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RAP: Explosion ist immer eine Option

GeilerAsDu veröffentlichen endlich ihr neues Album. Darauf geben sie sich deutlich dunkler als früher. Die Party muss bis morgen warten.
Michael Graber
Mike Walker, Luzi Rast und Fabrizio Zihlmann (von links nach rechts) sind GeilerAsDu. (Bild: Özlem Petri)

Mike Walker, Luzi Rast und Fabrizio Zihlmann (von links nach rechts) sind GeilerAsDu. (Bild: Özlem Petri)

Jetzt sitzen sie da und trinken Ingwer-Tee. Es ist irgendwie sinnbildlich für die neue Ernsthaftigkeit von GeilerAsDu. Das neue Album «Turbo Mate & Kalaschnikow» von Mike Walker, Luzi Rast und Fabrizio Zihlmann (alle 28) ist nebelverhangen wie Luzern im Herbst. Es ist geprägt von Grautönen und von einer Melancholie, die über jedem Ton, jeder Silbe schwebt. Den jugendlichen Übermut haben sie, zumindest musikalisch, abgeschüttelt und sind erwachsen geworden. Mit allen Zweifeln, mit allem Hadern, mit allen Ängsten.

«Wir haben nicht geplant, dass die Platte so klingt», sagt Luzi Rast, «als es sich dann aber so entwickelt hat, mussten wir sagen: Das stimmt für uns.» Über alle 14 Tracks schlagen sie den Bogen, es gibt keine Ausreisser nach oben, die Party muss bis morgen warten. «Es entsprach auch unserer Stimmung zur Zeit, als wir die Platte aufgenommen haben», sagt Mike Walker. Aber keine Angst: Da sitzen nicht drei Häufchen Elend, sondern einfach drei Männer, die sich getrauen, den Männlichkeitspanzer auch mal abzulegen.

Kraftvoller Perspektivenwechsel

«Irgendwie hat sich alles logisch entwickelt», sagt DJ und Produzent Fabrizio Zihlmann alias Lui-G. Es sei auch immer eine Kompromisssache gewesen. Während Rast sein Temperament etwas zügeln musste, um nicht immer noch ein Experimentchen mehr einfliessen zu lassen, mussten sich Walker und Zihlmann etwas überwinden, um mal ein bisschen auszubrechen. «Als ich einen Beat machte, sagte ich mir, ‹mach es einfach anders, als du es sonst machen würdest›», lacht Zihlmann. Wenn alle Kompromisse eingehen, wirkt es wieder als starke Einheit.

So auch bei «Turbo Mate & Kalaschnikow». Mehr als auch schon ergänzt sich vor allem Walkers Wucht mit Rasts Sprachtanzerei. Textlich sind GeilerAsDu sowieso längst bei den Besten der Schweiz. Da sind Leute am Werk, die etwas zu sagen haben und es auch sagen wollen. «8 Kilometer» etwa ist ein kraftvoller Perspektivenwechsel auf die Flüchtlingsthematik – geschrieben hat Walker diesen Song, als er die Flüchtlingsströme in Schweden beobachtete.

Und im überragenden «Reset» steckt so viel Kluges drin, dass man immer wieder einen neuen Ansatz findet. Vom wütenden «Scheiss druf oder Schiess druf» bis zum sozialkritischen «be füf Stärne am Meer wetsch ned gseh wie sech anderi as Ufer kämpfet». Wäre der Song schon da gewesen, er wäre der perfekte Soundtrack für die entsetzt-aufgekratzte Facebook-Timeline nach Trumps Wahl. Es ist ein bisschen wie bei Computerproblemen: Die einzige Möglichkeit, die immer bleibt, ist der Resetknopf. Stets in der Hoffnung, dass der Neustart alle Probleme löst. Meistens gehts nicht, versuchen kann man es trotzdem.

«Wir haben immer in Liedern gedacht», sagt Walker. Also nicht, durchaus Rap-typisch, einfach ein paar geile Zeilen raushauen, sondern Strophen, Bridge und Refrains. Das gibt GeilerAsDu bei aller – in Kauf genommenen – Radiountauglichkeit eine grosse Eingängigkeit.

Musikalische Widerhaken

Trotz der Schwere der gewählten Themen werfen die drei so immer kleine musikalische Widerhaken ab, die sich im Ohr und manchmal auch im Herz verfangen. «Ech schrib dis Lied ned, das Lied wo du so drengend verdient hesch. Ech muess en neui Sproch erfende, voller Wörter, wo der grächt wärde», rappt-singt Rast im Refrain des berührenden «Rotebode» über Verlust und Abschied. Dazu schleppt sich der verworrene Beat langsam vorwärts. Das ist schlicht und einfach grossartig.

«Turbo Mate & Kalaschnikow» ist voller kleiner solcher Momente. Anders als noch beim Vorgänger wirkt das Album kompakter. Während «Flöchted» mitunter etwas vor der Zeit war, ist «Turbo Mate & Kalaschnikow» fest im Jetzt verankert. In den vier Jahren seit der Veröffentlichung des letzten Albums hat sich Schweizer Rap rasant entwickelt. Vieles, was heute komplett normal ist, wäre vor einiger Zeit noch undenkbar gewesen. Zu schräg, zu langsam, zu melodiös. Rap ist stilistisch breiter und mutiger geworden. Vielleicht auch dank GeilerAsDu. Sicher aber mit ihnen.

Auf dem Cover des Albums (es erscheint nur digital oder auf Vinyl) stehen vier Gasflaschen irgendwo in einem Krienser Quartier. Warum genau, ist unklar. Sicher: Eine Explosion ist immer eine Option. Das ist auch ein schönes Bild für GeilerAsDu. Man spürt die Wut und die Traurigkeit über die Welt. Nur, was tun mit diesen Gefühlen? Sicher: Explosion ist immer eine Option. Sicher ist aber auch: Es ist die letzte. «Ein Lied zu schreiben, heisst auch immer, etwas zu verarbeiten», sagt Rast. Wer Musik macht, braucht kein Feuer zu legen.

Mittlerweile ist das Gespräch bei Gott und der Welt und Gölä angelangt. Die Ingwer-Tees sind längst ausgetrunken. «Reden können wir», lächelt Walker, als das Aufnahmegerät nach einer Stunde abgestellt wird. Stimmt. Schön, dass dabei auch tatsächlich etwas gesagt wird.

Hinweis

GeilerAsDu: Turbo Mate & Kalaschnikow (Goldon). Plattentaufe: 4. Februar, Südpol, Luzern.

Michael Graber

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