Raus aus dem Nischendasein: US-Lyrikerin Louise Glück gewinnt Literaturnobelpreis

Mit der U.S.-Amerikanerin Louise Glück ehrt die schwedische Nobelpreis-Akademie eine grosse, bislang kaum gehörte Stimme zeitgenössischer Lyrik und eine geistige Brückenbauerin.

Peter Henning
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Der ehemalige US-Präsident Barack Obama gratuliert Louise Glück 2015 zum Erhalt der National Humanities Medal in Washington.

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama gratuliert Louise Glück 2015 zum Erhalt der National Humanities Medal in Washington.

Bild: Carolyn Kaster / AP

Das schwedische Nobelpreis-Komitee hat offensichtlich zu der alten Stärke und Unberechenbarkeit zurückgefunden – geht ihre diesjährige Auszeichnung doch an eine, die wahrscheinlich nicht mal die kühnsten Spekulanten auf der Rechnung gehabt hatten.

Denn mit der 77-jährigen U.S.-amerikanischen Lyrikerin und Essayistin Louise Glück, von der gerade mal zwei Titel in deutscher Übertragung durch die Schriftstellerin Ulrike Draesner vorliegen, wird eine Dichterin geehrt, die selbst eingefleischten Literatur-Interessierten unbekannt sein dürfte.

Man ehre die Autorin – so die Begründung der Akademie – «für ihre unverkennbare poetische Stimme» mit welcher sie «mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell» mache.

Glücks Lebensthema: Das Unüberwindliche zwischen Mensch und Natur

Tatsächlich beschreibt diese Charakterisierung ziemlich gut das Wesen der Glück’schen Poetik, die wiederkehrend das Unüberwindliche zwischen Mensch und Natur thematisiert. Und damit die in letzter Konsequenz unauflösliche Widersprüchlichkeit zwischen der Vorstellung des Menschen von einem Garten Eden und der sogenannten Conditio humana, welche die Umstände des Menschsein und die seines Wesens beschreibt.

Zwischen diesen gewaltigen Polen bewegt sich das lyrische Werk der am 22. April 1943 in New York City geborenen Autorin, die nach einem Studium an der Columbia Universität 1968 ihren ersten Lyrikband «Firstborn» vorlegte. Und von Beginn bestach diese Autorin durch ein ungewöhnliches Mass an lyrischer Fantasie, die es ihr erlaubte, unsere Existenz aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu beleuchten und zu hinterfragen.

Darin erinnert Glücks naturnahe, gern auf die Mythen der Antike anspielende Lyrik an jene der großen Elizabeth Bishop, welche in ihren Poemen die komplexen Strömungen der U.S.-amerikanischen Moderne von Ezra Pound bis zu William Carlos Williams ebenso mitreflektiert wie sie dichterisch eigene Wege geht.

Viele ihrer stilistischen und konzeptionellen Bezüge reichen allerdings weiter zurück. So griff Glück etwa in ihrer 2007 auf Deutsch erschienenen Sammlung «Averno» den antiken Persephone-Mythos auf, den sie auf ihre Weise neu interpretierte, indem sie diesen – in neue Zeitkontexte gestellt – auf Themenpaare wie Abschied und Rückkehr, Körper und Seele oder Mutter und Tochter hin hinterfragte.

Die «Neue Zürcher Zeitung» nannte Glücks poetisches Verfahren, die grossen Fragen unseres Seins stets durch die Linse der Einzelexistenz hindurch zu betrachten einerseits «schmerzhaft subjektiv». Sie attestierte ihren straff gearbeiteten, nie pathetischen Gedichten aber zugleich «robust und verletzlich» zu sein.

Ein Geheimtipp unter Autoren

Lange galt Glück als eine Art «Poets poet», von Dichtern und Lyrik-Kennern hochgeschätzt. Dem grossen Lesepublikum, das sein Heil in der Regel in Romanwelten sucht, kaum oder gar nicht bekannt. Tatsächlich aber lassen sich Glücks Gedichte als grosses poetisches Abenteuer lesen.

