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Regisseur Milo Rau: «Man darf mich feuern»

Der Schweizer Regisseur Milo Rau über seinen Zürcher Orest, den er im Nordirak geprobt hat und seine neuen Intendantenrolle in Gent.
Julia Stephan
Theatermacher Milo Rau: Mit historischen Stoffen die Gegenwart zu lesen, gehört zu seiner Spezialität. (Bild: Imago Images)

Theatermacher Milo Rau: Mit historischen Stoffen die Gegenwart zu lesen, gehört zu seiner Spezialität. (Bild: Imago Images)

Milo Rau, für Ihren in Zürich gezeigten «Orest in Mossul» haben Sie die griechische Tragödien-Trilogie Orestie, in der sich eine rachsüchtige Familie gegenseitig auslöscht, in den Nordirak verlegt. Warum?

Milo Rau: Ich habe nach einem Zusammenhang gesucht, in dem dieser antike Stoff wieder begreifbar wird. Mich interessiert vor allem der dritte Teil der Orestie, in welcher der Rachefeldzug durch einen von der Göttin Athena eingeleiteten Prozess in einer Art Tribunal beendet wird. Mossul war bis 2017 die Hauptstadt des Islamischen Staates, vorher war Al-Quaida in der Stadt, und heute wird Mossul von schiitischen Milizen kontrolliert. Inszenierungen des Stücks haben mich bislang nie überzeugt, weil in den stabilen Staaten, in denen wir leben, eine unabhängige Justiz und der Frieden, den Athena in die Gesellschaft bringt, schon Realität ist.

Wie sind Sie auf Mossul gestossen?

Als wir 2016 für unser Stück «Empire» im zerstörten Nordirak recherchierten, kam es mir so vor, als befände ich mich in einem Fernsehbild und gleichzeitig in der Antike der Antike. Der Mittlere Osten ist ja genau die Region, über welche die Griechen reden, wenn sie über ihre Antike sprechen. Da wurde mir instinktiv etwas klar über diese Texte: Warum es diese extreme Gewalttätigkeit gibt und diese Sehnsucht, die Tragödie in einem Akt des gesellschaftlichen Verzeihens abzuschaffen, vor allem in der älteren Schriftstellergeneration, zu der auch Aischylos gehört. Nach der Befreiung von Mossul fuhren wir dann regelmässig hin, lernten Schauspieler, Musiker, Fotografen kennen.

Welche Herausforderungen stellten sich da vor Ort?

Zum einen ist der Krieg nicht vorbei, täglich gibt es Bombenanschläge. Und wir haben lange nach Schauspielerinnen gesucht. Offiziell ist es ihnen in Mossul zwar nicht verboten, auf der Bühne zu stehen. Aber es ist komplett ungewöhnlich und wird nicht gerne gesehen. Auch eine Szene mit angedeuteter Homosexualität war problematisch.

Ihre Recherchen führen sie an Orte ohne Kulturinfrastruktur. Was für einen Vorteil hat das?

Ich halte die Internationalisierung des Theaterbetriebs für eine Scheininternationalisierung: ein elitärer Kulturaustausch, immer die gleichen Namen und Städte. Deshalb versuche ich Menschen zusammenzuführen, die sich sonst nie begegnen würden. Der Erkenntnisgewinn ist für alle viel grösser, als wenn man nur mit den Leuten Theater macht, mit denen man dieselbe Schauspielschule besucht hat.

Für das Theater im belgischen Gent, dem sie vorstehen, haben sie nach dem Vorbild der Dogma-Filmer ein Manifest geschrieben. Woher kommt die Überzeugung, dass sich ein dogmatisches Stadttheater durch Dogmen befreien lässt?

Es sind strukturelle Regeln, etwa, dass in einer Inszenierung mindestens zwei Sprachen gesprochen werden müssen oder wortgetreue Adaptionen von Texten verboten sind. Das Genter Manifest war der Versuch, greifbar zu machen, worüber wir seit zwanzig Jahren sprechen: ein wahrhaft inklusives Stadttheater. Ich wollte die Kanonlogik am Stadttheater endlich durchbrechen. Gerade läuft es gut, aber man darf mich auch feuern, wenn es mal nicht mehr funktioniert. Ich muss nicht irgendwo Intendant sein, das war nie mein Traum.

Die Recherchereisen und Tourneen, die in Ihre Vorstellung von Theater hineingehören, hinterlassen einen ökologischen Fussabdruck. Wie gehen Sie damit um?

