PROVENIENZFORSCHUNG: Schlummert in Luzern Raubkunst?

Die Annahme des Gurlitt-Erbes hat in der Schweiz eine Aufarbeitung institutioneller Sammlungen in Gang gesetzt. Das Luzerner Kunstmuseum nimmt derzeit 60 Werke genauer unter die Lupe.

Julia Stephan
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Wurde vom Verdacht der Raubkunst rehabilitiert: das Gemälde «Weinende Frau» von Louise Breslau (1905, Öl auf Leinwand). (Bild: Kunstmuseum Luzern)

Wurde vom Verdacht der Raubkunst rehabilitiert: das Gemälde «Weinende Frau» von Louise Breslau (1905, Öl auf Leinwand). (Bild: Kunstmuseum Luzern)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Die Wege vieler Kunstwerke, die zwischen den Jahren 1933 und 1945 den Besitzer wechselten, sind verschlungen. Nicht immer sind die Besitzverhältnisse der damaligen Zeit heute lückenlos überschaubar. Das ist umso problematischer, weil es beim Verkauf von Kunst in jenen Jahren nicht immer mit rechten Dingen zuging. In einer gross angelegten Aktion konfiszierten die Nazis Bilder aus Museen, raubten sie jüdischen Sammlern und zwangen sie über ökonomische Druckausübung zum Verkauf derselben.

Seit das Berner Kunstmuseum das Erbe des Kunsthändlers Cornelius Gurlitt angenommen hat, das dessen Vater Hildebrand während seiner Tätigkeit als Zwischenhändler für die Nazis angehäuft hatte, hat die Disziplin der Provenienzforschung, die mit der Klärung der Besitzverhältnisse eines Kunstwerkes betraut ist, wieder mehr Gewicht.

Lücken in der Geschichtsschreibung

Nicht nur das Kunstmuseum Bern steht seit der Erbschaft in der Pflicht, die Herkunft seiner eigenen Museumsbestände lückenlos zu klären. Auch andere Schweizer Museen sind bemüht, die Lücken in der Geschichtsschreibung zu schliessen. Weil die meisten Institutionen dafür kein Geld haben, will der Bund bis zum Jahr 2020 rund 2 Millionen Franken Forschungsgelder zur Verfügung stellen.

Das Luzerner Kunstmuseum mit seinen Sammlungsschwerpunkten in den Bereichen Schweizer Kunst und Gegenwartskunst der 1970er-Jahre befindet sich unter den ersten zehn Museen, die finanziell unterstützt werden. Unter Verdacht stehen 60 Werke, welche während der heiklen Jahre 1933 bis 1945 nach Luzern kamen.

Nicht hauptverdächtig, aber auch nicht unverdächtig

Sammlungskurator Heinz Stahlhut sagt auf Anfrage, es sei ein Trugschluss anzunehmen, dass die Luzerner Sammlung mit ihrem grossen Werkbestand an Schweizer Malerei von vorneherein unverdächtig sei. «Viele Werke von Schweizer Künstlern wurden in Deutschland sehr geschätzt und dementsprechend auch gehandelt», sagt er.

Dennoch ist es in diesem Kontext eher von Vorteil, dass die heute auf dem Kunstmarkt Höchstpreise erzielenden Werke der klassischen Moderne nicht Schwerpunkt der Luzerner Sammlung sind. Denn gerade auf diese Gemälde hatten es die Nationalsozialisten abgesehen, als sie ihre Museen von «entarteter Kunst» säuberten, teilweise zerstörten, in öffentlichen Schauen an den Pranger stellten oder mit nachträglicher Legalisierung gegen Devisen billig ins Ausland verscherbelten. Auch wenn die meisten dieser Gemälde rein rechtlich gesehen nicht unter den Begriff Raubkunst fallen, ist ihre Herkunft dennoch problematisch.

Luzern gehörte mit der Auktion des Galeristen Theodor Fischer 1939 im Grandhotel National gar zu einer Drehscheibe des Nazi-Kunsthandels. An Fischers Auktion kam so manches Schweizer Museum kostengünstig in den Besitz bedeutender Werke. Manche Häuser in der Schweiz verdanken einen Teil ihrer «Modernen» dieser moralisch zweifelhaften, aber ökonomisch höchst günstigen Ankaufspraxis.

Hat das Kunstmuseum Luzern sich an diesem Ausverkauf beteiligt? «Nein», sagt Heinz Stahlhut. «Das Kunstmuseum Luzern hatte in den 1930er- und 1940er-Jahren kaum einen Ankaufsetat.» Wenn etwas angekauft wurde, soll es sich laut Stahlhut um Schweizer Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gehandelt haben. Getätigt wurde der Kauf über die Bernhard-Eglin-Stiftung, heute bekannt unter dem Namen Best Art Collection.

Spurensuche am Gemälderahmen

Mehr als die Hälfte der 60 Werke hat Stahlhut mit einer Volontärin schon untersucht. Die Etiketten an den Rahmen, Inventarbücher, Funde aus dem Staats- und Stadtarchiv und der Zugriff auf ausländische Archive assistieren bei der Recherche. Bis jetzt konnten alle Werke vom Verdacht freigesprochen werden.

Auch die «Weinende Frau» der vergessenen deutschen Malerin Louise Breslau (1856–1927) darf aufatmen. Sie gelangte als Schenkung des Arztes Walter Minnich nach Luzern und wirkt in Minnichs schwerpunktmässig auf Expressionismus und Fauvismus ausgerichteter Sammlung wie ein verdächtiges Kuckuckskind. Nun konnte das Kunstmuseum eine direkte Verbindung zwischen Sammler und Künstlerin nachweisen.

Komplizierter ist der Fall des Sammlers Albert Goffin (1877–1958). Der Belgier hatte die Stadt Luzern nach dem Zweiten Weltkrieg als Universalerbin eingesetzt. Dass Goffin während der Nazi-Besatzung seine Rolle als Nationalbankchef nicht aufgab, macht ihn zu einem potenziellen Kollaborateur. Die Recherchen konnten Goffins Rolle inzwischen zwar entschärfen – sein Einsatz für die Zivilbevölkerung ist dokumentiert. Wie Goffin zu den einzelnen Werken kam, ist Gegenstand weiterer Nachforschungen.

Hinweis

Die Sammlung des Luzerner Kunstmuseums ist online einsehbar unter sammlungonline.kunstmuseumluzern.ch.