Porträt
Spike Lee ist der erste schwarze Jurypräsident in Cannes – nicht nur deshalb ist er so toll

Regisseur Spike Lee ist ausgerechnet in Cannes zum Präsidenten der Jury gewählt worden, in der Stadt in der seine Karriere lanciert wurde. Ein persönlich gefärbtes Porträt.

Regina Grüter, Cannes
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Der US-Regisseur Spike Lee erklärt das Cannes Film Festival für eröffnet.

Der US-Regisseur Spike Lee erklärt das Cannes Film Festival für eröffnet.

Bild: Eric Gaillard/Reuters (Cannes, 6. Juli 2021)

Er blickt einem von jeder Ecke entgegen: der diesjährige Jurypräsident des Cannes Film Festivals, Spike Lee. Eigentlich ist es nicht der afroamerikanische Regisseur, der da unten vom Plakatrand, von der Nase abwärts abgeschnitten, mit grosser, dick umrandeter Brille hochblickt. Es ist die von ihm selbst gespielte Figur Mars Blackmon aus seinem Debütfilm «She’s Gotta Have It». Es ist sehr ungewöhnlich, dass eine Person auf dem Poster ist. In Cannes’ Geschichte war das bisher nur einmal der Fall, und auch da nur ansatzweise: 2006 mit der Silhouette von Maggie Cheung aus «In The Mood For Love» von Wong Kar-Wai.

Mit «She’s Gotta Have It» aus dem Jahr 1986 fing auch meine Beziehung zu Spike Lee an. Ich war damals vierzehn und habe den Film erst später gesehen. Während des Studiums habe ich den Film auseinandergenommen, in Einzelteile zerlegt und seziert. Warum? Ich hatte vorher noch nie so etwas gesehen.

Spike Lee stellte eine junge, sehr selbstbewusste schwarze Frau ins Zentrum. Nola Darling lebt in Brooklyn, wo Lee aufgewachsen ist, und hat drei Liebhaber – absichtlich überzeichnete Figuren. Der B-Boy Mars Blackmon – also der Break Boy, ein Ausdruck, der von der Hip-Hop-Kultur her kommt – ist einer davon. «Please baby, baby, please», fleht er sie an, mit ihm Sex zu haben, und schlurft in seinen Sneakers durch die Gegend. «Der Film schlug wie eine kleine Independent-Bombe in die US-Kinoszene ein», schrieb die renommierte Filmjournalistin Katja Nicodemus. Auch in Cannes sorgte er für Furore. Es war der Startschuss des New Black Cinema.

Der Trailer zu «She’s Gotta Have It» aus dem Jahr 1986 von Spike Lee.

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«Wake up!», ruft Mister Señor Love Daddy ins Mikrofon

«She’s Gotta Have It» zeigte Selbstbilder der schwarzen Community von Brooklyn, präsentierte afroamerikanische Schauspielerinnen und Schauspieler ganz anders, als man es sich vom Mainstream gewohnt war – man denke an Whoopi Goldberg oder Eddie Murphy. Der Film wirkte einfach frisch und echt. Da stellte jemand seine eigenen Typisierungen an, aus der afroamerikanischen Lebensrealität in Brooklyn, New York City, heraus.

Und das in Schwarz-Weiss, untermalt von Urban Jazz und mit Figuren, die direkt in die Kamera sprechen. Die Low-Budget-Produktion war an den Kinokassen äusserst erfolgreich, was Lee erlaubte, seine eigene Produktionsfirma 40 Acres and a Mule Filmworks zu gründen. Und dann kam «Do The Right Thing».

Im Mikrokosmos von Bedford-Stuyvesant, einem Viertel von Brooklyn, untersuchte Lee das explosive Zusammenleben verschiedener Kulturen und Nationalitäten: Radio Raheem mit seinem Gettoblaster, das alte afroamerikanische Pärchen, das von sanfter Jazzmusik umspielt wird, wann immer es auftritt, die asiatischen Lädelibesitzer, die italienischen Pizzeriabetreiber und natürlich Mookie, gespielt von Lee, der die Pizzas ausliefert. Es ist heiss, und die Stimmung schaukelt sich unweigerlich hoch. Am Schluss wird Radio Raheem Opfer von Polizeigewalt. «Do The Right Thing» aber ist keine plakative Anklage, sondern sehr subtil und differenziert. Lees Liebe zum Ort und vor allem zu den Menschen an diesem Ort ist in jeder Einstellung spürbar.

