PORTRÄT: In der Kirche lernte sie sehen

Die Urner Künstlerin Maria Zgraggen (56) erhält den diesjährigen Innerschweizer Kulturpreis: Es sind immer wieder solche Anstösse von aussen, die sie bestärken.

Urs Bugmann
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Die Urner Künstlerin Maria Zgraggen in ihrem Atelier in Bürglen. (Bild Corinne Glanzmann)

Die Urner Künstlerin Maria Zgraggen in ihrem Atelier in Bürglen. (Bild Corinne Glanzmann)

«Dieses Bild ist noch nicht fertig. Hier braucht es noch etwas. Diese Kante hier», Maria Zgraggen nimmt vom Ateliertisch eine lilafarbene Kreide, betont damit eine lila Linie auf der Leinwand, «oder vielleicht muss ich sie zwei, drei Millimeter weiter oben ansetzen.»

Maria Zgraggen malt ihre Bilder aus nichts als aus Farbe und Form. Und doch sind es Gemälde, die einen unglaublichen Reichtum, eine unerschöpflich scheinende Vielfalt an Gefühl und Intensität zeigen. Man muss lange hinsehen, muss sich Zeit lassen, aufzunehmen, was auf diesen Leinwänden mit den Farben und den Formen geschieht, diesen sichtbaren Zeichen von etwas, das sich den Wörtern entzieht.

Der Mut, alles aufzugeben

Man muss sich Zeit lassen, so wie die Künstlerin bei ihrer Arbeit. Sie arbeitet an mehreren Bildern gleichzeitig, mischt jede Farbe einzeln ab, setzt eine Fläche, lässt sie ausrinnen, zieht eine Linie. Manchmal trägt sie die Acrylfarbe satt auf, dann wieder dünn lasierend wie bei einem Aquarell. Sie schaut zu, wie die Farbe sich ausbreitet, im Trocknen erstarrt. Später wird sie daran weiterarbeiten, was ihr gelungen erscheint, greift sie auf, führt es weiter. Oder sie verwirft es, legt eine weitere Farbschicht, eine neue Form über das Bisherige. «Ohne den Mut, alles wieder aufzugeben, wird es nichts», sagt Maria Zgraggen. «Man muss bereit sein, Risiken einzugehen, alles wieder in Frage zu stellen.» Es kann Jahre dauern, bis sie ein Bild dahin gebracht hat, dass es sie überzeugt, dass daran nichts mehr zu tun bleibt.

Störende Arbeitsspuren

Maria Zgraggen, 1957 in Schattdorf geboren, ist das Risiko eingegangen, sich ganz auf die Kunst einzulassen. Hoch über Bürglen wohnt sie dort, wo ihre Mutter aufgewachsen ist, nebenan arbeitet sie in ihrem Atelier. Weil es sich nicht heizen lässt, arbeitet sie im Winter im Dachgeschoss des Wohnhauses: Nicht mehr auf den grossen Leinwänden, in kleineren Formaten und vorwiegend in Zeichnungen. Für die Malerei braucht sie Raum: Um die mehreren Leinwände auf dem Boden auszulegen, an die Wände zu hängen, um sich dazwischen bewegen zu können. «Es braucht viel Konzentration», sagt sie, «und die Wand muss immer wieder weiss überstrichen werden. Die Arbeitsspuren, die Kleckse und Flecken, stören mich.»

Im Arbeitsraum unter dem Dach liegen die Blätter in grossen Schachteln: ein Fundus, der sich im Lauf der Zeit ansammelt, in dem sie jetzt blättert. «Das ist nichts», sagt sie, oder: «Daraus könnte etwas werden.» Die Zeichnung ist keine Vorstufe der Malerei, ist nicht Skizze und Experimentierfeld. Maria Zgraggen zeichnet mit demselben Ernst, mit dem sie malt. Zeichnen ist eine andere Sprache ihrer Kunst als die Malerei. In beiden Medien geht es ihr darum, Farben und Formen dazu zu bringen, sich zu zeigen. Sie sollen nichts abbilden und nachformen, sie sollen, wie ein Musikstück, zu ihrer eigenen Sprache, zu ihrem Ausdruck finden.

Das Figurative und Erkennbare «ist auf seine Art auch in der Abstraktion immer vorhanden», sagt die Künstlerin. «In der Zeichnung zeigt es sich aber eher.» Im Treppenhaus, das in den Dachstock hochführt, hängt ein Ölbild, 40 mal 40 Zentimeter gross, eine Sicht auf das Reusstal, die Bergmassive links und rechts, die in der Bildtiefe lichter werdenden Konturen der Grate sind in untadeliger Perspektive nachgebildet: eine ganz und gar realistische Landschaft. «Das ist einfach nur gesehen», sagt Maria Zgraggen, die dieses Bild mit 17 Jahren gemalt hat.

Kein geradliniger Weg

Wollte sie denn immer schon Künstlerin werden? «Ich ging in die Kunstgewerbeschule und wusste doch gar nicht, was eine Künstlerin ist.» Ihre Jugendgeschichte sei kompliziert. Das Sehen, meint sie, habe sie an den Malereien in der barocken Kirche von Schattdorf gelernt. «Dieser Bilderreichtum, das prägt einen, wenn man so oft in die Kirche gehen musste, wie es damals noch verlangt wurde.»

Ihr Weg war nicht immer geradlinig. Doch sie ging ihn unbeirrt weiter, erhielt nach der Luzerner Kunstgewerbeschule ein Stipendium in England, wurde dort bestärkt: «Es waren immer wieder solche Anstösse von aussen, die mich weitergebracht haben. Wie jetzt auch dieser Innerschweizer Preis.»

Schwierige Rückkehr

Der Blick von ihrem Haus, in das sie vor 18 Jahren, zurück aus England, gezogen ist, geht hinüber zum Haldi, wo Maria Zgraggen einen Teil ihrer Kindheit verbrachte. Die Rückkehr in diese Landschaft fiel ihr anfänglich schwer, doch heute sagt sie, nirgends sonst in der Schweiz leben zu wollen als wohin sie nach ihren Stipendienaufenthalten 2001 in New York und 2005 in Budapest wieder zurückkehrte: «Hier kann ich leben und arbeiten», sagt sie. «Aber ohne die Jahre im Ausland wäre ich nicht an den Punkt gekommen, wo ich heute bin.» In ihrem Leben nicht und nicht in ihrer Kunst.

Hinweis

Maria Zgraggen erhält bei einer Feier am Samstag, 21. September, um 11 Uhr im Uristiersaal der Dätwyler AG, Gotthardstrasse 31, in Altdorf den Kulturpreis der Innerschweiz 2013.