Christy Doran: Power-Musik mit Melodien und Kanten

Gitarre, Bass, Schlagzeug: Der Luzerner Gitarrist Christy Doran hat mit dem Trio Sound Fountain ein Album veröffentlicht, das rockt.

Pirmin Bossart
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Christy Doran, flankiert von Drummer Lukas Mantel (links) und Bassist Franco Fontanarrosa.

Christy Doran, flankiert von Drummer Lukas Mantel (links) und Bassist Franco Fontanarrosa.

Bild: Martin Bonetto

Ein Stück wie «Oneiron Street» macht einfach nur Freude. Das ist Musik, in denen die Rockenergie, die Jazz-Vielseitigkeit und das gitarristische Handwerk wunderbar verschmelzen. Das geht tiefer unter die Haut als die übliche «Fusion» und klingt eher wie progressiver Jam-Rock. Ein melodisches Thema hebt an, wird afrikanisch angehaucht, repetitive Rhythmen zappeln. Bass-Pulse fliessen, die Gitarre rifft und schlägt in fetten Akkorden. Dann greift sie auch wunderbar solistisch aus, während das Schlagzeug mit fiebert.

Der mit zehn Minuten längste Track entwickelt sich in mehreren Teilen und ist ein Höhepunkt des Albums von Christy Doran’s Sound Fountain. «Ich habe das Stück auf der griechischen Insel Paros geschrieben», sagt Doran. Vielleicht lasse es deshalb dieses entspannte und melodiöse Flair durchscheinen. Aber Doran war noch nie ein verbissener Verfechter der puristischen Improvisation, die möglichst verquer und atonal bleiben soll. «Auch Melodisches und Wohlklingendes kann Platz haben. Ich habe mich dem noch nie verschlossen.»

Handschrift verfeinert und intensiviert

Nicht, dass «Lift The Bar» ein Wohlfühl-Album geworden wäre. Grundsubstanz sind harte Riffs, vertrackte Rhythmen, Groove-Passagen, Sound-Gesplitter und sphärische Texturen. Damit bauen die drei Musiker ihre Tracks, die bisweilen an Skelette erinnern, die mit elektrischer Energie zum Leben erweckt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist «Aftertaste» mit seiner vorantreibenden Wucht und seinem metallischen Sound, die dennoch in ein melodisches Thema eingebunden sind.

Fontanarrosa, der seinen E-Bass sehr gitarristisch spielt, ohne deswegen das Tieftöner-Handwerk zu vernachlässigen, beeindruckt mit seiner Technik und seinem Feeling. Lukas Mantel ist ein Berserker, der unermüdlich brettern kann, aber auch feine Details einstreut und mit seinem langen Atem das Trio rhythmisch bei der Stange hält. Doran ist ohnehin seit Jahrzehnten eine feste Gitarren-Grösse in der europäischen Szene. Es ist bemerkenswert, wie er am Puls geblieben ist und seine Handschrift über all die Jahre weiter verfeinert und intensiviert hat.

Mit Ausnahme von «Aftertaste» (Fontanarrosa) stammen alle sieben Tracks von Doran. Ein klassische Doran Komposition ist das Titelstück «Lift the Bar» mit seinen Wechselspielen aus melodischen Motiven, Riffs und flirrenden Licks über einem pulsierenden Groove. Nachdem sie als Kollektiv begonnen hätten, habe er dem Trio in der letzten Zeit stärker seinen Stempel aufgedrückt, sagt der Gitarrist. Fontanarrosa lebt in Buenos Aires, Lukas Mantel ist unter anderem mit seinem eigenen Sextett beschäftigt und arbeitete eine Zeitlang in Indien.

Dennoch sind die drei Musiker in bestem Einklang miteinander. «In keiner anderen Band von mir habe ich die Kommunikation so gut erlebt. Es ist ein Engagement da, wir sind interessiert aneinander.» Doran traf Fontanarrosa vor sechs Jahren auf einer Tour in Argentinien mit seiner alten Band New Bag. «Später kam er nach Europa, inzwischen sind wir sehr gute Freunde.» Auch musikalisch harmoniert es ausgezeichnet. «Einerseits nimmt er souverän die Bassfunktion wahr, andererseits bringt er sein vertracktes und klangliches Zeugs ein. Das ist inspirierend.»

Den Schlagzeuger Lukas Mantel hat Doran an der Musikhochschule Luzern kennengelernt. Dass Mantel auch die südindische Musik mit ihrer komplexen Metrik studiert hat, kommt Doran entgegen. «Ich habe die vertrackten Rhythmen gerne, aber nicht unbedingt im Sinne der klassischen Fusion. Am liebsten bewege ich mich über einem Metrum, das verschiedene Taktarten beinhaltet, aber elastisch bleibt. Ich reagiere eher intuitiv als mathematisch getaktet. Da ist Lukas mit seinem rhythmischen Gespür ein guter Anker für mich.»

In der klassischen Trio-Besetzung mit Bass und Schlagzeug hat Doran als Gitarrist eine wichtige Rolle. «Egal ob Klänge, Texturen, Akkorde oder Solis: Du musst liefern und dauernd parat sein.» Dazu kommt das permanente Navigieren zwischen strukturierten Passagen und offenen Konzepten, in denen die Musiker frei reagieren. Nach einem Konzert sei er manchmal ziemlich geschafft, grinst der Musiker. «Wir spielen ja nicht laid-back, sondern entwickeln eine ziemliche Power. Da bist du gefordert.»

Neue Projekte in der Pipeline

Das Trio besteht seit 2014 und war jedes Jahr abwechselnd in Europa und in Argentinien/Bolivien/Chile auf einer grösseren Tour. Diese Live-Gigs kitten die Band auch musikalisch zusammen. «Da hat man die Musik bald einmal in den Fingern. Wenn wir dann ins Studio gehen, sind wir eingespielt und müssen die Stücke nur noch ein paar Mal aufwärmen.» Aufgrund der Corona-Funkstille kann Doran nicht sagen, wie es mit dem Trio weitergeht. «Alle Gigs sind ausgefallen. Jetzt bin ich viel am Üben und am Komponieren.»

Zurzeit schreibt er neue Stücke für ein Projekt mit der Vokalkünstlerin Lauren Newton sowie für ein weiteres Trio mit Ronan Guilfoyle (Bass) und Gerry Hemingway (Drums). Auch mit dem Gitarristen Franz Hellmüller ist Doran an einem Duo-Projekt. Und mit der Urgestein-Band OM war Doran vor zwei Monaten im Studio. «Wir haben eine neue CD aufgenommen und hoffen, dass wie ab Herbst auf Tour gehen können.» Mit «Lift the Bar» lässt sich die Wartezeit gut überbrücken.

Christy Doran’s Sound Fountain: Lift The Bar (Between the Lines, CD, 2020).