Der Trailer zu «Do The Right Thing» von Spike Lee.

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Mister Señor Love Daddy ist die integ­rale Figur. Sein Radio hört man in ganz Bed-Stuy. «Wake up!», ruft Mister Señor Love Daddy ins Mikrofon. So ­beginnt der Film. Der Weckruf ist auch im übertragenen Sinn zu verstehen. Der Filmemacher streut ihn in praktisch alle seine Werke ein. Es ist ­leider wahr, wenn der 64-Jährige mehr als 30 Jahre später in Cannes sagt, der Film habe nichts von seiner Bedeutung eingebüsst. «Do The Right Thing» war ein Black-Lives-Matter-Film, würde man heute sagen.

Spike Lee sei Ausdruck einer bestimmten Zeit, schrieb der Schauspieler Danny Glover:

«Nennen wir sie Ära des Hip-Hop. Spike wurde die Stimme dieser Ära.»

Er erzählte Geschichten aus einer afroamerikanischen Per­spektive und brachte die Hip-Hop-Kultur ins Kino, thematisierte die schwarze Frau, die Erfahrungen schwarzer College-Studenten («School Daze») oder den Million Man March in Washing­ton («Get On The Bus»). «Jungle Fever» (1991) und «Malcolm X» (1992) wurden vom schwarzen und weissen Publikum begeistert auf­genommen und machten Wesley Snipes und Denzel Washington zu Hollywood­stars.

«Das war eine Zeit, in der aus dem Hip-Hop ein Bewusstsein erwuchs, in der schwarze Populärkultur zu einem globalisierten kulturellen Exportartikel wurde wie früher schon Jazz oder Blues oder andere Formen schwarzer Kultur», schrieb Danny Glover weiter. Es hat also auch sehr viel mit meiner Persönlichkeit und meiner Liebe zum Hip-Hop zu tun, dass ich seiner­seits derart auf die «Spike Lee Joints» – so nennt er seine Filme – ab­gefahren bin. Durch sie habe ich die Welt im Allgemeinen und die USA im Besonderen anders wahrgenommen.

Dann irgendwann, nach dem cleveren Heist-Movie «Inside Man» aus dem Jahr 2006, hat mich Spike Lee für lange Zeit nicht mehr sehr interessiert. Es war still geworden um ihn.

Der Trailer zu «Inside Man» aus dem Jahr 2006.

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Bei Prince, der mich musikalisch geprägt hat, war es ähnlich. Auch da war nach dem «Black Album» irgendwann Schluss. Schön ist, dass die beiden befreundet waren. Es war Spike Lee, der, nur ein paar Stunden nach dem Bekanntwerden von Prince’ Tod, in Brooklyn spontan eine Block-Party, ein Strassenquartierfest, organisiert hat.

Eine schwarze Komödie über ­den Ku-Klux-Klan?

Wenn ich mit Freunden oder in der Familie über Spike Lee spreche, nenne ich ihn Spikey Boy. Es ist, als ob ich ihn kennte, obwohl das leider nicht im Geringsten so ist. Ich kenne seine Filme, persönlich getroffen habe ich ihn nie. Mit «BlacKkKlansman» vor drei Jahren hat er mich wieder überzeugt. Eine schwarze Komödie über einen Afroamerikaner, der den Ku-Klux-Klan infiltriert? Nicht alle haben das gemocht. Ich schon, und der Film hat mich aufgewühlt und wütend gemacht. Spikey Boy war zurück. Mit «Da 5 Bloods» über afroamerikanische Vietnamveteranen hat er das unterstrichen.

