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Interview

Rapper Stress dachte an Selbstmord: «Ich muss mit diesen dunklen Gedanken leben»

Nach fünf Jahren kehrt der Musiker Stress mit einem neuen Album auf die Bühne zurück. Im Interview erzählt der 42-Jährige über seine Depressionen, das gestörte Verhältnis zu seinem Vater und dass ihn seine Freundin Ronja betrogen hat.
Raffael Schuppisser und Stefan Künzli
Veröffentlicht seine Psychotherapiesitzungen als Video auf Youtube: Rapper Stress Bild: André Albrecht

Veröffentlicht seine Psychotherapiesitzungen als Video auf Youtube: Rapper Stress Bild: André Albrecht

Stress sitzt am Boden in einem leeren Swimmingpool. Zwischen schwarzen Schuhen und der schwarzen Hose blitzen weisse Socken hervor. «Bitte versprich mir, dass man das nicht sieht auf den Bildern», sagt er zum Fotografen und lacht. Dass Andres Andrekson, wie der Musiker richtig heisst, an Depressionen gelitten hat und Selbstmordgedanken hatte, merkt man ihm nicht an. Umso eindrücklicher sind seine Worte im Interview.

Sie gehen offensiv mit Ihren Problemen und Ihren Depressionen um. Haben sogar Videoaufnahmen von Sitzungen mit Ihrer Psychologin veröffentlicht. Weshalb machen Sie das?

Stress: Viele Leute kämpfen mit ähnlichen Problemen wie ich. Doch niemand will zu einem Psychologen gehen. Sie glauben, dass dies ein Zeichen von Schwäche sei. Mit den Videoaufnahmen will ich das Gegenteil beweisen. Eine unbefangene, neutrale Person kann dir die Augen öffnen und dich weiterbringen. Ich habe meine Probleme öffentlich gemacht, um mir zu helfen, aber auch anderen Leuten.

Wann haben Sie zum ersten Mal den Rat eines Psychologen in Anspruch genommen?

Das war vor zehn Jahren, als ich in einer ähnlichen Situation war. Ich habe mit den Sessionen aufgehört, weil ich dachte, die Sache im Griff zu haben. Ich habe mich getäuscht.

Man könnte Ihnen vorwerfen, dass Sie das alles inszenieren und Ihre Krankheit zu Marketingzwecken für Ihre Musik verwenden?

Ich kann verstehen, wenn einige Leute das denken. Aber es ist mir egal. Es ist meine Art, meine Probleme zu verarbeiten. Ich habe viel Energie gebraucht, dass ich hier bin und darüber reden kann. Ich bin überzeugt, dass man Probleme ansprechen muss, wenn man sie lösen will. Nicht nur meine Probleme, alle Probleme dieser Welt. Wir zeigen die Tendenz, alles zu verdrängen. Aber damit ist gar nichts erreicht. Die Videos sind eine Botschaft, meine Botschaft.

In diesem Video verarbeitet Stress seine Probleme

Ist es nicht eine völlig andere Situation, wenn eine Kamera läuft?

Für mich macht es keinen Unterschied. Ich bin gewohnt, im Scheinwerferlicht zu stehen. In meinen Songs habe ich immer mein Leben dargestellt. Ich bin gewohnt, dass man mich und mein Leben beobachtet.

In einem Ihrer neuen Songs heisst es: «An einen Revolver gegen meine Schläfe, daran denke ich.» Hatten Sie wirklich Selbstmordgedanken?

Ja, aber heute weiss ich, wie ich mit diesen dunklen Gedanken umgehen muss. Sie kommen, und ich weiss, dass sie wieder gehen. Früher bin ich darüber erschrocken, was mich noch tiefer gerissen hat. Den Song «Petite Pensée» habe ich geschrieben, damit ich eine Distanz zu den Gedanken gewinnen kann.

Als Bildsujet für dieses Interview haben Sie einen leeren Swimmingpool gewünscht. Was symbolisiert er?

Er symbolisiert die Leere, in der ich mich in den letzten Jahren befand. Ich musste vieles flicken und verarbeiten. Ich glaube aber, dass ich den Pool jetzt wieder füllen kann.

Sie gehören zu den erfolgreichsten Schweizer Musikern der letzten Jahre und werden dafür bewundert. Was ist eigentlich falsch gelaufen?

Als ich vor zwei Jahren wieder in eine Krise schlitterte, habe ich mich an meine Psychologin gewandt. Wir haben herausgefunden, dass der Ursprung der Krise in meiner Kindheit liegt. Diesen Rucksack musste ich ablegen. Ich musste aufräumen, um mir klar zu werden, was ich bin und was ich im Leben will.

