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PORTRÄT: «Verbotener Schriftsteller» kehrt zurück

Luzern war im Kalten Krieg Ersatzhauptstadt für kritische tschechische Geister. Keiner weiss das besser als der Schriftsteller Pavel Kohout.
Pavel Kohout (86): Der tschechische Autor liest heute Abend im Literaturhaus Zentralschweiz in Stans aus seinen Memoiren. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Pavel Kohout (86): Der tschechische Autor liest heute Abend im Literaturhaus Zentralschweiz in Stans aus seinen Memoiren. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Julia Stephan

«Schauen Sie, da war ich zum ersten Mal in Luzern», sagt Pavel Kohout und hält einem das aufgeklappte Tagebuch entgegen. Auf dem Umschlag prangt das Jahr 1968. Darin hat der tschechische Autor sein Leben wie ein Buchhalter festgehalten. Täglich ein Eintrag: Aufenthaltsort, Erlebnis, aktuelles Werk. Eintrag folgt auf Eintrag. Kohout macht das seit seinem 24. Altersjahr. Inzwischen ist er bei Band 62 angelangt.

Pavel Kohout ist einer der bedeutendsten Intellektuellen Tschechiens. Heute Abend liest er als erster internationaler Gast im Literaturhaus Zentralschweiz in Stans. Dass an der Pressekonferenz im Luzerner Hotel Palace die eisgekühlten Weissweinflaschen stehen bleiben und die für die Journalisten bereitgestellten Stuhlreihen leer, sagt mehr über die Vergänglichkeit von Ruhm aus als über Kohouts beeindruckendes Leben. Im Gesicht des Tschechen strahlen auch nach 86 Jahren noch Humor und Lebenslust. Auf die Frage des Hotelpersonals nach einer Verpflegung, erwidert er mit der grosszügigen Geste des Charmeurs: «Danke, ich füttere die Dame gerade mit Worten!»

Kommunist aus guten Gründen

Sein tschechischer Nachname Kohout bedeutet nichts anderes als Hahn. Einen solchen Namen gab man im Mittelalter Menschen, die Unruhe stiften. Kohout hat den Namen beim Wort genommen. Früh hat Kohout geweckt und Alarm geschlagen. Als kleiner Junge durchlebte er die Weltwirtschaftskrise und die Folgen des Münchner Abkommens, das seine Heimat zum Opfer der territorialen Gelüste Nazideutschlands machte. Beide Krisen kulminierten beim jungen Kohout in der Überzeugung, dass der Kapitalismus und die westliche Demokratie wenig taugen. Kommunist geworden ist er also aus guten Gründen. Ebenfalls aus guten Gründen hat er sich später wieder davon verabschiedet und ist Demokrat geworden. Der vom Staat lange hofierte Schriftsteller Kohout war später Wortführer des Prager Frühlings und wurde von der kommunistischen Partei ausgeschlossen. Mit dem späteren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel verfasste er die Bürgerinitiative Charta 77, um auf die unmenschlichen Bedingungen in seinem Land aufmerksam zu machen. 1979 wurde er ausgebürgert und fand in Wien eine neue Heimat.

Luzern als Ankerpunkt

Dass Luzern in Kohouts Leben ein wichtiger Ankerpunkt war, ist Jürgen Braunschweiger zu verdanken, dem Leiter der Abteilung Buch des ehemaligen Luzerner C.-J.-Bucher-Verlags. Braunschweiger war durch einen Schweizer Fernsehauftritt auf den Tschechen aufmerksam geworden und verlegte 1969 den ersten Roman des Theaterautors. Das autobiografisch inspirierte «Tagebuch eines Konterrevolutionärs» schildert die dramatische Situation in der Tschechoslowakei nach dem Ende des Prager Frühlings und machte den Luzerner C.-J.-Bucher-Verlag zu einer Anlaufstelle für politisch verfolgte tschechische Autoren. Mit dem ehemaligen Nidwaldner Regierungsrat Bruno Leuthold verband Kohout eine enge Freundschaft. Als dieser zum ersten Mal nach Prag ging, um die «verbotenen Schriftsteller», die in Luzern ihren Verlag gefunden hatten, zu besuchen, bewaffnete er sie mit Schweizer Offiziersmessern.

Der Umgang mit Macht ist Kohouts Lebensthema, das er mit viel Fantasie bewältigt hat, besonders schön mit seinem berühmten Theaterstück «August, August, August», das in einer Zirkusmanege spielt, oder in seinem Hauptwerk «Die Henkerin», dessen Manuskript die Frau des Schweizer Botschafters einst in ihren Rock einnähte und in den Westen schmuggelte.

Nicht ängstlich, sondern neugierig

Um in politisch angespannten Zeiten entspannt zu bleiben, hat er sich zwei Überlebensstrategien zugelegt: Wann immer das System ihn ins Verhör nahm, wurde er vom verhafteten Bürger zum Schriftsteller, der beobachtet. Und weil er sich bis heute über jeden neuen Tag freut, ist er nie ängstlich gewesen, sondern neugierig geblieben. Nur so ist zu verstehen, wie ein Autor seine Memoiren mit dem ironischen Titel «Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel» betiteln konnte. Sollte Kohout bei so viel Übel auf der Welt auch mal schlecht werden und sich in ihm die Überzeugung festsetzen, die Welt habe einen Rückschlag erlitten, wendet der Optimist einen schlauen Trick an, für den man allerdings ein paar Jährchen auf dieser Welt gelebt haben muss: Er schaut auf die Weltkarte anno 1928, seinem Geburtsjahr: «Da sehe ich ein kleines demokratisches Land, umzingelt von faschistischen und faschistoiden Regimes.»

Der Fortschritt ist so offensichtlich, dass er sich dazu feierlich ein Glas Wein genehmigt.

Hinweis

Pavel Kohout liest heute Donnerstag, 19.45 Uhr, im Literaturhaus Zentralschweiz in Stans. Moderation: Tomáš Glanc. Reservation: info@lit-z.ch oder 041 610 03 65.

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