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Praktikum am Theater St. Gallen:
Der Traum von der Bühne

Die Arbeitsaussichten sind prekär, die Träume gewaltig: Auf dem Weg zur Bühne absolvieren zwei Berner Schauspielstudenten ein Praxissemester am Theater St. Gallen. Doch Traumberuf und Realität kollidieren.
Julia Nehmiz
Für ein halbes Jahr im Ensemble des Theaters St. Gallen: Seraphina Schweiger und Stefan Schönholzer, Schauspielstudenten der Hochschule Bern. (Bild: Benjamin Manser)

Für ein halbes Jahr im Ensemble des Theaters St. Gallen: Seraphina Schweiger und Stefan Schönholzer, Schauspielstudenten der Hochschule Bern. (Bild: Benjamin Manser)

Zu siebt stehen sie im engen Kreis, weit hinten im riesigen Theaterraum der St. Galler Lokremise, als sollte sie keiner sehen. Sie üben Chorgesang, a cappella, mal jazzig, mal technisch, stundenlang. Der musikalische Leiter Andi Peter schnippt den Takt, draussen fahren Züge vorbei, nach Zürich, nach Luzern und wieder zurück, die Regisseurin geht eine rauchen, die Regieassistentin setzt sich Kopfhörer auf und schreibt im Regiebuch, der Ausstatter isst ein Brötchen und blättert in einem Bekleidungs-Bestellkatalog.

Die zwei Schauspielerinnen und vier Schauspieler summen und singen, einstimmig, mehrstimmig, mit Text, ohne Text, durch die deckenhohen Fenster der Lokremise sieht man die Züge wie geheime Taktgeber vorbeirauschen. Probenarbeit kann mühsam sein. Und sinnlos wirken.

Für Seraphina Schweiger und Stefan Schönholzer erfüllt sich ein Traum. Sie absolvieren ein Praxissemester am Theater St. Gallen. Aber sie sind keine klassischen Praktikanten. Sie müssen keinen Kaffee kochen, keine Papierstapel kopieren, sie sitzen nicht eingeschüchtert in Konferenzen herum.

Es ist das erste Mal, dass die Hochschule für Künste Bern ihre Schauspielstudenten im sechsten Semester ins Praktikum schickt. Und es ist das erste Mal, dass die Theater Bern, Basel und St. Gallen Praxis-Studenten beschäftigen. Sie werden wie festangestellte Ensemblemitglieder im Spielplan eingesetzt. Und sie erleben den Theateralltag.

Musikalische Probe für "Verrücktes Blut" am Theater St. Gallen mit Andi Peter, Seraphina Schweiger, Pascale Pfeuti und Kay Kysela. (Bild: Benjamin Manser)

Musikalische Probe für "Verrücktes Blut" am Theater St. Gallen mit Andi Peter, Seraphina Schweiger, Pascale Pfeuti und Kay Kysela. (Bild: Benjamin Manser)

«Ich find’s total cool, hier zu sein», sagt Seraphina Schweiger, 26. «Man bekommt viel mehr ein Gefühl dafür, was das für ein Beruf ist.» Wie die Vorstellungen vom Traumberuf der Realität standhalten. Oder auch nicht. Schweiger kommt aus einem kleinen Dorf aus Bayern nahe Füssen. Theater entdeckte sie auf einer Klassenfahrt in Freiburg, als sie «Die Ratten» von Gerhart Hauptmann sah. «Das Stück hat mich fasziniert und Unwohlsein verursacht», sagt sie und streicht sich die langen braunen Haare zurück. Das Milieu, die Groteske, kein Happy End. Im Allgäu hiess Theater: Musical.

Den Beruf Schauspielerin empfindet sie jetzt wie ein Geschenk. «Ich darf mich geistig und körperlich mit Texten beschäftigen.» Sie spricht ernsthaft über ihren Traumberuf, man spürt, sie setzt sich mit Schauspiel auseinander.

Shakespeares Versmass ist wie Rap

«Rap ist relevanter als Theater», sagt Stefan Schönholzer, 30. Was absurd klingt für einen angehenden Schauspieler, erklärt sich, wenn man seinen Lebenslauf anschaut. Schönholzer hat bis zum Schauspielstudium Psychologie studiert und gerappt, sich einen Namen gemacht als «Rotchopf». Und ja, sein Künstlername spielt auf seine Haarfarbe an. «Au i dir steckt en chline Hitler, en chline Fritzl, en perfide, primitive Wichser», rappt er 2015 in «I Dier». An die 100 Auftritte hat er als Rapper gehabt.

Jetzt steht er auf der Probenbühne in der Lokremise und muss sich die Anweisungen der Regisseurin anhören. «Ich setze mich gerne mit fremden Texten und Visionen von anderen auseinander.» Er spricht reflektiert über Theater und Rap. Die Verbindung mache Sinn, Shakespeares Versmass sei wie Rap. Über das Dorftheater seiner Zürcher Heimatgemeinde und eine Musicalproduktion in Luzern kam er zum Theater. Die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule war für ihn eher eine bucket-list: «Damit ich es nicht bereue und mich fragen muss, warum habe ich es nicht probiert.»

Warten, auch das gehört zum Beruf

Jetzt probieren er und Seraphina Schweiger «Verrücktes Blut». Ein Montagmittag im Dezember, wenige Tage vor der Premiere. Die Schauspielerinnen und Schauspieler warten vor dem Theatersaal in der Lokremise auf ihren Einsatz. Der verzögert sich, die Regisseurin probt und probt an einer Zweierszene.

