RAP: «Den Hunger habe ich noch»

Am Freitag ist die neue CD von Stress erschienen, mit «Stress» betitelt. Dabei ist Stress gelassener geworden – aber weiterhin voller Energie, wenns drauf ankommt.

Interview Michael Graber
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Seine Freundin ist für ihn eine wichtige Kritikerin: «Im kreativen Prozess werde ich manchmal etwas betriebsblind.» (Bild Philipp Schmidli)

Seine Freundin ist für ihn eine wichtige Kritikerin: «Im kreativen Prozess werde ich manchmal etwas betriebsblind.» (Bild Philipp Schmidli)

Stress, auf dem Cover Ihrer aktuellen CD ist eine Samurai-Rüstung zu sehen.

Stress: Nein, das ist etwas, was wir selber gebastelt haben. Es hat etwas von einer Rüstung, hat aber auch Indianerfedern dabei. Sieht schön aus, oder? Und was mir besonders gefällt, jeder kann hineininterpretieren, was er will.

Ich sehe darin eine Rüstung. Also jemand, der sich verstecken will oder der Schutz sucht. Braucht das Stress?

Stress: Nein, weder das eine noch das andere. Aber vielleicht hat es tatsächlich was von einer Rüstung, so eine, wie sie Krieger tragen.

Und ein Krieger sind Sie?

Stress: Ja, wir sind alle Krieger. Wer aufhört zu kämpfen, der wird zu bequem. Gerade für Künstler ist das das Schlimmste.

Krieger haben aber auch immer Wunden. Als wir uns das letzte Mal sprachen, hatten Sie gerade schwere Rückenprobleme hinter sich. Mit einer Rüstung kann man auch wunderbar Verletzungen überdecken.

Stress: Ich will doch meine Wunden gar nicht verstecken. Wieso sollte ich das auch wollen?

Wunden machen angreifbar. Der nächste Kritiker wird Sie genau auf diese Schwachstelle ansprechen.

Stress: Das glaube ich nicht. Ich halte es für Stärke, wenn man auch seine Schwächen zeigen kann. Ich schreibe Lieder über meine Wunden und verarbeite sie auf diese Weise. Ich glaube auch, dass man, wenn man von jemandem verletzt wird – und wir sprechen hier nicht über körperliche Verletzungen –, sich nicht schämen muss dafür. Man kann sich dafür schämen, was man anderen antut, aber wenn man verletzt wird, sollte man damit umgehen können.

Gibt es Dinge, über die Sie keine ­Lieder schreiben würden?

Stress: Nein, eigentlich nicht. Ich muss mich mit all diesen Geschichten arrangieren. Und sie aufzuschreiben kann mir durchaus helfen. Ein Song über eine Verletzung zu schreiben, ist auch immer eine Aussage: «Seht her, ich stehe da und versuche damit zu leben.»

Gestaunt habe ich, dass Sie am vergangenen Montag nicht in Lausanne auf der Bühne standen, als Stan Wawrinka und Roger Federer empfangen wurden.

Stress: Wieso? Habe ich mich je zum Thema Tennis geäussert?

Nein, aber Sie sind Lausanner und einer der bekanntesten Künstler der Stadt. Das hätte doch gepasst, dort einen Song zu performen.

Stress: Das ist doch kein Grund. Ich schaue gerne Tennis und habe für das Davis-Cup-Team gefant, aber deswegen muss ich doch nicht einen Song dort performen.

Ihre Wohnung in Lausanne haben Sie mittlerweile aufgegeben und wohnen mittlerweile fix in Zürich auf dem Zollikerberg.

Stress: Wissen Sie was: Mir gefällt die Richtung nicht, in die das Interview jetzt läuft. Sie wollen doch etwas anderes fragen. Kommen Sie doch zum Punkt, den Sie ansprechen wollen.

Ok. Dann spitze ich halt zu: Wie viel Romand steckt überhaupt noch in Stress?

Stress: Na also. Sehr viel. Den Romand kriegt man nicht so einfach aus mir raus. Zumal ich ja auch nicht in erster Linie Romand, sondern Este bin. Ich bin ein Produkt aus vielen Einflüssen und definiere mich auch nicht ausschliesslich über die Herkunft. Und noch zur Wohnung in Lausanne: Ich habe die gekündigt, weil ich sie am Ende nicht mehr regelmässig gebraucht habe. Eine ungebrauchte Wohnung finde ich nicht wirklich sinnvoll. Ich habe auch ein anderes Leben als viele andere: Es kommt nur selten vor, dass ich mehr als zwei Tage nacheinander am selben Ort bin.

