Wie kommt ein Autor zu seinem Stoff? Ein Buch sucht nach Antworten

In der vom Aargauer Autor Michel Mettler in Co-Herausgeberschaft veröffentlichte Anthologie «Dunkelkammern. Geschichten vom Entstehen und Verschwinden» denken siebzehn Autorinnen und Autoren über die Entstehung von Geschichten nach. Als Leser begibt man sich in ein aufregendes Spiegelkabinett.

Julia Stephan
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Die 17 Beiträge aus dem Buch sind kleine Spiegelkabinette, in denen sich die literarischen Stoffe brechen und vervielfältigen.

Die 17 Beiträge aus dem Buch sind kleine Spiegelkabinette, in denen sich die literarischen Stoffe brechen und vervielfältigen.

Bild: Imago

Wer in einer Dunkelkammer mit lichtempfindlichen Emulsionen eine Fotografie sichtbar macht, verwendet Licht kontrolliert und mit Bedacht. Im Band «Dunkelkammern. Geschichten vom Entstehen und Verschwinden» werfen 17 Autorinnen und Autoren ebenso kontrolliert wie sparsam Licht in das intime Gebiet ihrer Stoffentwicklung. Sie tun das aber nicht mit Essays, in denen sie ihre Poetologien kopflastig der Leserschaft mit Fachbegriffen auseinandersetzen. «Das interessiert doch in der Regel ausserhalb universitärer Seminare niemanden ernstlich», sagt der Aargauer Schriftsteller Michel Mettler, der die Anthologie mit Reto Sorg bei Suhrkamp herausgegeben hat.

Die Literatinnen und Literaten stillen die Neugier ihrer Leser stattdessen mit dem, was sie umtreibt: mit Geschichten, hinter denen Privates mehr oder weniger stark maskiert wird. Da gibt es die vermeintlich Offenen wie der Aargauer Christian Haller, der die Kometeneinschläge detailliert beschreibt, die sein Leben einst erschütterten. Und wie die geologischen Exkursionen an diese Katastrophenorte ihm eine jahrzehntelange literarische Auseinandersetzung abverlangte. Mit einem Roman war längst nicht alles gesagt. Die Exkursion erforderte Umwege.

Intime Einblicke, distanziertes Erzählen

Bei Monique Schwitter laufen wir einer Schülerin auf dem Schulweg hinterher und erleben, wie die junge Frau sich von den Düften männlicher Pendler verführen lässt zum Schreiben eines Romans. Ein Schelm, wer da an Schwitters stark autobiografisch gefärbten Roman «Eins im andern» (2015) denkt, in dem die Protagonistin zwölf Liebschaften Revue passieren lässt. Vom Berner Autor Michael Fehr hätte man sich solch intime Einblicke auch vor diesem Band nicht vorstellen können. Er, der immer wieder bekräftigt, dass seelische Zustände ihn nicht interessieren, sondern Geschichten, die durch eine kräftige Handlung vorangetrieben werden, wirft eine Mutter und ihre Tochter in ein Spukhaus, um genauso abrupt wieder aufs erzählerische Bremspedal zu drücken.

Diesen Geschichten traut man nicht über den Weg

Ob offenherzig, verrätselt oder überhöht: Diesen Geschichten ist nicht zu trauen. Schon gar nicht denen des Interview-Meisterfälschers Tom Kummer, der von seinen prominenten Begegnungen auf der Berner Kirchenfeldbrücke berichtet, ein Ort der Inspiration, schon immer gewesen. Auch ein fiktiver Friedrich Dürrenmatt geriet hier in seiner Erzählung «Die Brücke» einst unter einen Meteor.

Auch wenn die Anthologie ausschliesslich Schweizer Autoren und solche mit starkem Schweiz-Bezug beherbergt, sei sie «kein Bekenntnis zum nationalgebundenem Artenschutz», erklärt Mettler. Er freue sich dennoch, dass Suhrkamp sich mit diesem Band zur literarischen Schweiz bekenne, die im Verlagsprogramm etwas an Präsenz verloren habe.

Gerade weil die Beiträge in diesem Buch literarische Stoffe als Flickenteppiche begreifbar machen, geben sie ein authentisches Bild von der Entstehung von Literatur. Selten geradlinig, oft zirkulär und assoziativ gewinnen Themen, an die ihre Urheber nie gedacht haben, Oberwasser – etwa bei der Autorin Hanna Johansen. In den 1980er-Jahren geriet ihre Idee, über die rüstungsverrückte Schweiz zu schreiben, zur Obsession. Trotzdem musste sie sich erst an ihren Kriegserinnerungen in ihrer deutschen Heimat abarbeiten, bevor sie sich gerüstet sah für ihre Mission.

Die Verwandlungskünste der Fiktion

Intime Einblicke ins Erzählen gibt es also, aber es bleibt die Dunkelkammer, in der diese Beiträge von ihren Schöpfern imaginiert worden sind. «Der Blick über die Schulter hätte uns von Anfang an eher indiskret angemutet, auch deshalb sollte die Fiktion ihre Verwandlungskünste an der Frage nach dem Stoff zeigen können. Denn über das Entstehen können nur indirekte Aussagen gemacht werden», erklärt Mettler.

Auf die Schliche wird man den siebzehn Autoren also nicht kommen. Zum Glück! Ihre Beiträge sind Spiegelkabinette, in denen sich die literarischen Stoffe brechen, vervielfältigen. Und das hat einen viel grösseren Reiz als ein analytischer Essay, der die finalen, abschliessenden Worte für ein Werk bereithält.

Dunkelkammern. Geschichten vom Entstehen und Verschwinden, Michel Mettler/Reto Sorg, Suhrkamp, 237 Seiten.