Interview

Ausstellung von Mirko Baselgia: Positive Gefühle auslösen

Der Bündner Mirko Baselgia (36) macht die Galerie Urs Meile in Luzern zu einem besonderen «Habitat». Skulpturen, Zeichnungen und Strukturbilder eröffnen Lebens- und Denkräume.

Interview: Edith Arnold
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Ansicht der Einzelausstellung «Habitat» von Mirko Baselgia in der Galerie Urs Meile, Luzern. (Bild: Franca Pedrazzetti)

Ansicht der Einzelausstellung «Habitat» von Mirko Baselgia in der Galerie Urs Meile, Luzern. (Bild: Franca Pedrazzetti)

Mirko Baselgia findet auf Wanderungen natürliches Material, das er zu neuer Kunst transformiert: in Bronze gegossene Murmeltierhöhlen, Tannenzapfen in verschiedenen Stadien, vergrösserte Bienenwaben, in duftendes Arvenholz gefräst. In der Abteikirche in Bellelay legte er im Frühling amerikanische Schienennetze aus bündnerischem Holz aus. Diesen stellte er ein Labor gegenüber, in dem verdaute Erdbeersamen sprossen. Ein Zukunftsparadies? Strukturen interessieren ihn, weil sie sicht- und unsichtbar die Umgebung bestimmen. Wir sprachen mit dem Bündner Künstler in Luzern.

Mirko Baselgia, die Zeichnungen, der Bleidruck, die Granatäpfel aus Stein und die gerahmten Holzstrukturen wirken auf den ersten Blick abstrakt. In welchem «Habitat» befinden wir uns hier?

Die Frage nach dem Habitat ist etwas, das in der Ausstellung alles vereint. Über die Zeichnungen kommt man in die Unterwelt, ein mögliches Habitat. Pilze bedienen sich der Unter- und Oberwelt, die grösste Struktur ist ja unterirdisch, dann ist da aber der spannende Trick, oberirdisch Fliegen anzulocken, um Sporen weiterzu-
transportieren.

Die Zeichnungen haben etwas Mechanisch-Zauberhaftes.

Abstraktion vermischt sich mit Realität. Der Klee könnte auch Löwenzahn sein, Alpha ein Zelt. Über die offenen Symbole zeichnete ich mit dem Pantograf, einem Vergrösserungsinstrument, Pilze. Die Farbe stammt von Schopftintlingen. Für die Reproduktion zersetzen sich diese in schwarze Flüssigkeit. Mit der Tinte unterzeichnete man früher wichtige Dokumente. Ich habe nach einem alten Rezept Gummi arabicum und Nelkenöl beigemischt. Die Pilze auf den Zeichnungen bestehen also aus sich selber.

Und die Granatäpfel sind Granaten?

Sie bestehen aus Lavastein von 1944, als der Vesuv letztmals ausgebrochen ist. Gleichzeitig sind sie ganz frisch: Vor einem Monat kaufte ich schöne reife Granatäpfel in Neapel. Ich liess sie von befreundeten Kunsthandwerkern 1:1 in Lavastein übertragen.

Weshalb diese Früchte?

Sie verkörpern für mich den Winter und die Versuchung. Dazu gefällt mir die griechische Mythologie um Persephone. Die Schutzgöttin der Fruchtbarkeit und Unterwelt sammelte Blumen, als sie von Hades in die Unterwelt entführt wurde. Ihre Mutter Demeter war so untröstlich, dass sich Zeus zuschaltete. Er befahl Hades, die Tochter freizugeben. Dieser kam der Bitte nach – nachdem er Persephone Granatapfelkerne essen liess. Wer in der Unterwelt etwas von dort isst, muss bleiben: Fortan verbrachte sie die Winter bei Hades, durfte aber im Frühling hoch. In Neapel ist die Unterwelt ein grosses Thema; der Vesuv droht latent auszubrechen.

Was hat es mit den gerahmten Strukturen im Hauptraum der Galerie auf sich?

Für mich sind es Zeichnungen in Arvenholz. Sie führen auf das Schienennetz von 1873 zurück, welches Europäer in die Landschaft der amerikanischen Ureinwohner bauten. Wenn man von einem Ort zum anderen eine Linie zieht, entsteht neben der Verbindung auch eine Trennung. Auf der Fläche bilden sich mitunter komplexe Strukturen. Ich fragte mich, wie es ist, wenn Territorien immer kleiner werden. Man kann die Bilder aber auch als neuronale Strukturen lesen.

Hängen innere und äussere Systeme zusammen?

Ich frage mich: Wie kann ich meine inneren Strukturen so ändern, dass ich glücklicher werde, und wo sind die Grenzen? Ich könnte ein Tipi aufbauen und davor ein Feuer machen, um einem Naturbedürfnis näherzukommen. Wenn ich das aber mitten in Zürich tue, steht wohl zehn Minuten später die Polizei neben mir. Ich kann mein Verhalten also nur so weit ausdehnen, wie es gesellschaftliche Normen erlauben. In diesem Zusammenhang interessieren mich auch Wohnkonzepte von Tieren: Vögel bauen Nester, um die Nachkommen zu beschützen. Dazu nutzen sie vorgefundenes Naturmaterial. Nur der Mensch bezahlt fürs Wohnen.

Wie leben Sie?

In einem Rundholzstall im bündnerischen Lain. Die Besitzerin liess ihn vom St. Moritzer Architekten Hans Jörg Ruch ausbauen. Innen hat es weisse Wände und ein Oberlicht. Ich finde es sinnvoll, eine bestehende Struktur nochmals zu nutzen, statt sie abzureissen und neu zu bauen. Zufällig war das Objekt verfügbar, als ich nach acht Jahren Zürich in die Berge zurück wollte. Seit zwei Jahren habe ich kein Mobiltelefon mehr, seit einem Jahr benutze ich Facebook und Instagram nicht mehr – das entspannt.

Dafür begeben sich einige Arvenholz-Zeichnungen bald an die schillernde Art Basel Miami Beach. Was möchten Sie als Künstler bewirken?

Die Arbeiten sind Symbole für Strukturen. Wenn sie jemandem Freude machen, einen Gedankengang verändern oder positive Gefühle auslösen, sind sie gelungen.

«Mirko Baselgia, «Habitat». Galerie Meile, Rosenberghöhe 4, Luzern. Vernissage: heute, 23.11., 17.30 Uhr. Bis 2.2.2019.»