Ein Punkt des Manifests sieht Bühnenbilder vor, die in einen normalen Transporter passen. Zudem haben wir am NTGent auf Elektroautos umgestellt. Grundsätzlich geht es um einen achtsamen Umgang mit Ressourcen, also dass teuer produzierte Stücke dann eben auch ein paar Jahre zu sehen sind. Wie kann Globalisierung nachhaltig werden? Das ist die Frage unserer Zeit.

Sie beklagen, dass die freie Gestaltung der Zukunft durch die Regeln des Kapitalismus verunmöglicht wird. Ist die Klimajugend mit ihren «Fridays for Future»-Demonstrationen ein Zeichen dafür, dass sich das nun ändert?

Ja, auf jeden Fall. Meines Wissens hat es in den westlichen Ländern selten eine Bewegung gegeben, die in so kurzer Zeit eine Dimension erreicht hat wie die «Fridays for Future». Dass jetzt eine ganze Generation die Politik unter Druck setzt, wie das 1968 der Fall war, finde ich grossartig. Auch ich habe mich als Kind oft gefragt, warum die Erwachsenen, obwohl sie Unrecht emotional wie intellektuell erkennen, ihr Verhalten nicht ändern.

Manche Menschen sehen in Greta eine Märtyrerfigur. Würden Sie dem zustimmen?

Ich habe zwei kleine Töchter, die regelmässig an diese Demos gehen. Was mich an Greta beeindruckt, ist, dass sie immer genau das Gleiche sagt. Sie hat zwar Humor, sie ist verzweifelt, aber es gibt da keinen Sarkasmus, keine lauen Zugeständnisse. Die zieht ihr Projekt einfach durch, bis sie am Ziel ist.

Am letzten Wochenende haben Sie in der Kulturhauptstadt 2019, der süditalienischen Stadt Matera, mit einem politischen Aktivisten als schwarzem Jesus und Jüngern aus italienischen Flüchtlingslagern den Einzug nach Jerusalem performt. Mit welchem Ziel?

Matera steht als Drehort der berühmten Jesusfilme von Pasolini und Mel Gibson ikonografisch für Jerusalem. Ursprünglich wollte ich dort einen Jesus-Film mit dem Cast dieser Filme drehen. Doch dann entdeckte ich vor Ort die Flüchtlingslager und die Tomatenplantagen, auf denen Flüchtlinge wie Sklaven ausgebeutet werden. Also habe ich angefangen, die Jesusgeschichte und die Konstellation vor Ort zusammenzudenken. Es handelt sich um einen Filmdreh, und zugleich um eine politische Bewegung namens «Revolte der Würde».

Was sagt die katholische Kirche?

Der Papst kann sich mit keiner Bewegung öffentlich solidarisieren, wir stehen mit dem Vatikan aber in Kontakt. Papst Franziskus versteht Jesus als Anführer einer Revolte der Entrechteten und Ausgeschlossenen und vertritt das in seiner Symbolpolitik, wenn er nach Lampedusa reist oder wie gerade eben eine Migrationskonferenz abhält. Die italienische Regierung sollte sich ihn zum Vorbild nehmen.

Mit Ihrem pausenlosen Schaffen wirken sie manchmal selbst wie in Opfer der entfesselten Marktwirtschaft. Können Sie sich einen Milo Rau vorstellen, der nichts tut?

Es gibt ein schönes Zitat von Marx aus seiner romantischen Frühphase: Erst die Arbeit mache den Menschen zum Menschen. Zu wissen, was man tut und warum, macht das Leben erst lebenswert. Im Theater hat man dazu die besten Voraussetzungen.

Haben Sie die Welt verändert?

Wenn du im Kongo drehst, musst du vor Ort Kameraleute ausbilden, mit örtlichen Produktionsgesellschaften zusammenzuarbeiten, die nachher selber weitermachen. Man schafft Infrastruktur. Vor wenigen Tagen habe ich vor der Unesco eine Rede gehalten. Die Organisation war aufgrund der Orest-Inszenierung auf mich aufmerksam geworden. Sie investiert 150 Millionen Euro in den Wiederaufbau Mossuls. Man will nun dort ein Theater bauen, die örtliche Kunsthochschule unterstützen, ein Projekt, für das wir beratend zur Seite stehen. Das sind wunderbare Momente.

«Orest in Mosul». Schauspielhaus Zürich, Pfauen. 5./6.10. sowie 20.11./21./22.11. www.schauspielhaus.ch

Zur Person

Der Schweizer Milo Rau (42) gilt als einer der einflussreichsten Regisseure der Gegenwart. Der Gründer des International Institute of Political Murder (IIPM) und Intendant des NT Gent macht mit seinen dokumentarischen Theaterstücken, die gesellschaftspolitische Konflikte aufdecken, weltweit von sich reden. (jst)

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