(Bild: André Albrecht)

(Bild: André Albrecht)

Sie lebten als Kind in Estland. Was ist dort passiert?

Die ersten zwölf Jahre meines Lebens waren schrecklich. Estland war damals Teil der Sowjetunion, es herrschte der Kommunismus. Das heisst: Menschen sind nicht Menschen, sie sind Eigentum des Staates. Andersdenkende wurden unterdrückt und verfolgt. Es kam zu verschiedenen traumatischen Erlebnissen.

Möchten Sie eines erzählen?

Als Achtjähriger wurde ich ins Spital gebracht. Ich wusste nicht weshalb. Man verabreichte mir verschiedene Medikamente. Eines Tages wurde ich an das Bett gefesselt, und mir wurden ohne Anästhesie die Mandeln rausgeschnitten. So war das dort.

Wie war die familiäre Situation?

Mein Vater war ein Säufer und gewalttätig gegenüber der ganzen Familie. Es wurde so schlimm, dass wir ihn verlassen und uns vor ihm verstecken mussten. Meine Mutter erledigte zwei Jobs, um uns einigermassen durchzubringen. Das ganze Leben war ein Kampf, ein Kampf ums Überleben. Alle litten unter der Situation, und wir hatten kaum etwas zu essen.

Stress: «Ich war unzufrieden mit meiner letzten Platte. Ich habe mich gefragt, wer dieser Typ ist, der da rappt.» Bild: Andre Albrecht

Stress: «Ich war unzufrieden mit meiner letzten Platte. Ich habe mich gefragt, wer dieser Typ ist, der da rappt.» Bild: Andre Albrecht

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Vater?

Ich bin vor zwei Wochen nach Estland gereist und wollte ihn treffen. Zum ersten Mal nach dreissig Jahren. Ich ging auf ihn zu und wollte die Probleme lösen, die wir miteinander hatten. Es gelang mir, ihn am Telefon zu sprechen, aber er hat mich nur beschimpft. Darauf bin ich wieder abgereist.

Was ist Ihnen in diesem Moment durch den Kopf gegangen?

Ich war frustriert und habe es nicht verstanden. Nach dreissig Jahren wäre eine Versöhnung doch auch für ihn gut gewesen. Immerhin weiss ich jetzt, dass ich mir nichts vorwerfen muss.

Wie ist die Beziehung zu Ihrer Mutter?

Ich bin ihr dankbar, sie hat mich immer unterstützt. Ich bin froh, ihr Sohn zu sein, denn sie hat mir dieses Leben in der Schweiz ermöglicht. Wenn ich ein Problem habe, wende ich mich an sie.

Zur Person: Stress, der Erfolgsverwöhnte

Der Rapper Stress ist 1977 als Andres Andrekson in Tallinn, Estland, geboren und kam im Alter von 12 Jahren mit seiner Mutter in die Schweiz. Er wohnte in Lausanne, studierte Wirtschaft, gehörte zur Hip-Hop-Formation Double Pact und avancierte mit seiner Solokarriere im neuen Jahrtausend zu einem der erfolgreichsten Schweizer Musiker. Bis heute hat Stress vier Nr.-1-Alben produziert und steht mit neun Auszeichnungen an der Spitze der Swiss-Music-Awards-Gewinner. 2013 wurde er Jurymitglied und Coach in der Gesangs-Castingshow «The Voice of Switzerland». 2008 bis 2012 war er mit der Schauspielerin und Ex-Miss Schweiz Melanie Winiger verheiratet. Heute lebt der 42-jährige Musiker in Zollikerberg und ist mit dem Schweizer Model Ronja Furrer liiert. (sk)

Sie leiden seit 30 Jahren unter den Erlebnissen ihrer Kindheit?

Die ersten zwölf Jahre im Leben eines Menschen sind sehr prägend. Sie definieren einen als Menschen. In der Schweiz habe ich mich selber unter Druck gesetzt und gekämpft. Umso schlimmer war es, wenn etwas einmal nicht klappte. Vor zwei Jahren kamen verschiedene Dinge zusammen.

Was ist passiert?

Ich war unzufrieden mit meiner letzten Platte. Ich habe mich gefragt, wer dieser Typ ist, der da rappt. Mein langjähriger Produzent Yvan war nicht mehr dabei. Ich fühlte mich allein.

(Bild: André Albrecht)

(Bild: André Albrecht)

War das der Auslöser?