Spike Lee ist und bleibt eine streitbare Person. Aber ein «black nationalist» ist er nicht. Spike Lee ist in der afroamerikanischen Community nicht unumstritten, so viel ist sicher. Man erinnere sich nur, wie er gegen «Django Unchained» von Quentin Tarantino gewettert hat, ohne den Film überhaupt gesehen zu haben: Die Sklaverei sei kein Thema für einen Spaghettiwestern, meinte er. Dem entgegnete der ebenfalls schwarze Hauptdarsteller Jamie Foxx salopp, Lee hocke in seinem Haus in Manhattan und labere daher.

Letztendlich stellt einen Lee mit seinen Filmen immer vor die Wahl

Heute trägt Basketballfan Spike Lee immer noch Turnschuhe, von Nike natürlich, wie Michael Jordan. Auch hat er selbstverständlich immer noch seinen leicht speziellen Gang – der linke Fuss zieht leicht nach innen. So erinnert er auch heute an seine Figur Mookie aus «Do The Right Thing», die als Pizzabote durch Bed-Stuy schlurft.

Die «Spike Lee Joints» haben mich high gemacht und gleichzeitig meine Sicht auf die Dinge geschärft. Spike Lee mag ein bisschen exzentrisch, vielleicht auch manchmal stur und unnachgiebig sein, aber letztlich stellt er einen immer vor die Wahl. 2018 stand er in Cannes mit «BlacKkKlansman» im Wettbewerb und hielt nach der Premiere seine beschlagringten Hände mit den Aufschriften «Love» und «Hate» hoch.

Der Trailer zu «BlacKkKlansman» aus dem Jahr 2018.

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Dieselben Ringe, wie sie Radio Raheem in «Do The Right Thing» trägt. Nachdem Radio Raheem dem Würgegriff des weissen Polizisten erlegen ist, sieht man seine Hand im Vordergrund: Es ist die mit dem «Love»-Ring. Danke für alles, Spikey Boy.


Eine Liebe: Spike Lee und Cannes

Spike Lee an der diesjährigen Festivalseröffnung in Cannes.

Spike Lee an der diesjährigen Festivalseröffnung in Cannes.

Bild: Keystone

Filmfestival  Mit Cannes verbindet Jurypräsident Spike Lee eine 35-jährige Geschichte. Mit «She’s Gotta Have It» hat er 1986 den Prix de la Jeunesse gewonnen, drei Jahre später war er mit «Do The Right Thing» für die Goldene Palme nominiert. 2018 erhielt «BlacKkKlansman» den Grossen Preis der Jury. Denselben Job, nämlich den Gewinner zu küren, übt er jetzt aus, in illustrer Gesellschaft von US-Schauspielerin Maggie Gyllenhaal, des brasilianischen Regisseurs Kleber Mendonça Filho oder des südkoreanischen Schauspielers Song Kang-ho, der Vater in «Parasite». Lee war eigentlich schon letztes Jahr als Jurypräsident vorgesehen, das Festival musste pandemiebedingt aber abgesagt werden. Dass der US-Filmemacher auf erneute Anfrage der Festivalleitung sofort zusagte – «Bucht den Flug! Ich komme!» –, ist mit ein Grund, wieso er nun das Festivalplakat ziert.

An der Pressekonferenz äusserte sich Lee zum Thema Rassismus und Polizeigewalt, bezogen auf seinen Film «Do The Right Thing»: «Man würde hoffen, dass rund dreissig verdammte Jahre später Schwarze nicht mehr wie Tiere gejagt würden», sagte er. Lee trug eine Mütze mit der Zahl 1619 – das Jahr, in welchem erste Sklaven aus Afrika Nordamerika erreichten – und verwies auf die jüngsten Fälle von Polizeigewalt.

Die Filmfestspiele dauern noch bis zum 17. Juli. In den nächsten Tagen heiss erwartet werden etwa «The French Dispatch» von Wes Anderson sowie Wettbewerbsfilme von Sean Penn, Nanni Moretti, Asghar Farhadi, Ildikó Enyedi, Jacques Audiard oder Sean Baker. (reg)