Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

PRETTY YENDE: Das Mädchen aus tiefster Provinz

Kürzlich war sie in Zürich für einen Liederabend. Dort haben wir sie zum Gespräch getroffen. Jetzt erscheint ihre neue CD. Fröhlichen Gemüts ist die junge Sängerin Pretty Yende auf der Überholspur.
Rolf App
Eine glückliche junge Frau, stets zum Lachen aufgelegt: Pretty Yende, Sopranistin auf einer steilen Karriere. (Bild: Gregor Hohenberg/Sony Classical)

Eine glückliche junge Frau, stets zum Lachen aufgelegt: Pretty Yende, Sopranistin auf einer steilen Karriere. (Bild: Gregor Hohenberg/Sony Classical)

Rolf App

Ins Bett gekommen ist sie erst um vier Uhr früh. Lange hat es gedauert, bis die Aufregung dieses Liederabends im Opernhaus Zürich abgeklungen ist, wo sie im vergangenen Jahr in Vincenzo Bellinis Oper «I Puritani» einen rauschenden Erfolg gefeiert hat. «Yende ist die ideale Elvira, mit ihrer Stimme und ihrem Charisma, ihrer Kondition und gestalterischen Klugheit», hat damals Susanne Kübler im «Tages-Anzeiger» geschrieben. Und: «Nach gut drei Stunden klingen ihre Spitzentöne so mühelos und frisch wie zu Beginn.»

«Müde sein kann ich nach unserem Gespräch»

Es ist also eine Frau mit Ausdauer, die wir vor uns haben am Mittag nach ihrem Konzert, das sie von Rossini über Bellini, Donizetti, Debussy bis zu Liszt und dem bei uns unbekannten Spanier Gerónimo Giménez einen weiten Bogen hat schlagen lassen (plus vier Zugaben für das begeisterte Publikum). «Müde sein kann ich nach unserem Gespräch», sagt sie und lacht. Noch oft wird sich die fröhliche, unbeschwerte Seite der 32-jährigen Südafrikanerin zeigen. Es ist ein Gefühl des Glücks, das sie trägt – allerdings eines Glücks, in dem viel Arbeit steckt. Wenn jetzt ihre zweite CD «Dreams» erscheint, dann zeigt sich das Glück dieser wohltrainierten, scheinbar mühelos die Tonleiter hinaufkletternden Stimme auch jenen Zuhörern, die Pretty Yende nicht im Konzert oder in der Oper begegnet sind (siehe Kasten).

Es ist ein Glück, das geradezu märchenhaft beginnt. Ohne einen Gedanken an die Oper, aber mit viel Musik im Ohr wächst Pretty Yende in der tiefsten südafrikanischen Provinz auf, in Piet Retief an der Grenze zwischen Natal und Swaziland, dreieinhalb Autostunden von Johannesburg entfernt. Mit sechzehn sieht sie einen Fernsehspot von British Airways und hört etwas, was sie restlos begeistert – es ist jenes Blumenduett von Léo Delibes aus der Oper «Lakmé», das sie auf ihrer ersten CD («A Journey») mit der Mezzosopranistin Kate Aldrich singen wird.

Was das denn sei, fragt Pretty Yende tags darauf ihren Lehrer. «Das ist Oper», sagt er, «das kann man lernen.» Sie will es lernen, unbedingt. Musik hat in ihrer Familie immer eine Rolle gespielt, ihre Brüder sind DJs, die Schwester singt auch. Und sie stammt von einem tief musikalischen Kontinent. «Die Musik steckt in unseren Genen», sagt sie. «Mein erster Gesangslehrer pflegte zu sagen: Afrikaner singen, wenn sie glücklich sind. Sie singen, wenn sie traurig sind. Sie singen, wenn sie zornig sind, sie singen und sie tanzen. Wir wachsen auf mit den Wiegenliedern unserer Grossmütter, und unsere Väter, die sehr hart in den Minen gearbeitet haben, haben dazu gesungen.»

