PREMIERE: Béatrice et Bénédict: Im Labyrinth der Jugendversprechen

Das Luzerner Theater hat einen ersten Saison­höhepunkt in der Oper: Hector Berlioz’ «Béatrice et ­Bénédict» verbindet zauberhaftKomödie mit Liebesmagie.

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Was sich liebt, das neckt sich. Jutta Maria Böhnert und Utku Kuzuluk in den Hauptrollen von Hector Berlioz’ Opernkomödie «Béatrice et Bénédict». (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Was sich liebt, das neckt sich. Jutta Maria Böhnert und Utku Kuzuluk in den Hauptrollen von Hector Berlioz’ Opernkomödie «Béatrice et Bénédict». (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Urs Mattenberger

Nach dem Gespräch mit Bühnenbildner Werner Hutterli (Ausgabe vom Samstag) schien klar, dass in dieser Neuproduktion am Luzerner Theater die Bühne eine Hauptrolle spielen würde. Die französische Regisseurin Béatrice Lachaussée selber hatte sich für Hector Berlioz’ Opernkomödie «Béatrice et ­Bénédict» ein Labyrinth gewünscht: als Sinnbild für die verschlungene Psychologie, die einen Mann und eine Frau, die sich uneingestanden lieben, über Egozentrik und Misstrauen hinweg zusammenführt.

Dennoch war man an der Premiere vom Samstag überrascht, wie sich dieses psychologische Katz-und-Maus-Spiel (nach Shakespeares «Viel Lärm um nichts») zwischen den Sitzbankelementen vollzieht, die Hutterli auf der Bühne zum Irrgarten anordnete. Früh haut zwar der Dorfchor, der die Rückkehr der sizilianischen Soldaten feiert, unter seinem urkomischen Kapellmeister lustvoll über die Stränge und Bänke. Aber im ganzen ersten Akt kanalisiert diese so offene wie sperrige Labyrinth-Geometrie das Spiel der Hauptfiguren mehr, statt es ins Verwirrliche hinein aufzufächern.

Magie statt Slapstick

So plätschert der erste Akt, angetrieben durch Berlioz’ wendige, farbsprühende Musik, zwar vergnüglich dahin, wenn das zweite Liebespaar – Hero und Claudio – seine Heiratsvorbereitungen trifft und Intrigen anzettelt, die Béatrice und Bénédict zusammenführen sollen. Aber das Spiel kommt ganz ohne Rokoko-Slapstick aus, den der Irrgarten als Anspielung auf französische Komödien des 18. Jahrhunderts nahelegt.

Dafür wird dieser bereits vor der Pause atemberaubend aus den Angeln gehoben: Wenn Hero mit der lebensklugen Gesellschafterin Ursule über die Liebe und die Angst vor ihrem Verlust sinniert, wird das zu einem magischen Moment in dem jetzt mondbeglänzten Labyrinth. Auch sängerisch ist dieses Duett, in dem der feinnervige Sopran von Carla Maffioletti und der sinnlich-warme Mezzosopran von Eunkyong Lim zauberhaft verschmelzen, ein absoluter, entrückter Höhepunkt.

Von da an behält der Abend diese Dichte bei. Ein zweiter – auch vokaler – Höhepunkt ist die Szene, in der sich Béatrice zum Eingeständnis ihrer Liebe durchringt – in Erinnerung an den schmerzhaften Abschied von dem zum Krieg aufgebotenen Bénédict. Jutta Maria Böhnert verbindet einmal mehr mit ihrem Sopran seismografische Sensibilität mit entspannt und weit strömender Ausdruckskraft. Und ragt aus dem durchweg ansprechend besetzten Ensemble (Utku Kuzuluk als entschlossener Bénédict, Todd Boyce als Claudio, Flurin Caduff als General) heraus.

Eine Schlüsselszene ist das aber auch für die Inszenierung der jungen französischen Regisseurin, die hier Jugenderinnerungen und Kriegstrauma übereinanderblendet. So kehrt die kleine Béatrice auf die Bühne zurück, die sich zu Beginn des Abends – zur Ouvertüre – mit Bénédict unbeschwert beim Ballspielen neckte. Das blondlockige Mädchen tritt der erwachsenen Béatrice mit ihrem emanzipierten, pragmatisch-strengen Kurzhaarschnitt wie ein nicht eingelöstes Jugendversprechen gegenüber. Währenddessen tobt im Hintergrund auch äusserlich die Schlacht. Hutterlis Bühnenbild entfaltet seine Kraft, wenn die Elemente des Labyrinths als Waffen genutzt werden und sich schliesslich zu Trümmerhaufen türmen.

Doppelbödige Theatralik

Neben solchen Momenten einer berührend emotionalen Innenschau bekommt aber auch das komödiantische Element zunehmend mehr Profil. In den behutsam modernisierten, deutsch gesprochenen Dialogen werden Liebesversprechen gegen den Verlust der individuellen Freiheit abgewogen und Kriege durch «Freihandelsabkommen» überflüssig gemacht. Ganz komödiantisch eingesetzt wird der Chor, der viel Tempo und Bewegung auf die Bühne bringt. Dass alle Chorszenen als Auftritte des Festchors im Stück behandelt werden, wertet zudem die Rolle des von Berlioz genüsslich karikierten Kapellmeisters Somarone auf. Szymon Chojnacki macht aus der Neben- eine Hauptrolle und füllt sie genüsslich aus – vom Saufgelage bis hin zu Rundumdirigaten, in denen er Solisten und Orchester im Graben gleich mitdirigiert.

Das ist doppelbödige Theatralik, wie sie der französische Romantiker Berlioz selber liebte. Und sie kommt auch in dieser beweglich und in vielen Facetten schillernden Partitur zum Ausdruck. Das von Boris Schäfer geleitete Luzerner Sinfonieorchester trägt dem mit einem leichten Ton Rechnung, lässt allerdings die Extremwerte etwas vermissen, die diese Partitur zwischen Gassenhauer, Konversationston und Belcanto, zwischen Intimität und Rausch ausbreitet. Dass das Luzerner Theater mit diesem eher selten gespielten Stück einen ersten Saisonhöhepunkt in der Oper hat, bestätigte der unermüdlich lange Schlussapplaus des Premierenpublikums.

Hinweis

Vorstellungen (jeweils 19.30): 28., 31. Januar, 5., 14., 19., 21. (13.30 Uhr), 27. Februar, 4., 20. (20 Uhr), 28. (17 Uhr) März, 16. April.

VV: Tel. 041 228 14 14.