PORTRÄT: Er lässt Architektur strahlen

Malerei und Architektur miteinander verweben – der Luzerner Künstler Jörg ­Niederberger ist ein gefragter Spezialist dafür.

Kurt Beck
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Der Maler Jörg Niederberger (56) in seinem Atelier in Dallenwil. (Bild Nadia Schärli)

Der Maler Jörg Niederberger (56) in seinem Atelier in Dallenwil. (Bild Nadia Schärli)

Das Atelier ist beeindruckend. Der Raum im Industriegebiet, ausserhalb von Dallenwil, erinnert eher an eine gewerbliche Produktionsstätte als an ein Künstleratelier. Doch was hier geschaffen wird, ist Kunst, Malerei, die sich allerdings nicht nur auf Leinwände als Malgrund beschränkt, sondern sich auch auf Betonwände, Hausfassaden, ganze Überbauungen und Teppiche ausbreitet. Um seine grösseren Projekte zu realisieren, braucht der Luzerner Künstler Jörg Niederberger (56) Raum. 400 Quadratmeter misst das Atelier im ersten Stock, in einem Obergeschoss stehen ihm weitere 150 Quadratmeter zur Verfügung. «Ein Superraum», meint der Künstler, für den die dezentrale Lage kein Problem ist. «Ich messe Distanzen in Zeit. In 20 Minuten bin ich in meiner Lieblingsbadi in Luzern.» Ein Katzensprung für jemanden, der zwar in Luzern aufgewachsen ist, aber in Grossstädten wie Düsseldorf und London gelebt hat.

Ein Tisch für jedes Projekt

Das Atelier ist nicht nur Arbeitsort für den Künstler, sondern auch für das Unternehmen Jörg Niederberger. Der Künstler beschäftigt und bezahlt zwei Angestellte: Die Künstlerin Muriel Stern arbeitet bereits seit sechs Jahren für ihn. Weitere Unterstützung erhält er von einer der Jahres-Praktikantinnen, die er seit acht Jahren engagiert. Wie sehr Jörg Niederberger auf seine Mitarbeiterinnen angewiesen ist, erschliesst sich angesichts der Projekte, die er in Arbeit hat. Für jedes Projekt ist ein Tisch im Atelier aufgebaut. Darauf stehen Architekturmodelle und stapeln sich Farbmuster, Pläne, Dossiers Mappen, Farben und Pinsel, Wollfäden und Döschen, Gläser, Stifte und Pinsel. Das Arbeitsmaterial weist jeweils auf die Art des Projekts hin.

«Durch die Tische sind die Projekte, die sich manchmal über Monate und Jahre hinziehen, stets präsent, und ich verliere sie nicht aus den Augen, auch wenn sie phasenweise ruhen», erklärt der Künstler. Das macht Sinn, denn im Schnitt sind es acht bis zehn Projekte, an denen Niederberger und seine Crew gleichzeitig arbeiten.

Jörg Niederberger bringt Farbe in die Architektur. Und dies nicht zu knapp. Wo andere Künstler ihre «Kunst am Bau» oft diskret anbringen (müssen), tritt Niederberger mit seinen malerischen Interventionen prominent und unübersehbar auf. Der Maler ist ein gefragter Mann, wenn es um Farbe und Architektur geht, und er erhält entsprechend Aufträge für die Gestaltung von Fassaden und Innenräumen von Um- und Neubauten. Schulen, Kirchen, Mehrfamilienhäuser sowie Wohnüberbauungen und Alterssiedlungen hat er mit seinen Farbprogrammen künstlerisch «nobilitiert», wie der Künstler es ausdrückt. In der Luzerner Frauenklinik hat er mit seiner Kunst interveniert, im Bundeshaus hat er neu farbliche Akzente gesetzt, und der Schulanlage Gersag in Emmenbrücke, seinem jüngst abgeschlossenen Projekt, hat er bunte Vitalität ins Haus gezaubert.

Für 38 öffentliche und private Bauherren hat Niederberger Aufträge verwirklicht und hat dafür mit 26 Architekten zusammengearbeitet. «Für mich sind Bauherrschaft und Architekten wichtige Partner, damit ich beim Bauprozess mitwirken und meine Ideen entwickeln kann. Meine Kunst ist in die Architektur integriert, mit ihr wesentlich verwoben. Sie ist nicht bloss eine schmückende Rosette, die dem fertigen Gebäude angeheftet wird», erklärt der Künstler.

Master mit 52

Damit der Künstler auf Augenhöhe in Baufragen mitreden kann, schrieb sich Jörg Niederberger vor fünf Jahren an der ETH Zürich ein und machte den Master in Geschichte und Theorie der Architektur. «Ich wollte wissen, wie die denken. Aber es war eine harte Sache für mich als 50-jähriger Nichtwissenschaftler», sagt der ausgebildete Lehrer und Absolvent der Schule für Gestaltung und der Düsseldorfer Kunstakademie.

So sehr ihn die Architekturprojekte auch beschäftigen und zeitlich vereinnahmen, Jörg Niederberger versteht sich primär als freier Maler. Daran erinnert ihn die Bilderwand im Atelier, an der seine Malstücke auf weitere Bearbeitung warten und Leerstellen bereit sind für neue Werke. «Ich muss mir die Zeit für die freie Malerei immer wieder von der übrigen Arbeit abzwacken und mich dafür stets wieder freistellen.» Zu den übrigen Tätigkeiten zählen neben den Architekturprojekten auch die meditativen Malkurse, die der Künstler im Lassalle-Haus im zugerischen Bad Schönbrunn durchführt, und ein Teppichprojekt, das er vor kurzem angepackt hat.

Selbsthilfeprojekt in der Türkei

Ein Zufall brachte den Künstler ins «Teppichgeschäft». Bei einem Aufenthalt in Istanbul vor eineinhalb Jahren wurde er angefragt, ob er ein Muster für Kelim-Teppiche entwerfen könnte. Niederberger entwarf eine ganze Kollektion, die nun in den Webereien eines Selbsthilfeprojekts im kurdischen Ostanatolien produziert wird. Obwohl erst Prototypen vorliegen, ist die Nachfrage für die Künstlerteppiche bereits da. «Ich habe viel Zeit in dieses Projekt investiert, und ich bin zuversichtlich, dass sich das später auch auszahlen wird», meint der Künstler, der Kunst- und Geschäftssinn klug zu verbinden weiss.

Hinweis

www.joerg-niederberger.ch Kurse Sommer 2013: Malen und Kontemplation: www.lassalle-haus.org