PORTRÄT: Luzerner Künstlerin Marion Schärer: «Da wusste ich: So will ich leben»

Über das Basteln von Fasnachtsdeko entdeckte die Luzerner Künstlerin Marion Schärer den Draht als künstlerische Ausdrucksform. Die Witwe des Luzerner Malers Hans Schärer (1927-1997) über Nonkonformität in den 1950er-Jahren.

Julia Stephan
Drucken
Teilen
Marion Schärer (87) in ihrem Haus in St. Niklausen. Oben rechts: eines ihrer gehäkelten Drahtobjekte. (Bild: Pius Amrein (St. Niklausen, 26. März 2018))

Marion Schärer (87) in ihrem Haus in St. Niklausen. Oben rechts: eines ihrer gehäkelten Drahtobjekte. (Bild: Pius Amrein (St. Niklausen, 26. März 2018))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Paris, 1957. Es regnet Bindfäden. Marion Schärer, 27 Jahre alt, ist mit ihrem Ehemann, dem verstorbenen Künstler Hans Schärer (1927–1997) unterwegs an ein Konzert in einer Pariser Kathedrale. Schärer trägt ein schönes und ziemlich luftiges Cocktailkleid. Sie friert. Da händigt ihr Hans Schärer pragmatisch seinen Regenmantel und seine zerlöcherten Hosen aus. Schärer erinnert sich: «Niemand hat sich wegen meines unkonventionellen Aufzuges in der Kathedrale nach mir umgedreht. Da wusste ich: So möchte ich leben.»

Diesem Lebenswandel ist die Tochter einer wohlhabenden, dem Freisinn verpflichteten Luzerner Arztfamilie treu geblieben. Mit dem «Bürgerschreck» Hans Schärer, dessen archaische Madonnenbilder postum Ruhm an der Biennale Venedig erfuhren, habe sie sich auch deshalb so gut verstanden, «weil Hans über seine erotischen Aquarelle alles, was sich bei ihm emotional aufgestaut hatte, rausgelassen hatte». Nur einmal sei er wütend auf sie geworden. «Als ich ihn fragte, ob er mit diesem armen Männlein neben diesen strahlenden, farbigen Sexbomben sich selbst meine.» Da antwortete er unwirsch: «Du kommst nicht draus!»

Ein Refugium in St. Niklausen

Seit vielen Jahren lebt Schärer in einem vom Luzerner Architekten Roger Duvoisin erbauten roten Haus im familieneigenen Park in St. Niklausen. «Meine Schachtel», nennt sie den einstöckigen Bau liebevoll. Er sieht aus wie ein Provisorium und lässt fantastische Blicke auf den See und den verwunschenen Park zu.

Marion Schärer hat ein Konvolut an Texten, Collagen, Kinderbuchillustrationen, Aquarell-, Bleistift- und Tuschezeichnungen geschaffen. 1958 beauftragte die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (Saffa) in Zürich die junge Grafikerin, einen Pavillon zu gestalten – «es gab damals nur wenige freischaffende Grafikerinnen». Für das nicht mehr existente Sportgeschäft Amrein gestaltete sie ein Wandbild für die Kinderabteilung. Schärer arbeitete für die «Luzerner Neusten Nachrichten» (LNN) und die Illustrierte «Heim & Leben». Sie schuf Titelbilder für die Kinderbücher des Orell-Füssli-Verlags und liess im Jugendmagazin Junior ihre filigranen, verspielten Figuren solange an den Zeitschriftenrändern tanzen, bis die Fotografie die Illustration verdrängte. Auch ihre Biografie hat sie in einer herrlich ironischen Version des «Rotkäppchens» beim eingestellten Wallimann-Verlag publiziert. Für den Puppenspieler Peter Loosli entwarf sie in den 1950er-Jahren Marionetten für Strawinskys Musiktheater «Histoire du soldat».

Ursprünglich hatte Schärer eine Bühnenbildnerinnenlehre angestrebt oder die École de ­photographie in Vevey. Das Antwortschreiben aus Vevey war aber deutlich: Keine Frauen, die kriegen Kinder! Also lernte Schärer Grafik bei Max von Moos an der Kunstgewerbeschule Luzern und unterrichtete später an einer Sekundarschule in Sursee Kunst. «Beim Einstellungsgespräch sagte der Direktor: «Sie sind gross, sie brauchen keine Schusswaffen.»

In Schärers Luzerner Atelier nehmen die Madonnenbilder ihres Mannes heute viel Raum ein. Da bleibt nicht viel Platz für die Künstlerin Marion Schärer, die sich selbst humorvoll einmal als «Co-Pilotin» ihres Mannes bezeichnet hat – auch wenn sich die beiden privat viel künstlerischen Freiraum liessen.

Die vierfache Mutter hat es im Leben wie die kanadische Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro gehalten: Zwischen der Kindererziehung hat sie sich den Raum für kleinere Kunstgriffe bewahrt. Und die haben sich im Alter aufsummiert. Dass Schärer letztes Jahr in der Kornschütte mit anderen älteren Künstlerinnen gewürdigt wurde, muss eine Genugtuung für die Frau gewesen sein, die als Tochter eines stadtbekannten Vaters oder als Künstlergattin nur an der Peripherie sichtbar war.

Vom Widerstand des Drahts

«Auszubrechen aus der Gewohnheit zu gefallen, war für mich als Grafikerin eine grosse Herausforderung», sagt Schärer. «Ich fing in den 1950ern an, meine Wohnung, mein Leben in einem radikalen Naturalismus zu zeichnen, um mir das abzugewöhnen.» Versuche auf grösserer Leinwand stagnierten in radikaler Über­malung. Mit ihren Objekten aus gehäkeltem Draht fand sie schliesslich zu einer eigenen Sprache. «Der Widerstand des Drahtes reizte mich.» Dazu inspiriert hatten sie die Fasnachtsfiguren aus Draht, die sie beim Grafiker Sepp Ebinger hergestellt hatte.

Von ihrer Mutter, einer Berliner Jüdin, hat sie viele Bücher geerbt. Vor dem Einschlafen liest sie sich derzeit nochmals durch ihre Lieblingsautoren: Joseph Roth (1894-1939) und sein Namensvetter, US-Autor Philip Roth, das seien Autoren «mit unglaublich vitaler Lebensenergie». Die schönsten Sätze hat sie in einem ihrer gehäkelten Drahtobjekte verstaut, geschrieben auf eingerollte Papierbahnen «Wenn man jung ist, hetzt man durch die Handlung. Heute kann ich mich schon an einem einzigen Satz erfreuen. Es ist überhaupt schön, dass man nichts mehr muss.»

Ihr Werk widerspiegelt diese Liebe zum Wort. Einige Aquarelle zitieren das Morsealphabet, das sie als Kind gelernt hatte. Heute kann sie den Code zwar nicht mehr entziffern, aber der Gestus des Kommunizierens schlummert in diesen Wort- und Strichketten. Einer ihrer Enkel fragte sie kürzlich, was mit ihr passiere, wenn sie sterbe. «Ich sagte zu ihm: Wenn du an mich denkst, bin ich da.» Dass ihrer Kunst in selber Weise gedacht wird, wäre ihr zu wünschen.