Denn wo andere Dichter sich in der hermetischen Welt ihrer eng gesteckten Grenzen bewegen, da greift Glücks Lyrik oft weit über diese hinaus, indem sie ihr Schreiben als eine Expedition in neue, uns oftmals nur scheinbar vertraute Bildwelten inszeniert. Was ihre Poeme dabei so besonders macht, ist ihre sprach-philosophische Fähigkeit, uns das scheinbar Vertraute – in neue Kontexte gestellt – plötzlich neu und anders sehen zu lassen.

So heisst es einmal in dem Gedicht «Die Nächtlichen Wanderzüge», enthalten in dem Band «Averno »in geradezu Fernando Pessoa-haftem Ton dazu:

Es bedrückt mich zu denken,

dass die Toten sie nicht sehen -

diese Dinge, die uns selbstverständlich sind, sie entschwinden.

Was wird die Seele dann tun, um sich zu trösten?

Dabei besticht Glücks Lyrik, die oft ins Unsichtbare greift, häufig durch eine bisweilen geradezu mikroskopisch genau arbeitende Wahrnehmung, die das Bekannte wie in seine Einzelkristalle zu zerlegen scheint, um es – verändert wieder zusammengesetzt – faszinierend neu und anders erscheinen lässt.

Darin erinnert sie ebenso an Marianne Moore wie an ihre Zeitgenossin Anne Carson. Und dass sie nun den Literaturnobelpreis erhält, kommt genau betrachtet nicht von ungefähr. Die Liste der ihr bislang zugesprochenen Preise ist nämlich nahezu ebenso lang wie die ihrer Publikationen – angefangen bei einem Guggenheim-Stipendium, das sie 1975 bekam, bis hin zum Pulitzer-Preis, 1993, oder dem National Book Award für Lyrik, den sie 2014 erhielt.

Mit Louise Glück ehrt die schwedische Akademie genau betrachtet ein literarisches Schwergewicht, das lange wie unter Ausschluss der Öffentlichkeit seine Kunst betrieb, gilt Lyrik doch inzwischen als sperrige Nischenliteratur: elitär und unverkäuflich.

Lässt man sich aber unvoreingenommen auf Glücks zweifellos autobiografisch grundierte Poetik ein, so öffnen sich alsbald faszinierende Echoräume, in denen sich unsere Existenz wie in tausend Spiegeln bricht. Dabei übernehmen manchmal nur wenige dicht gefügte Sätze plötzlich die Funktion von Leitfäden oder Wegweisern durch das Dickicht unserer Existenz.

«Ich denke, Geografie steht in meinem Werk an erster Stelle», bekannte Elizabeth Bishop einmal. Diese Einschätzung dürfte ein Stück weit auch für Louise Glücks Lyrik gelten, geleitet sie uns doch ebenfalls immer wieder durch innere Landschaften, Seelen-Topografien mithin, in deren Weiten wir uns selber exemplarisch hingestellt sehen.

So auch in ihrem Band «Wilde Iris» von 2008, in welchem sie eine Art Liederzyklus in Moll intoniert – um den ewigen Kreislauf der Natur von Werden und Vergehen bildhaft zu beschwören. «The New Republic» urteilte dazu: «Ein erstaunliches Buch, geschrieben in der Sprache der Blumen!»

Das Verbindende und das Trennende

So umkreisen Glücks Gedichte in letzter Instanz immer zugleich das Verbindende und das Trennende – also jene grundsätzlichen Widersprüche, die das Menschsein ausmachen. Diese immer neu zu bannen scheint ihr vordinglichstes Ziel zu sein.

Sie tut es, indem sie komplexe Sachverhalte und innere Zustände mit scheinbar einfachen, aber zupackenden lyrischen Mitteln zu fassen sucht. Einmal richtet sie dabei ihre lyrische Stimme direkt an den Leser, um ihn aber sogleich wieder abzuweisen.

Du hörst diese Stimme? Es ist die Stimme meines Geistes;

meinen Körper kannst du jetzt nicht berühren.

Er hat sich einmal verändert, er ist ausgehärtet,

bitte ihn nicht, von neuem zu antworten.

Es ist eine immer neu zum wechselseitigen Dialog auffordernde Lyrik welche die Schwedische Akademie nun mit Louise Glücks Arbeiten ehrt.

Ein gutes Zeichen in diesen Zeiten der Spaltung, da der marktschreierische Monolog scheinbar alles notwendige Miteinander-Sprechen-Sollen übertönt. Lauschen wir also dieser Dichterin des Wir! Es lohnt sich.