht hat Jochimsens Rückzug in die Peripherie, die er so gerne fotografiert, und sein leiser Widerstand damit zu tun, dass er als Kind eine Überdosis Aktionismus zu viel abgekriegt hat. Als bayrische Hardcore-Hippies hatten seine Eltern, denen er auch seinen merkwürdigen Vornamen zu verdanken hat, in den 1970ern noch laut gegen das System opponiert. In seinem autobiografisch inspirierten Kurzgeschichtenband «Das Dosenmilch-Trauma. Bekenntnisse eines 68er-Kindes» kann man nachlesen, was für verzweifelte Abgrenzungsversuche einem Heranwachsenden bei solch systemkritischen Eltern noch bleiben. Inzwischen hat der Vielleser und Buchliebhaber, der von seiner Familie «einen Bücherstopp» verordnet bekommen hat, weitere vier Prosabände veröffentlicht.

Bereits sein Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie finanzierte sich Jochimsen mit Liederprogrammen. Weil die Ansagen beim Publikum besser zogen als der musikalische Hauptteil, hat er die Ansagen einfach weiter ausgebaut. So fand er zu seiner eigenen Handschrift.

Die Würde des Stadtrands

Jochimsen bleibt auch als Fotograf ein Meister der Randnotiz. Seine Fotostrecken über die städtischen Randgebiete, die er in zwei Bänden veröffentlicht hat, leben von der Spannung zwischen den verheissungsvollen Plakat- und Schildbotschaften und der Tristesse, in die sie gedankenlos platziert werden. «Es sind Fotos von Dingen, die wir zulassen, die wir zerstört haben», sagt Jochimsen. Mit seiner analogen Kamera, die er auch mal gegen eine Handykamera tauscht, bewegt er sich ausserhalb der Ringe.

Dort, «wo das «lokale Handwerk und die Bestattungsinstitute und die Matratzendiscounter die trotzige Würde des Stadtrands und der Vorstädte behaupten». Er, das 68er-Kind, finde diese biedere Vorortwelt «ganz bezaubernd» – sagt er in Winterthur, diesem Zürcher Randgebiet, und verabschiedet sich, ganz altmodisch, mit Handkuss.

Hinweis

Jess Jochimsen: «Für die Jahreszeit zu laut». Auftritt im Luzerner Kleintheater: Fr, 26. Februar, 20 Uhr. www.kleintheater.ch