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PORTRÄT: Herausfinden, wie sich Altsein anfühlt

Die Hausautorin des Luzerner Theaters, Katja Brunner (23), war für ihr neues Stück im Altersheim mit dem Tonbandgerät.
Katja Brunner (23): «Ich bin ein wandelnder Plan für eine rosige Zukunft.» (Bild: Ingo Höhn/PD)

Katja Brunner (23): «Ich bin ein wandelnder Plan für eine rosige Zukunft.» (Bild: Ingo Höhn/PD)

Julia stephan

«Ich entscheide mich gern für das Wesentliche.» So begründet Katja Brunner, warum sie ein schriftliches Interview einer persönlichen Begegnung vorzieht. Was für sie wesentlich ist, bleibt ihr Geheimnis. Wahrscheinlich meint sie damit ihre Sprache, frei von Störgeräuschen, die so ein Treffen zwangsläufig mit sich bringt. Begegnet sind wir Brunner trotzdem. Auf der Bühne. Am letzten Samstag moderierte die Hausautorin des Luzerner Theaters zum letzten Mal ihre «Late-Night»-Show im UG. Und da erlebte man die 23-jährige Dramatikerin, Hörspielautorin und Performerin in der Rolle einer sympathischen Gastgeberin, die es mit den Viten ihrer Gäste nicht so genau nahm, mit ihren freien Gedankengängen aber eine spannende Laborsituation schuf, in der alles gesagt und gedacht werden durfte.

Fantasievolle Perspektivenwechsel

Auf den Biedermeierstühlen im UG sassen drei Künstler, und es war faszinierend, wie Katja Brunner bei jedem Einwurf ihrer Gäste ihre Haltung ein wenig veränderte, impulsiv aufstand, oder an ihren grünen Fledermausärmeln herumspielte. «Fantasie ist meines Erachtens das Gewilltsein, sich auf eine Perspektive einzulassen, die nicht per se die eigene ist«, schreibt sie uns später, und man ist versucht, das zusammen zu denken mit ihren fantasievollen Perspektivenwechseln auf der Bühne.

Mit dem Schlüpfen in fremde Haut hat Brunner Erfahrung genug: Mit 18 versetzte sie sich für ihr erstes Stück in ein Missbrauchsopfer, das sich weigert, von der Gesellschaft den Opferstempel aufgedrückt zu bekommen. Für «Von den Beinen zu kurz», inzwischen auch als Hörspiel erschienen, erhielt Brunner 2013 als jüngste Autorin in der Geschichte den Mülheimer Dramatikerpreis. Tobias Becker, Kulturredakteur des «Spiegels» und Jurymitglied, trifft es auf den Punkt, wenn er sagt, Katja Brunner setze mit ihrer Sprache «die Moral aufs Spiel». Gefährlich mag das sein, aber Leben spendend für das Theater.

Seither hat sich die Tochter einer Psychotherapeutin und eines Juristen, die in Zürich aufgewachsen ist und in Biel literarisches und in Berlin szenisches Schreiben studiert hat, etabliert. Auch in Latein- und Südamerika haben Regisseure Brunner für sich entdeckt. Eine mexikanische Variante ihres Werkes «Von den Beinen zu kurz» (Demasiado cortas las piernas) ist in einer Woche am Festival «Stücke» in Mülheim an der Ruhr zu Gast.

Das Gehirn lüften

In Luzern hatte Marco Štorman vor gut einem Jahr Brunners Text «Ändere den Aggregatszustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg» in einem intimen Rahmen im UG uraufgeführt, das sich dazu in ein madenzerfressenes Erdloch verwandelt hatte. Für die Spielzeit 2014/15 ist Katja Brunner Hausautorin am Luzerner Theater. Und sie haute in dieser Zeit nicht wie viele Kaffeehausschreiberinnen «Latte macchiato schlürfend» Frühlingsgedichte in ihr Macbook, sondern hat in Altersheimen recherchiert, wie sich Altsein anfühlt. «Ich habe mein armes Olympus-Aufnahmegerät sehr strapaziert», schreibt Brunner.

In ihrer Auftragsarbeit «Geister sind auch nur Menschen», die am Freitag von Heike M. Goetze am Luzerner Theater uraufgeführt wird, erleben die Insassen eines Altersheimes, wie der Körper im fortschreitenden Zerfall immer penetranter ins eigene Bewusstsein rückt, während er für die Gesellschaft zum Gegenstand und Neutrum verkommt. «Die Alten werden zum bösen Angesicht jenseits des Jugendwahns gemacht», schreibt uns Katja Brunner. «Eine gestählte Leistungsgesellschaft weiss leider wirklich nichts mehr anzufangen mit älteren Menschen, die nicht mehr Teil von der gängigen Produktionslogik sind.» Dass diese neutralen Körper dennoch manchmal noch die Lust juckt, ist ein Tabu, das Brunner für ihren Text fruchtbar macht. «Ältere Frauen haben Beige, Weiss und Eierschalenfarben zu tragen Camouflage für Alte. Sie dürfen keine erquickende Existenz mehr führen, ihnen wird Genussfeindlichkeit attestiert. Das ist eine von vielen Formen von Diskriminierung.» In ihrem Stück weist Brunner auf die Schwächen im System, macht «Pflegekräfte» zu «Pflegeschwächen» und lüftet uns mit ihrer Sprachkritik tüchtig das Gehirn durch.

Nächstes Ziel: Hundetrainerin

So zupackend direkt, wie Katja Brunner in ihren Texten Gefühle und Zustände multiperspektivisch auffächert, so wenig greifbar bleibt sie als Person. Wir stellen ihr einige Fragen, die sie ihren «Late-Night»-Gästen gestellt hat, und kommen ins Staunen: Gäbe es eine Instanz, die eine Berechtigung für Kunst erteilen müsste, würde Katja Brunner diese Aufgabe bedenkenlos ihrer Katze oder Peter Bichsel überantworten. Für den Suizid ginge sie ins Wasser. Und bei Lebensentscheidungen setze sie aufs Gefühl.

Nach ihrer Luzerner Zeit wird sie erst einmal Stipendiatin am Literarischen Colloquium Berlin und sich zwei Wünsche erfüllen: eine Ausbildung zur Hundetrainerin absolvieren und für «eine längere Weile» nach Kuba fahren. Mehr will sie uns nicht verraten: «Ich bin ein wandelnder Plan für eine rosige Zukunft.»

Hinweis

«Geister sind auch nur Menschen» von Katja Brunner. Uraufführung am Freitag, 8. Mai, im Luzerner Theater.

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