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Saisonstart beim Luzerner Theater mit Dürrenmatts «alter Dame» und einer weitum bekannten Hauptdarstellerin

Schauspielerin Delia Mayer im Gespräch über die Hellsichtigkeit Dürrenmatts, gefährliche Kollektive, und ihren Abschied beim «Tatort».
Interview: Susanne Holz

Das Schauspiel des Luzerner Theaters startet heute mit Friedrich Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame» in die Saison. Eine Inszenierung, die sich auch am Film noir orientiert. In der Hauptrolle der Claire Zachanassian: Delia Mayer (52). Wir sprachen mit Delia Mayer nach einer Probe, bei der sie sich als leicht laszive «alte Dame» im weissen Sommerkleid mit einem grünen Philodendron-Blatt Luft zufächelte, abwartend und gelassen, ob ihrer Rachenahme im Kleinstadtmief von Güllen.

Junge «alte Dame»: Delia Mayer gibt Dürrenmatt ein modernes Gesicht. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 27. August 2019)

Junge «alte Dame»: Delia Mayer gibt Dürrenmatt ein modernes Gesicht. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 27. August 2019)

Beim Interview im lichtdurchfluteten Foyer des Theaters erlebt man die vielseitige Künstlerin so interessiert wie zugewandt, mitfühlend wie humorbegabt.

Sie sind Jahrgang 1967 – sind Sie denn wirklich schon eine «alte Dame»?

Delia Mayer: (lächelt) Ich glaube, nein. Aber man fühlt sich ja ein Leben lang wie 12 oder 20 – als Künstlerin sowieso. Und um zu spielen, was in Claire Zachanassian brodelt, dafür muss man keine 70 sein.

Was haben Sie mit der «alten Dame» gemeinsam, und was nicht?

Claire Zachanassian ist klar, entschlossen, verspielt. Hier fühle ich mich mit ihr verwandt. Aber sie verbeisst sich auch in die Idee der Rache. Hier würde ich mich von ihr verabschieden. Ich mag vielleicht von Rache träumen, führe sie aber nicht aus.

Claire hat ja auch so einiges mitgemacht…

Ja, sie wurde in ihrer Jugend von ihrer grossen Liebe und dem Vater ihres Kindes verleugnet, in der Folge von den Güllenern verstossen, und ihr Kind wurde von der christlichen Fürsorge abgeholt. Das Kind verstarb, und Claire landete im Bordell.

Die Güllener verhielten sich nicht gerade ruhmvoll…

Das Wort «Güllen» sagt ja schon alles. Gülle bezeichnet den Kot von Kühen und Schweinen, der die Aussaat auf den Feldern wachsen lässt. Und manchmal wächst daraus Unschönes und Abgründiges. In Güllen stinken alle. Und Claire geht dahin zurück, an den Ort ihrer Herkunft, in ihre Heimat, um abzuschliessen. Um den Gestank endlich los zu werden.

"Rache zu vollziehen, macht unfrei und bitter."

Aber was ist dann so schlimm an ihrer Rache?

Rache zu vollziehen, macht unfrei und bitter. Claire versucht sich durch ihre Rachesehnsucht am Leben zu erhalten, nach allem, was ihr in Güllen widerfahren ist. Doch sie erstarrt wie Lots Frau in der Bibel, die zur Salzsäure wird, weil sie zurückblickt.

Gelebt hat sie ja aber schon. Sie kehrt immerhin mit Ehemann Nummer sieben nach Güllen zurück.

Ja, aber was hat sie wirklich berührt? Güllen hat ihr die Lebendigkeit genommen, die Liebe, ihre Ehre, ihr Kind, ihre Perspektiven.

Was ist das Schöne daran, die Rolle der Gedemütigten und Rachgierigen zu spielen?

Es macht Spass, sich auf der Bühne auf das Thema Rache einzulassen. Ebenso muss ich mich auch auf düstere Orte der Seele einlassen. Der kranke Ort Güllen hat Claire Zachanassian angesteckt. In einem korrupten, kranken System können keine gesunden Individuen bestehen. Und korrupte, schwache Individuen bringen ein krankes System hervor. Dürrenmatt zeigt diese Mechanismen sehr genau.

"Ein Kollektiv kann einen Menschen brechen. Kollektive sind gefährlich."

Sie sagten mal, Schauspielerin geworden zu sein, weil Sie sich berühren lassen. Was berührt Sie am meisten an der «alten Dame»?

Ihre einstige Unschuld. Ihr Lebenswillen. Dass sie zäh ist. Es ist faszinierend, wie sie mit den Güllenern spielt und diese in ihrer Unzulänglichkeit auflaufen lässt. Mühelos. Am Stück selbst berührt mich, wie es zeigt: Ein Kollektiv kann einen Menschen brechen. Kollektive sind gefährlich. Beeindruckend, dass Dürrenmatt mitten in den 50er-Jahren eine Frau Rache nehmen lässt. Etwas, was uns Frauen bis heute nicht gegönnt wird.

Sie meinten vorher, Sie führten Rache nicht aus, träumten aber ab und zu von ihr – wie wir alle vermutlich.

