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Ausstellung in Stans: rechtschaffene Jäger, tote Tiere

Im Nidwaldner Museum hat die Ausstellung «Jäger, Tiere, Wilderer – Handwerk und Legenden in Nidwalden» eröffnet. Sie bietet Bildung, Jägerromantik und auch etwas Zündstoff.
Céline Graf
Nidwaldner Wilderergeschichten wie jene um Adolf Scheuber (rechts) sind offiziell schweizerisches Kulturgut. (Bild: Staatsarchiv Nidwalden, unbekannter Aufnahmeort, Ende 19. Jahrhundert)

Nidwaldner Wilderergeschichten wie jene um Adolf Scheuber (rechts) sind offiziell schweizerisches Kulturgut. (Bild: Staatsarchiv Nidwalden, unbekannter Aufnahmeort, Ende 19. Jahrhundert)

«Die Leiche liegt auf der Vorderseite des Körpers, Gesicht und Stirne auf einem Stein aufliegend.» Am 15. Oktober 1899, dem Tag der Älplerkilbi in Stans, werden auf der Gruobialp im Kanton Obwalden der Wildhüter Werner Durrer und dessen Sohn Joseph Durrer tot aufgefunden. Mehrere Schusslöcher deuten auf einen Jäger hin. Seit im neugegründeten Bundesstaat von 1848 das eidgenössische Jagdgesetz eingeführt worden ist, geraten Ob- und Nidwaldner im gemeinsamen Jagdbanngebiet noch leichter aneinander.

Der Mörder ist schnell gefunden. Adolf Scheuber, ein 29-jähriger Zimmermann aus Wolfenschiessen, wurde am 14. Oktober wieder einmal beim Wildern ertappt. Dieses Mal räumte er seine Feinde mit der Flinte aus dem Weg. Auf dem Transport zum Verhör springt der Verhaftete aus dem Zug und taucht unter. Bei seiner Frau Berta werden später Briefe gefunden, von fernen Orten «am Meere» und «in den Urwäldern». Lebte er womöglich als «Adolfo Scheuber» in Südamerika? Das Rätsel bleibt ungelöst.

Auf der Liste der immateriellen Kulturgüter

Um keine Zentralschweizer Wilderergeschichte ranken sich so viele Legenden wie um die von Adolf Scheuber. Der ehemalige Stanser Postverwalter und Oberrichter Ernst Rengger veröffentlichte darüber im Jahr 1933 die Erzählung «Die eine, wilde Jagd». Den Behörden war sie zu skandalös, doch die Zensur dürfte die Leser nur noch neugieriger gemacht haben. Inzwischen ist der Text Grundlage von literarischen Bearbeitungen, Theatern und einer Lizentiatsarbeit.

Ein Filmprojekt von Fredi M. Murer dazu blieb unrealisiert. Am 22. Mai erzählt der Nidwaldner Regisseur («Höhenfeuer») davon auf einer Führung im Salzmagazin des Nidwaldner Museums. Die dort letzte Woche eröffnete Ausstellung «Jäger, Tiere, Wilderer» greift auch den Kult um die Scheuber-Affäre auf. «Nidwalden hat eine starke Tradition von Wilderergeschichten», sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Carmen Stirnimann. Adolf Scheuber sei der massgebliche Grund, dass dieses Genre es auf die Liste der immateriellen Kulturgüter des Bundes geschafft hat. Für die Ausstellung wird Renggers Buch zum vierten Mal herausgegeben, mit ein paar Ergänzungen, darunter Murers Filmexposé.

Ein kontrovers diskutiertes Thema

Die Ausstellung, kuratiert vom Kulturforscher und Jägersohn Basil Rogger, findet anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Patentjägervereins Nidwalden statt. Die Jagd ist ein Thema, das kontrovers diskutiert wird. Einerseits hinterfragen Tierrechtskreise die heutige Berechtigung der Jagd, andererseits verzeichnen Jagdvereine im Zuge eines Natur- und Selbstmach-Revivals ein wachsendes Interesse, besonders auch bei Frauen.

Das Museum sieht sich weder im einen noch im anderen Lager. «Wir standen für Recherche und Leihgaben zwar regelmässig im Austausch mit dem Jägerverein», sagt Stirnimann. «Aber wir beziehen keine Stellung, sondern möchten zeigen, dass die Jagd schon immer ambivalent war.»

Im ersten Teil der Ausstellung werden verschiedene Bereiche der Jagd thematisiert – von Handwerk und Ritualen über Gesetz und Wilderei bis zum Kochen von Wildgerichten. Sachliche Informationen, präsentiert in einer ­etwas romantischen Jagdkulisse. Mit glasigen Augen empfangen ausgestopfte Murmeli, Gämsen oder auch der Bär aus dem ört­lichen Kollegium die Gäste, die sich am Eingang unter Vogelgezwitscher aus Boxen einen Jägerhut aufsetzen können. Für die Kinder gibt es Jäger-Playmobil und einen Schiessstand mit einem Laserspielgewehr.

«Bis ins innerste Herz erschüttert»

Im zweiten Teil der Ausstellung werden historische ­Gemälde und Fotografien von Wäldern oder Jagdgesellen zeitgenössischen Darstellungen gegenübergestellt. Die kritische Skulptur «Swiss Reh» von Nic Hess – ein Bambi mit Schweizer Sackmessern im Rücken – hat im Vorfeld negative Reaktionen von Nidwaldner Jägern provoziert. «Als ich dieses Objekt gesehen habe, hat es mich bis ins innerste Herz erschüttert», sagte etwa der pensionierte Wildhüter Hans Hug gegenüber dieser Zeitung. Er habe immerhin schon über 350 Rehkitze «eigenhändig vor dem Mähtod gerettet».

Wie seinerzeit in Ernst Renggers Erzählung über Adolf Scheuber schwingen Emotionen und Pathos mit, wenn Jäger ihren ­Berufsstand angegriffen sehen. Beim Doppelmord auf der Gruobialp klang dies so: «Unter den beiden aber floss pflichtgetreues Blut und es schien, als erblühten an diesem späten Herbsttage die Alpenrosen wieder; ihre Kleider glichen den Latschen, ihr Blut den Rosen.»

Hinweis

Die Ausstellung im Salzmagazin des Nidwaldner Museums dauert bis am 27. Oktober 2019. Am 10. April lesen Studierende des Masters Kulturpublizistik aus Zürich im Literaturhaus Stans Mensch-Tier-Geschichten aus Nidwalden (ab 18.30 Uhr). Rundgang mit dem Filmemacher Fredi M. Murer: ­ 22. Mai, 18.30 Uhr. Familiensonntag: 16. Juni, 13 Uhr.

www.nidwaldnermuseum.ch

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