Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

PSYCHIATRIE: Die Eingeschlossenen von Zürich

Wenige Monate später sind die Menschen tot, die der Pfleger Willi Keller 1970 fotografiert hat. Jetzt finden sich die Bilder wieder in einem Buch, das auch eine Bilanz der Psychiatrie zieht.
Rolf App
Ein eindringliches Bild aus dem Burghölzli: ein Mann, dem wegen eines Tumors der halbe Kiefer fehlt. (Bild: PD)

Ein eindringliches Bild aus dem Burghölzli: ein Mann, dem wegen eines Tumors der halbe Kiefer fehlt. (Bild: PD)

Rolf App

Auch am Ende des Prozesses vor dem Bezirksgericht ist nicht klar, wer Schuld trägt an jener Brandkatastrophe, die am 6. März 1971 28 Patienten der psychiatrischen Klinik Burghölzli das Leben kostet, weil sie eingeschlossen sind. War es der Nachtpfleger, der im Aufenthaltsraum einen Papierkorb zu nah an den Heizstrahler gestellt hat? War der Heizstrahler defekt? Oder hat gar die Katze diesen Korb umgestossen?

Deutlich wird aber in den Debatten, die folgen: Das Burghölzli, unter den Direktoren Eugen und Manfred Bleuler dank seiner Offenheit für neue Strömungen wie die Psychoanalyse eine der international angesehensten psychiatrischen Kliniken Europas, befindet sich in einem miserablen baulichen Zustand.

Ein Jahr nach dem Brand verlässt der Pfleger Willi Keller das Burghölzli. Er hat hier «mehr als neun gute Jahre verbracht», wie er sagt, und wäre wohl geblieben, hätte er nicht seine künstlerische Karriere weiterverfolgt. Mit den Patienten hat er künstlerisch-kreativ gearbeitet, und er ist mit ihnen in die Stadt gegangen. Und: Er hat mit Erlaubnis der Ärzte für eine interne Ausstellung fotografiert, die nach dem Brand kein Thema mehr ist.

Der Alltag ist geprägt von Langeweile und Monotonie

Als er die Bilder 2014 wieder in die Hand nimmt, ist dies der Startschuss zu einem ungewöhnlichen Buch: «Eingeschlossen» erzählt von «Alltag und Aufbruch in der psychiatrischen Klinik Burghölzli zur Zeit der Brandkatastrophe von 1971», wie das Buch im Untertitel heisst. Und es zieht im Textteil mit Ehemaligen eine Bilanz der Psychiatrie bis heute. Positiv würdigen sie die Abkehr von jenen grossen Kuren, mit denen Patienten ruhiggestellt und manchmal ein Leben lang «versorgt» werden. Ihr Alltag ist langweilig und monoton. «Wie soll man da gesund werden?», fragt sich Willi Keller.

Er gehört zu jenen, die von unten her Druck machen, kleine Veränderungen erreichen und oft von den Ärzten unterstützt werden, während sich die Oberpfleger widersetzen. Sie reisen nach Gorizia, wo der Italiener Franco Basaglia aus der Gegnerschaft gegen die Anstaltspsychiatrie heraus die Prinzipien der therapeutischen Gemeinschaft entwickelt. So kommt vieles in Fluss. Die Therapie wird breiter, dem Einzelnen angepasster, die Aufenthaltszeit kürzer. Neue Medikamente ermöglichen zusammen mit ambulanter Betreuung eine schrittweise Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

Anrührend und manchmal erschütternd

Die daraus wachsenden, heute selbstverständlichen Veränderungen sehen die Beteiligten unterschiedlich. Noch in den Achtzigerjahren habe es starke ideologische Frontstellungen gegeben, sagt etwa die 59-jährige Oberärztin Katrin Angst. Heute dagegen werde «einfach pragmatisch gearbeitet». Ambros Uchtenhagen, fast drei Jahrzehnte älter, erzählt vom «Glück, dass ich in eine Zeit kam, in der die Bereitschaft, etwas Neues anzufangen, vorhanden war». Er gibt aber zu bedenken, dass man zwar psychotherapeutische, pharmakologische und soziale Aspekte integriert habe, dass aber unter dem Einfluss der Pharmaindustrie das Pharmakologische immer stärker geworden sei.

«Ob es heute so ganz anders ist als damals, weiss ich nicht», bringt auch Willi Keller Zweifel an. In den Kommentaren zu seinen Bildern erzählt er anrührende und manchmal erschütternde Geschichten. Wie jene des Sängers, dessen hochsensibles Wesen sich vor der Entlassung fürchtet, und der deshalb im Hof in einer Sickergrube einen Suizid vortäuschen will. Kopf voran lässt er sich in den Sickerschacht gleiten, und ertrinkt dabei. «Ich sehe ihn noch immer vor mir, wie wir ihn da herausgezogen haben.»

Sabine Jenzer, Willi Keller, Thomas Meier: Eingeschlossen, Chronos-Verlag

Ein Patient, der den Bügel nicht loslassen will, weil er Halt gibt. (Bild: PD)

Ein Patient, der den Bügel nicht loslassen will, weil er Halt gibt. (Bild: PD)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.