Natürlich habe auch ich Rachegelüste. Doch ich bin mir bewusst, dass Rache einen selbst beschmutzt. Geschehenes kann nicht rückgängig gemacht werden, stattdessen wird man Teil der Kette des Unrechts.

Claire Zachanassian rächt sich an einer patriarchalischen Gesellschaft und nutzt sie zugleich,­ indem sie dank diverser Eheschliessungen zu Geld kommt. Finden Sie das angemessen?

Was bleibt ihr auch anderes ­übrig? Eine Frau, der Bildung verwehrt bleibt, hat nicht viele Optionen. Um zu überleben, ist sie gezwungen, sich über Männer zu definieren, was natürlich machterhaltend für eine patriarchale Gesellschaft ist. Daran hat sich bis heute nicht sehr viel geändert. Wir sind zwar in der westlichen Welt bezüglich Bildung einige Schritte weiter, aber der Weg ist noch weit. Es ist für Frauen immer noch schwierig, Karrieren hinzulegen, wie es die Männer tun. Zudem gilt in der Schweiz natürlich auch: Viele Menschen erben ihren Wohlstand, ohne was dafür zu tun.

Zur Person

Delia Mayer, geboren 1967 in Hongkong, wuchs in Rüschlikon bei Zürich auf. Jazzmusiker Vali Mayer ist ihr Vater, Schlagzeuger Jojo Mayer ihr Bruder. Delia Mayer studierte Tanz, Gesang und Schauspiel in Wien, Schauspiel in New York und klassischen Gesang an der heutigen Zürcher Hochschule der Künste. Sie spielte Rollen in Film-, TV- und Theaterproduktionen in Europa und den USA. Mit Konzertprogrammen und eigenen Songs ist sie ebenso unterwegs. 2019 brachte sie im KKL «Die sieben Todsünden» von Brecht und Weill auf die Bühne. Mit Bruder Jojo produzierte sie ihr Debüt-­Album, «These Days». Seit 2011 verkörperte Delia Mayer die Luzerner «Tatort»-Kommissarin Liz Ritschard, als welche sie noch ein letztes Mal zu sehen sein wird. Die Folge wird voraussichtlich Ende Oktober ausgestrahlt. (sh)

Die Kluft zwischen Arm und Reich, spüren Sie die als Künstlerin?

Das ist auch eine Frage der Relation. Im Vergleich zu Geflüchteten, für die ich mich auf verschiedenen Ebenen einsetze, sind wir alle Millionäre. Im Vergleich mit sehr reichen Menschen sieht das anders aus. Meine Rolle als «Tatort»-Kommissarin gab mir finanzielle Sicherheit, aber um sich künstlerisch kompromissloser auszudrücken, muss man auch finanzielle Risiken eingehen.

«Als ‹Tatort›­-Kommissarin gab es irgendwann nichts mehr zu entdecken.»

Vermissen Sie Ihre Rolle der ­Luzerner «Tatort»-Kommissarin Liz Ritschard bereits?

Nein. Ich habe diese Rolle lange ausgeleuchtet und erforscht. Liz blieb im Ungefähren, das war so gewünscht. Deshalb gab es irgendwann auch nichts mehr zu entdecken.

Was unterscheidet die Arbeit auf der Bühne von der Arbeit vor der Kamera?

Das ist ein riesiger Unterschied. Bei einem Dreh ist abgedreht gleich abgedreht. Beim Theater wiederum ist Zeit, die Dinge ­gemeinsam wachsen zu lassen, immer wieder Neues zu entdecken, wieder fallen zu lassen. Es ist ein Prozess. Beim Film findet der Prozess allein und im Vorfeld statt, am Set gibt’s meist nur noch Platz für Nuancen.

Freuen Sie sich über Ihre aktuelle Theaterarbeit?

Total. Die «alte Dame» ist ein super Stück, und das Regieteam ist sehr inspirierend. Und es ist schön, in Luzern zu sein.

Sie sind in Hongkong geboren, haben in New York und Wien studiert… Ziehen Sie grosse Städte generell den kleinen vor, in denen soziale Netzwerke viel Sprengstoff bieten – so wie in Güllen?

(lächelt)

Mittlerweile ertrage und brauche ich die Ruhe und die Natur. Früher habe ich mich tatsächlich in der Anonymität grosser Städte wohler gefühlt.

"Wir durchbrechen die artifizielle Steifheit."

Abschliessend: Was erwartet die Zuschauer Neues bei dieser Inszenierung eines «alten» Stoffs?

Wir durchbrechen die artifizielle Steifheit. Stellen einen Lokalbezug her. Nicht um Luzern per se an den Pranger zu stellen, sondern um zu zeigen, dass die Mechanismen der Güllener universell sind – überall zu finden.

Hinweis

«Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt, in der Inszenierung von Angeliki Papoulia und Christos Passalis: Premiere heute 19.30 Uhr. Letztes Spieldatum: 11.1.2020. In der Box gibt es im September die «Café-Bar Güllen». www.luzernertheater.ch

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