Ja, aber es kam nicht von einem Tag auf den anderen. Ich schlittere immer langsam in eine Depression. Es geht nach unten, zuerst kaum wahrnehmbar, dann immer schneller. Private Probleme in der Beziehung kamen dazu. Irgendwann kommt ein Punkt, an dem nichts mehr funktioniert. In diesen Momenten melden sich die Dämonen der Vergangenheit und ziehen mich noch mehr in die Tiefe. Ich war verloren.

Was haben Sie gegen diese Dämonen getan?

Ich musste mich mit meinen Problemen und meinen Dämonen konfrontieren. Wenn man den Dämonen in die Augen blickt, dann verschwinden sie, und man sieht die Probleme, die man tatsächlich hat. Ich habe ein Bild in meinem Kopf. Ich sehe einen 8-jährigen und einen 13-jährigen Buben, die sich bloss als Dämonen verkleidet haben. Sie haben Angst und sind hilflos. Deshalb rasten sie aus. Es sind zwei Versionen meiner selbst als Kind.

Haben Sie schon andere Methoden gegen die Depression ausprobiert als Psychotherapie?

Yoga. Die Atemtechnik hilft, um zu entspannen und besser bei sich zu sein.

Medikamente?

Ich halte nichts von Antidepressiva. Aber manchmal rauche ich einen Joint. Das hilft mir im kreativen Prozess und um wieder runterzukommen, wenn ich gestresst bin.

«Sincèrement» ist Ihr erstes Album seit fünf Jahren. Sie waren lange weg. Ihre Fans sind älter geworden. Zweifeln Sie manchmal daran, dass ihr Erfolg weitergeht?

Ja, ich mache mir solche Gedanken. Das ändert aber nichts daran, dass ich die Musik mache, die mir entspricht. Denn es ist der einzige Weg, damit sie gut wird.

(Bild: André Albrecht)

(Bild: André Albrecht)

In einem Song geht es ums Fremdgehen. Haben Sie tatsächlich Bilder auf Instagram entdeckt, auf denen Ihre Freundin mit einem anderen Mann knutscht?

Ja, das ist wirklich passiert. Eines Tages klickte ich mich durch das Fotoportal, und es fuhr mir durch den Kopf: «Shit, Ronja betrügt mich mit einem anderen Mann.» Die Gefühle habe ich dann in einem Song verarbeitet. Den schickte ich Ronja. Sie sagte: «Ich verstehe, dass das deine Gefühle sind. Du sprichst aber nur von dir und deiner Reaktion. Das ist einseitig.» Ich realisierte, dass sie recht hat. Darauf habe ich den zweiten Teil neu geschrieben.

Das neue Album

Stress Sincèrement (Universal). Erscheint am 4. Oktober. Tourstart am 6. Dezember.

Stress Sincèrement
(Universal).
Erscheint am 4. Oktober. Tourstart am 6. Dezember.

Fünf Jahre sind seit dem letzten Stress-Album vergangen. Fünf Jahre, in denen Stress sein Leben und seine Karriere neu ordnen musste. Der Pegasus-Bassist Gabriel Spahni hat den langjährigen Produzenten Yvan Peacemaker ersetzt. Inhaltlich schlägt der Rapper auf «Sincèrement» neue Töne an. Aber Stress klingt immer noch nach Stress. Die Musik mag etwas weniger knallig sein, die Grundfärbung melancholischer. Doch von einem Neustart kann nicht gesprochen werden. Stress bewegt sich auf «Sincèrement» in vertrauten Gefilden.

Was haben Sie geändert?

Ich habe reflektiert, wie es dazu kommen konnte, dass sie fremdging. Ich habe sie alleingelassen, war nicht da für sie als ihr Freund, habe sie nicht in mein Leben hereingelassen. Ich habe die Situation kreiert.

Wie kam es dazu?

Ich habe eine zweite Liebe, die Liebe zu meiner Musik. Da stecke ich ganz viel rein. Manchmal alles, was ich gerade habe, alle Energie. Ich bin mit dieser Liebe dann so beschäftigt, dass ich meine andere Liebe vergesse. Ich bräuchte dann keine Freundin, weil ich alles von der Musik bekomme.

Wie ging es weiter?

Wir haben viel geredet. Darüber, wie wir weitermachen wollen. Was wir daraus lernen können. Natürlich stand auch zur Debatte, dass wir die Beziehung beenden. Aber was wäre dann passiert? Ich hätte irgendwann eine neue Freundin gehabt, und nach sechs Jahren wäre ich am gleichen Punkt gewesen. Das war keine Option. Wir lieben uns. Wir arbeiten an unserer Beziehung.

Sie leben noch immer in einer Fernbeziehung.

