PREMIERE: Die Revolution dreht lautstark durch

Aktueller Stoff, anspruchsvoller Text: Andreas Herrmann inszeniert am Luzerner Theater das Revolutionsdrama «Dantons Tod» von Georg Büchner.

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Spektakuläre Szene aus «Dantons Tod» am Luzerner Theater: Saint-Just (Wiebke Kayser) bei seiner Brandrede. (Bild: Luzerner Theater/Toni Suter)

Spektakuläre Szene aus «Dantons Tod» am Luzerner Theater: Saint-Just (Wiebke Kayser) bei seiner Brandrede. (Bild: Luzerner Theater/Toni Suter)

Kurt Beck

Eine Revolution ist eine todernste Sache. Dies macht auch das Drama «Dantons Tod» klar, das am Samstag im Luzerner Theater Premiere hatte. Das Stück, das der deutsche Schriftsteller, Mediziner, Naturwissenschaftler und Revolutionär Georg Büchner (1813–1837) im Alter von 22 Jahren innert fünf Wochen verfasst hat, wirft einen schonungslosen Blick auf die blutige Geschichte der Französischen Revolution.

Doch «Dantons Tod» ist mehr als eine dramatische Aufarbeitung der historischen Ereignisse. Büchner stellt in diesem Stück grundsätzliche Fragen nach der Möglichkeit von gesellschaftlicher und politischer Veränderung, nach der Verwirklichung von Utopien, der Notwendigkeit von Freiheit und Menschenrechten und den Gründen für das Scheitern von Revolutionen, die sprichwörtlich ihre eigenen Kinder verschlingen.

Kampf um die Macht

«Dantons Tod» setzt fünf Jahre nach dem Sturm auf die Bastille (14. Juli 1789) ein. Die Revolution hat den König enthauptet und den Adel entmachtet. Die alte Herrschaft wurde wegguillotiniert, der Weg für eine neue Republik der freien Bürgerinnen und Bürger war offen. Doch statt Freiheit herrscht Terror. Die Revolutionsführer verheddern sich in blutigen Machtspielen. Statt die Lebensbedingungen des Volkes zu verbessern, schachern und morden sie für den Erhalt ihrer neuen Privilegien und die Mehrung ihres persönlichen Ruhms, während die Bevölkerung immer noch hungert: «Ihr wollt Brot, und sie werfen euch Köpfe hin!», bringt es Danton auf den makabren Punkt.

Danton ist des Blutvergiessens müde. Dass er die Terrorherrschaft von Robespierre öffentlich anzweifelt, bringt ihm eine Anklage wegen Hochverrats ein. Danton wird zusammen mit seinen Freunden verurteilt und hingerichtet. Robespierre seinerseits wird, wie es Danton prophezeit hat, wenige Monate später ebenfalls hingerichtet.

Pessimistische Einschätzung

Revolutionen sind notwendig, aber scheitern an der menschlichen Natur. Das ist das pessimistische Fazit, das Büchner in «Dantons Tod» zieht. Persönliches Machtstreben, gepaart mit dem Opportunismus der käuflichen Massen, die ihre Stimme dem Meistbietenden verkaufen, lässt die Revolutionen scheitern. Wie aktuell die Einsicht Büchners ist, zeigten zuletzt die Revolutionen des Arabischen Frühlings, die sich wenig erfreulich entwickelt haben.

Büchner hat in «Dantons Tod» einen schwierigen Stoff verarbeitet und einen grossartigen und sehr anspruchsvollen Text geschrieben, der allerdings nicht einfach auf die Bühne zu bringen ist. In der Inszenierung von Schauspielleiter Andreas Herrmann lässt man dem Text genügend Raum, indem auf ein Bühnenbild verzichtet wurde und stattdessen eine drehbare Kunststoffkuppel ins Zentrum des dunklen Raums gesetzt wurde. Wie ein Rad (der Geschichte) dreht sie sich, lässt die Schauspieler den ruhenden Pol erklimmen und wirft sie umgehend wieder ab. Das macht zuerst Sinn, ist auf die Dauer jedoch ermüdend. Zumal das Drehen von einem endlosen akustischen Mahlwerk begleitet wird.

Die leere Bühne erschwert es allerdings, das Geschehen zu verorten und dem Text zu folgen. Obwohl nach Kräften bemüht, gelingt es nicht allen Akteuren, den Text mit Persönlichkeit zu erfüllen und ihrer Rolle Glaubwürdigkeit zu verleihen. Zudem wird das kom­plexe Setting durch den wenig überzeugenden Tausch der Geschlechterrollen zusätzlich verkompliziert, ohne inhaltlich das Stück um Wesentliches zu bereichern. Christian Baus, der einen soliden Danton gibt, trägt den Frauenrock mit Fassung. Julia Doege wirkt als Robespierre jedoch allzu blass.

Highlight der Inszenierung

In der Luzerner Inszenierung des Büchner’schen Revolutionsdramas hat es auch Platz für Humor und Spektakel. Für Lacher sorgten an der Premiere die derb-bösen Auftritte von Bettina Rieb­esel und Jörg Dathe als Pöbelpaar.

Das Highlight der Inszenierung war die Rede von Saint-Just, der in Hitler’scher Rhetorik den Blutzoll der Revolution rechtfertigt. Wiebke Kayser, souverän in ihrer Rolle als Saint-Just, schmetterte das Pamphlet von der Spitze der aufgerichteten Kuppel gnadenlos ins Publikum. Die Rede endete mit den bombastischen Klängen der «Marseillaise». Ein starkes Bild.

Hinweis

Nächste Vorstellungen: 17., 18., 25., 28. Februar, 5., 6., 11., 13., 18., 19. März und 9. April. VV: 041 228 14 14; www.luzernertheater.ch