Haben Sie das nie vermisst?

Stress: Hätte ich es vermisst, so hätte ich es geändert. Es ist ja auch cool, als Künstler so viel herumzukommen. An einem Tag kann ich meine eigene kleine Tour de Suisse veranstalten. Zudem bin ich auch viel unterwegs im Ausland.

Das Polyglotte zeigt sich bei Ihnen auch sprachlich. Wir reden hier ein Gemisch aus Französisch, Deutsch und vor allem Englisch.

Stress: Französisch habe ich erst zu sprechen begonnen, als ich mit zwölf aus Estland in die Schweiz kam. Französisch spreche ich sicher am meisten, aber mit Deutschschweizern ist Englisch oft der einfachere Weg.

Das dient mir auch, wobei ich wegen meines Französischs nur bedingt ein schlechtes Gewissen habe: Anders als Sie sprechen Romands häufig bewusst kein Wort Deutsch, obwohl sie es in der Schule auch gelernt haben.

Stress: Ja, die Romands gehen etwas verkrampft um mit dem Deutschen, umgekehrt ist es lockerer, die Deutschschweizer sind da offener. Wenn es anders wäre, hätte ich in der Deutschschweiz kaum diesen Erfolg.

Obwohl Sie bezüglich Wohnort Lausanne untreu geworden sind, gibt es auf der Platte ein klares Bekenntnis zur Romandie: Die Gastmusiker aus der Westschweiz dominieren.

Stress: Das ist völlig klar. Natürlich mache ich Musik vorab dort, wo mein ganzer kreativer Prozess begonnen hat, und mit den Leuten, die ich damals schon kannte und noch heute zu meinen Freunden zähle. Das hat mit dem Wohnsitz herzlich wenig zu tun. Schlussendlich ist es mir ziemlich egal, wo ich etwas mache. Hauptsache, ich mache es gerne und gut.

Dann scheint aktuell alles zu stimmen für Sie.

Stress: Das ist so. Ich bin etwas gelassener geworden. Das hat mit meiner zweiten Scheidung zu tun. Ich musste lernen, loszulassen, auch mit Ansprüchen an mich selber. Die haben mich manchmal etwas verbissen gemacht und mir unter anderem auf den Rücken geschlagen.

Wenn man Ihre alten Platten hört und diese mit aktuellen vergleicht, stellt man nur wenige Unterschiede fest.

Stress: Das freut mich zu hören. Es gibt auch Leute, die sagen, sie mögen ausschliesslich meine Double-Pact-­Sachen, und die neuen Platten seien doof.

Ich habe den Eindruck, dass Sie weniger Kompromisse eingehen als andere Musiker.

Stress: Jeder Mensch macht Kompromisse. Und natürlich bin ich in den letzten Jahren als Künstler gewachsen und habe mich auch ein Stück weit verändert. Aber ich will bei meinen Wurzeln bleiben und nicht vergessen, wo ich herkomme. Alles andere wäre irgendwie komisch. Würde ich plötzlich ein Jazz-Album machen, so würde ich das von vornherein als Konzeptalbum deklarieren.

Sie leben von der Musik in der Schweiz. Da muss man normalerweise der Grossmutter ebenso gut gefallen wie dem Teenager, um genügend Platten zu verkaufen. Auf «Stress» hat es aber Songs, die meiner Mutter niemals gefallen würden.

Stress: Diese Songs sind enorm wichtig. Sie gehören auf die Platte. Und oft täuscht man sich in den Hörern. Einmal haben wir in Südamerika in einer Botschaft gespielt, und der Botschafter sagte anschliessend, er höre im Auto immer einer unserer härtesten Songs. Und hey: Der Typ trägt Anzug und nicht Baggy Pants. Wer musikalische Kompromisse macht, begibt sich zudem auf dünnes Eis.

Inwiefern?

Stress: Kantenlose Musik ist austauschbar. Das kann jeder machen. Dementsprechend schnell ist sie auch wieder vergessen.

Ist das ein Grund, warum Sie selber wieder weniger singen auf der Platte und mehr rappen?

Stress: Auch. Aber ich bin einfach auch kein sehr guter Sänger. Ich schreibe sehr gerne Melodien und Refrains, aber mittlerweile kann ich die auch gut in andere Hände geben.

