Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

PREMIERE: Schwere Zeiten für Seher

Stefan Puchers Inszenierungsteam und sechs starke Schauspielerinnen machen Elfriede Jelineks «Am Königsweg» im Zürcher Pfauen zu einem mitreissenden Abend.
Valeria Heintges
Miriam Maertens (vorne) als Seherin Jelinek und ihre Schauspielkolleginnen machen «Am Königsweg» zum starken Stück. (Bild: Tanja Dorendorf)

Miriam Maertens (vorne) als Seherin Jelinek und ihre Schauspielkolleginnen machen «Am Königsweg» zum starken Stück. (Bild: Tanja Dorendorf)

Valeria Heintges

Kermit hat die Krätze. Fozzy Bär fallen die Haare aus, dass das blanke Fleisch herausschaut. Und Miss Piggy quellen die Augen aus dem Kopf. Keine Kinder-, sondern eine Gruselshow hat Annabelle Witt mit diesen Puppen entworfen. Eine, die keinen Zweifel daran lässt, dass auch die ehemaligen Filmstars in der Gosse gelandet sind.

In «Am Königsweg» von Elfriede Jelinek sind ohnehin alle in der Gosse gelandet. Nur der König nicht, der triumphiert an den Schalthebeln der Macht. Aber dafür hat er das Land gespalten und auch nach aussen dicke Gräben aufgeworfen. Hier, am Königshof, sind alle blind. Auch der König, «der hat alle Blindheit aufgekauft». Und die Seher arbeitslos gemacht. Denn was will der Seher noch sehen, wenn die Wahrheit, aber auch ihr Gegenteil wahr ist, sich jeder seine Fakten schafft? «Seher braucht es ohnehin nicht mehr, es steht ja alles im Geschichts-, nein im Gesichtsbuch», formuliert Jelinek und schreibt damit zutiefst pessimistisch ihr eigenes Testament.

Was wohl aus dem gesäten Hass wird?

Die typisch Jelinekschen Textflächen, die wort- und wendungs-, weniger witz- als geistesreich über Seiten hinmäandern, kreisen um das grosse Rätsel im Weissen Haus. Zwar nennt Elfriede Jelinek den Namen Trump nicht ein einziges Mal, aber er ist der König, der neue Herrscher, der gewählte Präsident. Doch geht es Elfriede Jelinek weniger um den Menschen Trump als um die Bedingungen, das Phänomen, das ihn an diesen Platz gebracht hat, um die Frage, was in Zukunft aus dem Hass, der Gewalt wird, die er sät. Der Blick in die Zukunft versammelt die Mitglieder des Ku-Klux-Klan und einen Clown, der todtraurig sein baldiges Ende vorhersieht.

Jelinek wünscht sich in der einzigen Regieanweisung eine blinde Miss Piggy und «überhaupt» gern «Figuren aus der Muppet Show». Stefan Pucher und sein Inszenierungsteam erfüllen den Wunsch, reichern aber an mit: einem Mini-Trump, einer barock anmutenden Gold-Modeshow, reichlich Videosequenzen von Chris Kondek in der Bühne von Barbara Ehnes, rockig-futuristischer Musik von Becky Lee Waters und Réka Csiszér und einer Gruppe androgyner Abrahams in der Wüste. Und vor allem: Mit der Figur der Elfriede Jelinek selbst. Zu Beginn setzt Miriam Maertens noch die kleine Puppe wie Peterchen in die Mondsichel. Sie trägt eine Tolle auf der Stirne, zwei Zöpfchen links und rechts – kein Zweifel, das ist die blinde Seherin Jelinek selbst. Und dann verfünffacht sie sich auch noch, spricht im Chor die düsteren Prognosen.

Hier wie in jeder Szene zeigt das sechsköpfige Frauenensemble seine hohe Sprech- und Spielkunst und die Freude auch an diesem schwierig zu knackenden Text. Ihnen, Puchers sehr genauer Textarbeit und den Wittschen Kostümen und Puppen ist es zu danken, dass der Abend zum grossen Zuschauerspass wird. Gemeinsam führen sie in die gedanklichen Tiefen der Philosophien von Martin Heidegger («wie immer», gesteht Jelinek im Textanhang) und René Girard und zu den Anspielungen auf antike oder biblische Mythen.

Kurz: Ein anspruchsvoller, aber überaus mitreissender und bedenkenswerter Abend, der zur Premiere am Donnerstag im Zürcher Pfauen heftig beklatscht wurde.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.