PREMIERE: Sweeney Todd - Action auf dem Schleudersitz zur Hölle

Ein Thriller auf der Theaterbühne? Das Luzerner Theater löst das Versprechen mit dem schwarzen Humor des Musicals «Sweeny Todd» spät, aber umwerfend ein.

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Ein unschlagbares Duo: Der mordende Barbier (links: Todd Boyce) und seine geschäftstüchtige Komplizin (Marie-Luise Dressen) verwerten die erste Leiche. (Bild: Luzerner Theater/Tanja Dorendorf)

Ein unschlagbares Duo: Der mordende Barbier (links: Todd Boyce) und seine geschäftstüchtige Komplizin (Marie-Luise Dressen) verwerten die erste Leiche. (Bild: Luzerner Theater/Tanja Dorendorf)

Urs Mattenberger

Nach der Pause folgen sich die Ereignisse im Luzerner Theater Schlag auf Schlag. Weil das Geschäft mit den mit Leichenfleisch gefüllten Pasteten floriert, hat sich der Barbier Sweeney Todd im gleichnamigen Musical von Stephen Sondheim einen raffinierten Barbierstuhl konstruiert. Mit dem kann er die Opfer durch eine Luke im Boden direkt in die Backstube katapultieren, nachdem er ihnen mit dem Rasiermesser den Hals durchgeschnitten hat. Das ist effizient und bringt Schwung in die Inszenierung von Johannes Pölzgutter.

Am Schluss kommt auch der Richter an die Reihe, der Sweeney unschuldig ins Gefängnis steckte und an dem er sich rächen will. Aber dazwischen knallt in der Backstube eine der Leichen dem ahnungslosen Gehilfen wie vom Himmel vor die Füsse. Und im Irrenhaus, aus dem Sweeneys Freund Anthony dessen Tochter Johanna befreit, in das der Richter sie gesteckt hat, lauert gespenstische Spannung wie in einem Gruselkabinett. Bis Schüsse knallen und ein weiterer schmieriger Handlanger des Richters aus dem Weg geräumt ist.

Gruselkabinett voller Puppen

Damit bot der zweite Teil der Premiere vom Sonntag, was man von einem Musical-Thriller erwartet. Und das Premierenpublikum amüsierte sich köstlich, wenn das geschäftstüchtige Mörder-Paar Sweeney (der Bariton Todd Boyce) und die Pastetenbäckerin als seine Komplizin (die Sopranistin Marie-Luise Dressen) mögliche Opfer auf ihre Tauglichkeit als Fleischfüllung prüfen. Ein Kaplan? Der ist fad wegen dem Zölibat! Ein Bankier? Dessen Fleisch ist zäh! Der Dialog, in dem sie Repräsentanten der Gesellschaft auf Herz und Leber (ein Weinbauer? Sauer!) prüfen, zeigt, wie das Stück Grusel und Komik vermengt, und verweist auf eine gesellschaftspolitische Dimension des skurrilen Plots.

Aber Pölzgutter rückt weder diese noch das Halsabschneiden plakativ in den Vordergrund. Seine Inszenierung verzichtet bewusst auf drastischen Realismus, für den das Theater nicht über die geeigneten Mittel verfügt, wie er im Programmheft schreibt.

Stattdessen setzt er auf Stilisierung und Verfremdung. Dafür hat Werner Hutterli auf die leere Bühne eine fahrbare Wand gestellt, deren Öffnungen die Spielorte andeuten. Statt Menschen sehen wir darin Puppenkabinette. Die Vorgeschichte, in der der Richter Sweeney ins Gefängnis steckt, um dessen Frau zu vergewaltigen und zu ruinieren, wird in Guckkastenfenstern als Kasperlitheater gezeigt. Die Tochter Johanna, in einem Wandfenster vom Richter eingesperrt wie in einen goldenen Käfig, stakst später mechanisch wie eine Barbie-Puppe über die Bühne. Die Leichenpuppen, die sich am Schluss in der Backstube türmen, wirken wie Doubles der Darsteller auf der Bühne.

Unschlagbares Duo

Vielleicht liegt es auch an der Distanz, die diese puppenhafte Welt schafft, dass sich der erste Teil in die Länge zieht – wären da nicht auch Menschen aus Fleisch und Blut. Als solche ragen die beiden exzellenten Hauptdarsteller heraus. Viele Facetten gibt der Bariton Todd Boyce der Titelfigur: Mit Trauer, Wut und Wahnsinn im Blick wie in der sonor strömenden Stimme unterlegt er dem Musical-Thriller grosse, ja bewegende Gefühle. Einen umwerfenden Schuss Theaterblut gibt Marie-Luise Dressen als hemdsärmlige Bäckerin den in düstere Grautöne getauchten Szenerien, die (mit dem Theaterchor) schon im ersten Teil knisternde Spannung aufbauen. Auch in den zahlreichen kleinen und grösseren Ensembles, die zu den musikalischen Höhepunkten des Stücks gehören, ist dieses Duo unschlagbar.

Aber vorzüglich besetzt sind auch viele weitere Rollen. Flurin Caduff zeigt als diabolischer Richter, der sich selbst an seinem Mündel Johanna vergehen will, urkomisch den Trottel im Monster, bevor er klappernd wie eine Puppe endlich zur Backofenhölle fährt. Stimmlichen Balsam steuern Alexandre Beuchat (als Anthony) und Carlo Jung-­Heyk Cho (als Büttel des Richters) bei. Das Luzerner Sinfonieorchester begleitet und spitzt den Gesang auch mal mit scharfen Farben zu, der weitgehende Verzicht auf grosse schwelgerische Sounds rückt aber auch in den Songs Gesang und Sprache (alles in Deutsch) in den Vordergrund.

Selbst Zuschauer im Publikum, die diesen Musical-Thriller in London und anderswo gesehen haben, waren begeistert, wie dieser hier auf der kleinen Luzerner Bühne realisiert wurde. Und auch der Schlussapplaus des Premierenpublikums war so leidenschaftlich, als wäre dies ein grosses Haus.

Hinweis

Vorstellungen: 6., 8., 11., 15., 21., 22., 26. November; 5., 6., 12., 17., 26., 31. Dezember; 15. Januar; 3. Februar; www.luzernertheater.ch