Ein dichtes Netz an Freundschaften

So ist es denn doch nicht nur Zufall, dass sie, als unser Gespräch auf Rossinis «Mosé in Egitto» vom Sommer an den Bregenzer Festspielen kommt, fragt: «Hat da nicht auch Sunnyboy Dladla mitgesungen? Er hat mir davon erzählt. Er kommt auch aus Piet Retief, wir sind zusammen in die Schule gegangen. Wie klein doch die Welt ist.»

Er gehört wohl auch zu jenem Netz an Verbindungen, mit denen Pretty Yende in ihrer kurzen und sehr steilen Karriere den Erdball überzogen hat und die sie mit einem Lachen «The Pretty Army» nennt: Menschen, bei denen sie Freundschaft und Unterstützung findet. Und auch wenn sie nach unserem Gespräch nach Mailand fahren wird, wo sie eine Wohnung hat: Im Zentrum dieses Netzes ist und bleibt ihre Familie und damit auch Piet Retief, wohin sie so oft als möglich zurückkehrt.

Mit grosser Wärme beschreibt Pretty Yende denn auch ihre Heimat, dieses «schöne, farbige Land: Ich liebe seine Vielfalt und seine vielen unterschiedlichen Kulturen.» Auch wenn die Jahrzehnte der Apartheid in ihrer unterdrückten schwarzen Mehrheit tiefe Narben hinterlassen haben. «Diese Narben sind unsichtbar und deshalb besonders schwer zu heilen», sagt Pretty Yende. «Aber mit Geduld, mit Hoffnung und mit Zeit – ich denke da in Generationen – wird es besser und besser gehen.» Da ist sie wieder, diese grundsätzlich zuversichtliche Grundhaltung, in der sie lebt.

Rossini ist und bleibt ihr Favorit

Sie hat – zusammen mit einer ausgeprägten Klugheit – die junge Frau auch in ihrer Ausbildung in Kapstadt begleitet. Und bei jenem Belvedere-Gesangswettbewerb in Wien, bei dem sie 2009 gleich in allen vier Kategorien gewinnt. Alle wollen danach einen Star aus ihr machen. Sie aber schreibt sich ins «Young Artist Program» der Mailänder Scala ein, taucht ein in jene Sprache und jene Kultur, die für ihren Sopran wie geschaffen scheint. Da ist Rossini, der, sagt sie, «noch immer mein Favorit ist». Weil er so sehr für die Stimme komponiert habe. «Ich habe Entscheidendes von ihm gelernt, nämlich stimmliche Flexibilität und leichten Registerwechsel.» Ihm zur Seite steht Bellini, dessen lange melodische Linien «direkt zu meiner Seele sprechen». Und die komplizierteste Beziehung hat Pretty Yende zu Donizetti – auch wenn man davon nichts hört.

Mit Donizetti über den Atlantik

Und auch wenn er derjenige Komponist ist, der sie im kommenden halben Jahr intensiv beschäftigen wird. Donizettis «La fille du régiment» macht in Sevilla am Teatro de la Maestranza den Anfang, mit «L’elisir d’amore» macht Pretty Yende an der Metropolitan Opera in New York Station, bevor dann, nach zwei Monaten, mit «Benvenuto Cellini» von Hector Berlioz an der Pariser Opéra Bastille, in New York auch Donizettis «Lucia di Lammermoor» auf dem Programm steht.

Doch zuerst ist Ausruhen angesagt. «Die Balance ist ganz wichtig», sagt Pretty Yende. «Schliesslich will ich so lange singen wie nur möglich.» Eines ihrer Vorbilder in dieser wie in gesanglicher Hinsicht ist bei der Premiere von «I Puritani» im Parkett des Zürcher Opernhauses gesessen: Edita Gruberova, die mit 72 noch immer vielbeachtete Auftritte in aller Welt hat.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.