Die anderen lümmeln auf Sofa und Fussboden, schauen Youtube-Filmchen, ein Schauspieler erzählt Theater-Anekdoten: «Und als ich dann auf der Bühne gestorben bin, ruft ein Junge aus dem Zuschauerraum ‹na endlich›.» Alle lachen. Einer hat gebrannte Mandeln vom Weihnachtsmarkt mitgebracht, Stefan Schönholzer geht noch eine rauchen, der Kollege darf sich mit Seraphina Schweigers Tabak eine Zigarette drehen. Warten.

Auch das gehört zum Beruf. An der Schauspielschule ist der Tag durchgetaktet, Körpertraining, Sprecherziehung, Szenenstudium, Fechten, von morgens bis abends ein voller Stundenplan. Der Probenplan am Theater sieht anders aus.

«Es war total ungewohnt, plötzlich so viel Zeit zu haben», sagt Schönholzer. Manchmal hat er sich gelangweilt. Während Wochen kaum Proben zu haben, kaum Vorstellungen, er wusste gar nicht, was er mit der vielen Zeit anfangen sollte. «Darauf war ich nicht vorbereitet.» Für die Zeit nach der nächsten Premiere haben er und Seraphina Schweiger sich ein Projekt vorgenommen. Sie wollen ein Programm erarbeiten für eine «Nachtzug»-Vorstellung in der Lokremise.

Szenenbild aus "Versetzung" am Theater St. Gallen mit Seraphina Schweiger und Stefan Schönholzer. (Bild: Tanja Dorendorf)

Szenenbild aus "Versetzung" am Theater St. Gallen mit Seraphina Schweiger und Stefan Schönholzer. (Bild: Tanja Dorendorf)

Sie kennen die prekäre Situation auf dem Arbeitsmarkt. Die Theaterensembles schrumpfen, feste Stellen werden weniger, aber jedes Jahr bilden im deutschsprachigen Raum 19 staatliche Hochschulen und unzählige private Schauspielschulen Hunderte Talente aus. Es gibt zu wenig Jobs. Genaue Zahlen hat zwar keiner, weder die Zahl Stellen noch die der Schauspieler sind erfasst. Es gibt aber mehr Schauspieler, als man denkt, heisst es beim Schweizerischen Bühnenkünstlerverband. Und vor allem mehr, als der Markt verkraftet.

Schweiger und Schönholzer machen sich darüber keine Sorgen. «Als Schauspieler kannst Du so viel machen», sagt Schweiger. «Ich kann meinen Beruf selber definieren», sagt Schönholzer. Fest oder frei, Theater, Film, Sprecher, Moderator, Coaching – alles möglich. Das Praxissemester sei super für den Einblick in die Strukturen eines Hauses.

Vielleicht liegen auch einfach die Nerven blank

Eine der letzten Proben vor der Premiere. Es stockt, ständig weiss jemand nicht weiter, Texthänger reiht sich an Texthänger, die Souffleuse sagt wieder und wieder vor. Als zum xten Mal jemand «ach Scheisse, falscher Text, nochmal» sagt, vergräbt die Regisseurin den Kopf in den Armen. Es ist mehr ein Durchstolpern als ein Durchlauf. Vielleicht liegen auch einfach die Nerven blank.

«Mich nervt, wenn sie immer aussteigen und lachen und unterbrechen», sagt Regisseurin Anja Horst. Sie hat die Probe beendet und raucht am Notausgang, draussen beginnt es zu regnen. «Aber das gehört dazu. Jetzt muss das Stück raus.»

Stefan Schönholzer als Bastian in "Verrücktes Blut" am Theater St. Gallen, Szenenbild mit Lukas Riedle, Kay Kysela und Jessica Cuna. (Bild: Tanja Dorendorf)

Stefan Schönholzer als Bastian in "Verrücktes Blut" am Theater St. Gallen, Szenenbild mit Lukas Riedle, Kay Kysela und Jessica Cuna. (Bild: Tanja Dorendorf)

«Das ist einfach der Montagmorgen-Blues», sagt Stefan Schönholzer. «Morgens ist eh nicht so meine Zeit. Aber das ist ja das Tolle an dem Beruf. Gespielt wird abends.» Seraphina Schweiger zieht die Stirn kraus: «Naja, wir haben ein paar 10-Uhr-Vorstellungen.» Für Schönholzer kein Problem: «Da muss man sich natürlich vorher aufwärmen, dann geht das gut.»

An einem Abend Anfang Dezember haben sie es geschafft. Minutenlang Applaus, die Schauspielerinnen und Schauspieler verbeugen sich, verschwitzt, abgekämpft und voller Adrenalin. Eineinhalb Stunden haben sie geflucht, geprügelt, gerotzt, um die Macht im Klassenzimmer gekämpft. «Verrücktes Blut», ein brutales Jugendstück zur Migrationsdebatte, ist ein Erfolg. Auch für die beiden Schauspielpraktikanten.

Seraphina Schweiger als Latifa in "Verrücktes Blut" in der St. Galler Inszenierung. (Bild: Tanja Dorendorf)

Seraphina Schweiger als Latifa in "Verrücktes Blut" in der St. Galler Inszenierung. (Bild: Tanja Dorendorf)

Dann ist wieder Alltag: mit Vorstellungen, Szenenstudium bei Schauspieldirektor Jonas Knecht, Sprecherziehung und Körpertraining am Theater. Nach dem Bachelor wollen beide den Master machen. Stefan Schönholzer tendiert zwar eher dazu, frei zu arbeiten – doch er und Seraphina Schweiger können sich gut vorstellen, fest an ein Theater zu gehen. Der Praxistest hat standgehalten.

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