Wer darf Ihnen sagen, dass etwas nicht gut klingt?

Stress: Ich nehme Feedback von anderen Musikern sehr ernst. Aber auch meine Freundin darf Kritik üben.

Ein Beispiel.

Stress: Wir sassen in einem Taxi in Miami und haben uns über einen meiner neuen Songs gestritten. Ich fand den komplett den Hammer. Sie fand: Er ist okay, aber er passt überhaupt nicht zum Rest der Platte. Sie hatte Recht – der Song ist jetzt nicht auf der CD. Oftmals tut diese Sicht von aussen sehr gut. Im kreativen Prozess werde ich manchmal etwas betriebsblind. Für die neue CD habe ich sicherlich über vierzig Lieder geschrieben, nicht einmal die Hälfte hat es schlussendlich geschafft.

Auf einem Track ist auch der Luzerner Mimiks zu hören.

Stress: Ja. Er steht für mich für die Zukunft des Schweizer Hip-Hops. Er hat eine sehr gute Art zu rappen.

Er ist knapp über zwanzig Jahre alt ...

Stress: Ja, dagegen wirke ich alt. Aber ich bin in diesem Rap-Game auch klar einer der alten Hasen.

Fühlen Sie sich auch alt?

Stress: Eigentlich nicht. Aber wenn man im Fernsehen Fussball schaut und der Moderator sagt, der älteste Spieler der Mannschaft sei 32, dann begreift man, dass man gewisse Dinge im Leben nicht mehr erreichen kann. Das sind so Momente, wo man das eigene Alter begreift. Ein Problem habe ich aber nicht damit.

Und wenn Mimiks rappt, 041 – die Vorwahl von Luzern – sei keine Zahl, sondern eine Religion. Findet man das nicht etwas lächerlich?

Stress: Nein überhaupt nicht. Hoffentlich ist es eine Religion. In meinen jungen Jahren war ich genau so. Hinter allem was ich machte, brannte dieses Feuer.

Sehen Sie sich selber in Mimiks?

Stress: Ein bisschen. Seinen Hunger ­hatte ich auch.

Hatten Sie ihn, oder haben Sie ihn immer noch?

Stress: Ich habe ihn immer noch. Ich hoffe wirklich, dass ich den nie verliere. Ein Künstler braucht dieses unbedingte Wollen. Heute bin ich um sechs Uhr aufgestanden, war den ganzen Tag für meine Musik unterwegs und werde am Abend noch bis in die Nacht am neuen Videoclip arbeiten. Das kann man nicht ohne diesen Hunger. Er treibt mich an.

Es braucht aber auch Energie.

Stress: Ja, natürlich. Aber das ist bisschen wie bei Babys. Wenn Ihr Baby in der Nacht schreit, stehen Sie auch auf und kümmern sich um es. Egal, ob Sie gerade müde sind oder nicht. Natürlich gibt es Momente, in denen man nicht mag oder keine Energie hat, aber hey, es geht um deine Babys, und um die kümmert man sich. Und meine Songs sind wirklich meine Babys.

Könnten vielleicht auch noch mal richtige Babys dazukommen?

Stress: Ich hoffe das zumindest. Mal sehen. Mit Noël, dem Sohn meiner Ex-Frau Melanie, habe ich während ein paar Jahren schon mal eine Vaterrolle ausgeübt, und ich habe das glaub nicht so schlecht gemacht.

Auch noch Coach

Zur Person Andres Andrekson, wie Stress bürgerlich heisst, wurde 1977 in Lettland geboren und kam im Alter von zwölf Jahren in die Schweiz. Neben seinem Studium in Lausanne (Wirtschaft) begann er mit Rappen und war Mitglied der Band Double Pact. Mittlerweile veröffentlicht er sein siebtes Soloalbum, praktisch alle erreichten hohe Chartplatzierungen und machten Stress zu einem der erfolgreichsten Schweizer Musiker der jüngeren Geschichte.

Heute lebt er in Zollikerberg bei Zürich. Nachdem zwei Ehen geschieden wurden (unter anderem mit Melanie Winiger), ist er derzeit mit dem Model Ronja Furrer zusammen. Neben seinem Engagement als Musiker ist Stress auch Coach bei der Sendung «The Voice of Switzerland».

Live, 24. April, Schüür, Luzern