RATGEBER: Am Steuer des Lebens sitzen

Der Jahreswechsel steht oft symbolisch für persönliche Auf- und Umbrüche. Der ehemalige Jesuit Lukas Niederberger (52) berät Menschen in solchen Phasen – und hat selbst einschlägige Erfahrungen.

Pia Seiler
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Nicht immer führt der Lebensweg nur gerade aus. Umbrüche und Neuerungen finden oft zum Jahreswechsel statt.

Nicht immer führt der Lebensweg nur gerade aus. Umbrüche und Neuerungen finden oft zum Jahreswechsel statt.

Interview: Pia Seiler

redaktion@luzernerzeitung.ch

Lukas Niederberger, den eigenen Standort zu klären und/oder eine neue Richtung einzuschlagen, ist oft nicht einfach. Sie schreiben Bücher zum Thema und begleiten andere darin. Wo stehen Sie selber an der Schwelle zu 2017?

Ich bin Mensch, Partner, Sohn, Bruder, Arbeitnehmer, Staats- und Erdenbürger. In diesen verschiedenen Rollen ist mir bewusst, dass auf einigen Ebenen vieles ändert. Ich denke dabei vor allem an das Zusammenleben der Kulturen in der Schweiz und weltweit – das beschäftigt mich stark. Auch beruflich werde ich mich vermutlich auf ganz neue Projekte einstellen dürfen und müssen. Umso mehr hoffe ich, dass ich auf der privaten Ebene ein weiteres Jahr der Stabilität erleben darf.

Sie haben erfahren, wie Umbrüche das Leben durchschütteln können: 2007 verliessen Sie den Jesuitenorden und gaben Ihre Direktorenstelle im Lassalle-Haus auf.

Geschüttelt werden ist gar nicht so schlecht. Schütteln entstaubt und setzt Energien frei. Viele werden gerade in solchen Phasen auch sensibilisiert für Nöte und Leiden anderer Menschen.

Was haben Sie aus Umbrüchen gelernt – für Sie persönlich und für Ihre Arbeit?

Beim Ordensaustritt 2007, den ich bewusst initiierte, lernte ich vor allem, bei Entscheidungen den Stimmen der Angst zu misstrauen. Und bei anderen Umbrüchen, die ich nicht selber gewählt habe, lernte ich, möglichst schnell aus der Opferrolle herauszufinden. Beide Erfahrungen waren hilfreich für die Begleitung von Menschen und Organisationen: nämlich dass Fehler, Versagen und Scheitern nicht nur etwas Negatives sind, das möglichst zu vermeiden ist. Vielmehr liegt darin die Chance, eine Lektion fürs Leben zu lernen und dadurch zu wachsen und zu reifen.

Wann haben wir ausgelernt?

Wohl nie. Das Leben ist ein permanenter Lern-, Such- und Entwicklungsprozess. Manche Übergänge begrüssen wir und leiten sie freiwillig und aktiv ein, andere erleiden wir eher schicksalhaft und passiv. Wie immer auch die Ausgangslage ist: Die meisten Menschen wollen nicht gelebt werden und auf dem Rücksitz des Lebens fahren, sondern das Leben sinnvoll gestalten und mit zunehmender Reife immer öfter selber am Steuer sitzen.

Kann man sich auf grössere Lebensübergänge vorbereiten?

Ja, durchaus. Ich habe immer Respekt, wenn Menschen, die zwei, drei Jahre vor der Pensionierung stehen, meine Kurse besuchen. Sie wissen oder ahnen zumindest, dass dieser Übergang recht dramatisch sein wird, weil wir uns stark über die Arbeit definieren. Ich zeige ihnen jeweils auf, dass vier Phasen anstehen: die Zeit der Vorbereitung, das Loslassen des Gewohnten, das Aushalten der Zwischenphase und das Einlassen auf die neue Situation. Von Loslassen allerdings spreche ich nicht gern. Es geht vielmehr darum, das Gewesene möglichst versöhnt und dankbar so zu integrieren, dass uns die Vergangenheit nicht zwingt, ständig mit dem Blick in den Rückspiegel durchs Leben zu kutschieren.

Das Aushalten der Zwischenphase dürfte vielen schwer- fallen. Was raten Sie?

Die Phase des Nicht-mehr-und-noch-nicht, die sogenannte Schwellenphase, gilt es nicht bloss passiv auszuhalten, sondern positiv als Brachland oder Brachzeit zu betrachten. Wenn etwas wirklich Neues in unserem Leben entstehen soll und nicht einfach nur mehr vom Gleichen, brauchen wir eine Phase, in der wir überhaupt nicht wissen müssen, wie es weiter geht.

Und die Offenheit für Neues – ergibt sich die von allein?

Mir persönlich fällt diese Phase recht leicht, weil in meinem Leben das Neue immer mit dem Kennenlernen interessanter Menschen und Themen verbunden war. Die Leichtigkeit, sich auf Neues einzulassen, hängt stark mit der Art und Weise zusammen, wie man sich vom Alten verabschiedet hat. Leicht fiel mir der Weggang vom Lassalle-Haus, weil ich dankbar auf die 13 Jahre in Bad Schönbrunn zurückschauen konnte. In anderen Fällen war es schwieriger. Dann etwa, als mir kurz hintereinander zwei ältere Herren aus der Privatwirtschaft, die unreflektiert mit Macht umgingen und keine Kritik tolerierten, Knall auf Fall kündigten.

In gut einem Jahrzehnt steht Ihre eigene Pensionierung an. Wann beginnen Sie mit der Vorbereitung?

Sie hat bereits begonnen. In meiner Agenda existiert eine Liste von Dingen, die ich nach der Pensionierung umsetzen möchte. Und sie wird immer länger. Sicher werde ich zunächst mehrere Monate zu Fuss unterwegs sein, um ganz neuen Gedanken und Ideen Raum zu geben.

Hinweis

Lukas Niederberger (52), Theologe, ehemaliger Jesuit und Direktor des Bildungszentrums Lassalle-Haus, wirkt heute als Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft sowie als Buchautor und Kursleiter. Sein nächster Standortbestimmungskurs findet vom 20.–22. Januar im Lassalle-Haus statt. www.lassalle.haus.org