RAP: «Musste zuerst mein Leben aufräumen»

Der Luzerner Angel Egli alias Mimiks ist das Schweizer Ausnahmetalent im Rap. Jetzt kann man ihn endlich auch auf Album geniessen.

Michael Graber
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«Das Gefluche sollte ich wohl abstellen. Vielleicht sollte ich mal in Therapie»: Angel «Mimiks» Egli. (Bild: PD)

«Das Gefluche sollte ich wohl abstellen. Vielleicht sollte ich mal in Therapie»: Angel «Mimiks» Egli. (Bild: PD)

Wie genau soll Rap klingen? Darüber kann man stundenlang streiten. Der Schweizer Konsens klang etwa so: Gerappt wird gerne über ernste Themen (hallo politischer Zeigfinger), Wortspiele stehen über Technik, und am besten ist der Beat so luftig, dass er auch prima von einer lässigen Funk-Band gespielt werden kann. Aber eben: klang. Die jungen Luzerner Rapper sind dran, diese Vorgaben einzureissen. Ganz vorne mit dem musikalischen Vorschlaghammer steht Mimiks. 22 Jahre jung. Verdammt talentiert.

Mit Mixtape bekannt geworden

2012 veröffentlichte er sein (kostenloses) Mixtape «Jong ond Hässig». Harter, technischer Rap über ebensolche Beats. Und das Ganze war witzig, charmant grössenwahnsinnig und auf einem Level, wie man es hierzulande viel zu selten findet. Die Prägung des Sounds ist amerikanisch oder erinnert an härtere deutsche Rapper und ist dabei nie bemüht. Jetzt kann man mit «VodkaZombieRamboGang» sein erstes Album kaufen – und bereits am ersten Tag nach Veröffentlichung stand es auf dem ersten Platz der Schweizer iTunes-Charts.

Angel Egli, wie Mimiks bürgerlich heisst, nimmts locker: «Ich hatte gar noch keine Zeit, das richtig zu begreifen.» Das ist ganz schön bescheiden. Auch sonst sind die Töne im Gespräch leiser als jene, die er auf den Raps spuckt. Da geht es teilweise um nicht viel weniger als «King» sein. Aber nicht nur. Mimiks ist selbstreflexiv bis zur Schmerzgrenze.

Es geht um Absturz, Zweifel und halt all den Mist im Leben, der mit Aufwachsen und Ablösung eng verknüpft ist. Das ist auch mit ein Grund, wieso zwischen dem Mixtape und dem regulären Album zwei Jahre vergingen: «Ich musste erstmal in meinem Leben aufräumen», sagt Mimiks. Gemeint ist: «Ich musste aufhören, nur noch von Wochenende zu Wochenende zu leben. All die negativen Gedanken wegbringen. Und mich selber mehr in den Griff bekommen» (O-Ton: «2011 weiss ech ehrlech gseit nüt meh»).

Zweifel und Eigenlob halten sich auf «VodkaZombieRamboGang» die Waage. Es ist vielleicht die typische Gefühlsachterbahn-Fahrt eines Anfang-Zwanzigers. Auf die Euphorie kommt der Knall nur heftiger. Mimiks kämpft sich durch. Im letzten Jahr hat er (endlich) eine Lehre als Koch angefangen und sich verabschiedet vom ständigen «Was wäre wenn»-Groove. Neues Credo: «Ich machs jetzt einfach.» Mimiks ist zwar immer noch «jong ond hässig», aber wird halt doch auch erwachsen.

«Brauche beide Seiten»

Das heisst auch, weniger oft «VodkaZombie» zu sein. Also weniger das sein, wovor Eltern Angst haben und Politiker immer warnen. «Ich brauche beide Seiten», sagt Mimiks, «die dunkle wie die helle.» Klassisch dunkel ist das permanente Gefluche. Wie oft Mimiks «Bitch» sagt auf seiner Scheibe, ist kaum abzuzählen. «Ja, das sollte ich wohl abstellen. Vielleicht sollte ich mal in Therapie», lacht Angel Egli. «Nein, ernsthaft: Meine Generation hört das gar nicht mehr. Das ist auch Masche und Stilmittel.» Und eben: «Ich mache keinen Studenten-Rap und kein Intellektuellen-Futter, ich mache das, was mir passt», sagt Mimiks mit bedrohlicher Ernsthaftigkeit.

Das erklärt auch den ganzen Sound von Mimiks. Er macht das, was er auch selber hört. Und das ist nun mal nicht, was sonst in der Schweiz läuft, auch wenn er die Szene auch als ehemaliger Sendungsmacher auf Radio 3fach genau kennt. Mimiks ist ein klassisches Kind der Nullerjahre.

Nicht mehr MTV oder Radios waren stilbildend, sondern das Internet und Youtube ermöglichten die Bedienung am grossen Buffet. Die Idole, denen man nacheifern konnte, waren nicht mehr Tausende Kilometer, sondern nur noch ein paar Klicks entfernt.

Es funktioniert im Club

Und ganz ehrlich: Bei allen kleinen Revolutionen, die es im Schweizer Rap in den letzten Jahren gab, ist jene, die Mimiks anreisst, die grösste. Endlich ist Schweizer Rap tauglich für den Club, und zwar, ohne sich zu verbiegen. Da ist kein Funken Pop-Anspruch. Wieso auch? Wieso sollten Kanye West, Lil Wayne und andere Ami-Rapper auf der Tanzfläche funktionieren und Mimiks nicht? Praktisch jeder der 17 Tracks hat das Potenzial, in die Beine zu fahren. Und für einmal versteht man sogar, was der Rapper sagen will – fraglich nur, ob man es immer will.

Und genau deswegen muss man Mimiks 2014 hören. Ja, ehrlich: Man muss. Eltern, um ihre schwierigen Kinder zu verstehen, und all die anderen, um sich und ihre Generation endlich mal in wütende Worte gefasst zu kriegen. Das ist nicht immer einfach – eben häufig «jong ond hässig». Aber kanalisiert in Musik, ist es ein absolutes Highlight für den Schweizer Rap.

Hinweis: Mimiks: VodkaZombieRamboGang (Frontlinemusic) •••••