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Philippe Herreweghe im KKL: Pure Schönheit – mit links dirigiert

Der Saisonabschluss der Migros-Classics-Konzerte brachte das Collegium Vocale Gent nach Luzern. Das Ensemble und sein Dirigent Philippe Herreweghe sorgten für eine Bach-Sternstunde.
Katharina Thalmann
Dirigent Philippe Hereweghe. (Bild: PD)

Dirigent Philippe Hereweghe. (Bild: PD)

Wir schreiben das Jahr 1970. Ein 23-jähriger Psychiatriestudent und ein paar Studierende der Universität Gent singen Bach. Mit der h-Moll-Messe hat der junge Belgier Philippe Herreweghe wohl seine liebe Mühe, so gross, so monumental ist das Werk.

Ein halbes Jahrhundert und drei Referenzaufnahmen später ist das Collegium Vocale Gent auf Tour mit ebendieser Messe. Dirigent Herreweghe ist inzwischen Ritter der französischen Ehrenlegion. Kultureller Botschafter Flanderns. Und wurde vom Pionier der historischen Aufführungspraxis zu ihrer Koryphäe.

Herreweghe muss auf rechten Arm verzichten

Besagte Tournee verlangt sämtlichen Beteiligten viel ab: Das Konzert am Montag im KKL ist das siebte in acht Tagen und sechs Ländern. Zumal Herreweghe wegen einer Verletzung an der Schulter fast vollständig auf seinen rechten Arm verzichten muss. Doch der Umstand, dass er mit links dirigiert, tut der Sache im KKL keinerlei Abbruch. Im Gegentei: Es ist grossartig.

Herreweghe hätte Grund genug, seinem eigenen Mythos zu erliegen. Doch ein Werk wie die h-Moll-Messe aus dem (linken) Ärmel schütteln? Käme ihm nie in den Sinn. Gelassen und neugierig, bescheiden und selbstbewusst zugleich, erschliesst er sich die Hohe Messe allabendlich neu. Chor und Orchester teilen die gemeinsame Auffassung von Musik. Schon die Aufstellung der Ensembles unterstreicht Herreweghes gesanglichen Zugang zur Musik des Barock: Chor und Orchester bilden zwei parallele Halbkreise, niemand verschwindet hinter dem anderen, jede Stimme zählt. Und alle fünf Solisten sind auch oder vor allem Chormitglieder.

Allein die ersten drei Zeilen der Messe – «Kyrie, eleison / Christe, eleison / Kyrie, eleison» – umfassen 17 Minuten Musik. Wie in einem einzigen Atemzug gestaltet Herreweghe diesen Teil. Im Sopran-Doppelsolo auf die Worte «Christe, eleison» mischen sich das Volumen von Dorothee Mields und die Wärme von Hana Blažíková zu einer einzigen schwebenden Sopranstimme.

Im «Gloria»-Chor erklingen die drei samtweichen Trompeten, frei schwingend erklimmen sie Höhen, ihre Artikulation ist perfekt auf den fünfstimmigen Chor abgestimmt. Dank der historischen Instrumente hört man Bach als Meister der Instrumentation: Fagott und Oboe teilen die gleiche pudrige Farbe. Im zwitschernden «Et resurrexit» greifen die Flöten und die Trompeten ineinander, als wären sie ein Instrument.

Musikantisches Glaubensbekenntnis

Nach dem «Cum Sancto Spiritu» ist Pause. Obwohl nicht einmal ein Drittel der Zeilen gesungen sind. So ist der zweite Teil der Messe textlich dichter. Schien sich der erste Teil ganz dem Glaubensmysterium zu widmen, geht es nun eher um das lebendig-erzählende Glaubensbekenntnis. So gerät das Klangbild irdischer. Gegensätze tun sich auf: Das fröhliche «Et in unum Dominum» wird kontrastiert vom mysteriösen «Et incarnatus est». Der Orchesterpart des «Crucifixus» artikuliert die Nägel des Kreuzes als musikalische Silben.

Herreweghe hat verinnerlicht, was Bach wusste: Das Leben hat viele Seiten – auch wenn man sich noch so sehr in den Glauben vertieft, sei er katholisch oder protestantisch. Konfessionelle Spezialitäten spielen im KKL ohnehin keine Rolle. So beschenkten der Dirigent und sein Collegium Vocal Gent den Saal mit 73 Zeilen purer Schönheit.

CD-Tipps: Philippe Herreweghe, Collegium Vocale Gent: J. S. Bach, h-Moll-Messe, BWV 232. Aufnahme von 2002 erschienen bei Harmonia Mundi, Aufnahme 2009 bei Virgin Classics, Aufnahme 2012 bei phi.

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