Ja, Ronja in New York, sie hat da ihre Jobs als Model. Ich in Zürich. Das macht es nicht einfach. Wir sehen uns alle drei Wochen.

Warum ziehen sie nicht nach New York?

Das ist keine Option. Mich fasziniert dieser Lifestyle nicht. Es ist wie Disneyland für Heranwachsende. Nichts für mich. Und ich finde die amerikanische Politik schrecklich.

Wollen Sie zusammen Kinder haben?

Ja, das können wir uns gut vorstellen. Uns ist auch bewusst, dass das Leben nicht ewig als Fernbeziehung weitergehen kann.

Zuerst Melanie Winiger, dann Ronja Furrer. Können Sie sich nur in Models verlieben?

Ich hatte nur diese zwei Beziehungen in den letzten 14 Jahren. Daraus einen Trend abzuleiten, wäre falsch.

Das müssen Sie ja sagen…

Es stimmt aber. Ronja interessiert sich kaum für den Glamour. Sie ist eine einfache Frau. Dafür liebe ich sie.

Wieso stellen Promis ihre Paargespräche und Psychotherapien ins Netz?

Charlotte Roche spricht in einem Podcast über Eheprobleme. (Bild: Filiz Serinyel)

Charlotte Roche spricht in einem Podcast über Eheprobleme. (Bild: Filiz Serinyel)

Wenn man Stress im Gespräch mit seiner Psychotherapeutin zuhört, klingt das ein wenig wie Rap. Er erzählt lebhaft, wählt kluge Sprachbilder und wird auch mal impulsiv. Etwa dann, wenn seine Therapeutin die Sache auf den Punkt bringt und sagt: «Sie nehmen die Person, die Ihnen angeblich am liebsten ist, nicht ernst.» Er hasse diese Punchline, so bezeichnet man im Rap schlagkräftige Pointen, erwidert Stress: «Aber Sie haben recht.» Schonungslos ehrlich, aber auch ein bisschen inszeniert wirken die zwei Videos, die Stress aus seiner Psychotherapie auf Youtube veröffentlicht hat.

Einst waren Rapper die harten Kerle, die keine Schwäche zeigten. Doch sein Seelenleben nicht nur in den Songtexten zu offenbaren, sondern gleich seine Psychotherapiesitzungen ins Netz zu stellen, das ist eine neue Dimension. Erst recht für einen Mann. Es passt zum Zeitgeist.

Das Model Tamy Glauser hat in einer Autobiografie ihre psychischen Probleme und die demütigende Beziehung zu ihrer Exfreundin offengelegt. Die deutsche Autorin Charlotte Roche hat einen Podcast aufgenommen, in dem sie mit ihrem Mann 15 Stunden lang über ihre Ehe spricht; dabei kommen vor allem die Probleme zur Sprache, und es wird kein intimes Detail ausgelassen. Und die US-Schauspielerin Lena Dunham berichtet in einem Podcast über ihre Medikamentensucht. «Zu sagen, dass man Hilfe braucht und zum Therapeuten geht, das ist heute kein Tabu mehr», stellt der Psychotherapeut Thomas Spielmann fest.

In den Nullerjahren hat Spielmann für Reality-TV-Serien wie «Big Brother Schweiz» und «Expedition Robinson» die Kandidaten ausgewählt und betreut. Es war die Zeit, als man die zwischenmenschlichen Probleme im TV möglichst authentisch als Show zu inszenieren versuchte. Das Aufkommen der sozialen Medien hat neue Möglichkeiten eröffnet und auch ein neues Verhältnis zur Privatsphäre geschaffen: Prominente stellen nun ihre Probleme selber öffentlich dar.

Doch wie authentisch kann eine Psychotherapie sein, die gefilmt wird? Der Sinn liegt ja gerade darin, einen Ort zu schaffen, an dem man ganz bei sich sein kann. Macht die Kamera diese Situation nicht zunichte? «Nein», findet Spielmann. Nach zwanzig Minuten habe man vergessen, dass die Kamera läuft – und benehme sich ganz natürlich. Dennoch fragt man sich, warum jemand seine Psychotherapie oder Paargespräche – quasi das Intimste – öffentlich macht. «Eine Psychotherapie kann eine gewaltige Erfahrung sein, die einem die Augen öffnet», sagt Thomas Spielmann. Er verstehe, dass gerade Menschen, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen, ein Bedürfnis verspüren, ihre Psychotherapie mit ihren Mitmenschen zu teilen. Sie geben etwas von sich weiter, das ausgesprochen hilfreich sei – und natürlich auch unterhaltend. Raffael Schuppisser

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