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RELIGION: Sie lebt als christliche Palästinenserin in Bethlehem

Bethlehem gilt als Geburtsort Jesu. Doch nur wenige wissen, unter welchen Bedingungen heute die Menschen dort leben. Die christliche Palästinenserin Faten Mukarker schildert die Situation.
Benno Bühlmann
Die christliche Palästinenserin Faten Mukarker mit Krippenfiguren aus Olivenholz, die von Handwerkerfamilien aus Bethlehem mit viel Liebe hergestellt worden sind.

Die christliche Palästinenserin Faten Mukarker mit Krippenfiguren aus Olivenholz, die von Handwerkerfamilien aus Bethlehem mit viel Liebe hergestellt worden sind.

Interview: Benno Bühlmann

redaktion@luzernerzeitung.ch

Faten Mukarker lebt seit mehr als 40 Jahren mit ihrer Familie in Bethlehem. Deshalb kennt sie die derzeit sehr schwierige Situation vor Ort aus eigener Erfahrung. Vor wenigen Tagen war sie in Luzern zu Gast und erzählte in verschiedenen Pfarreien und an Schulen aus ihrem oft spannungsreichen Alltag in einem Land, in dem Frieden und Versöhnung leider in weite Ferne gerückt sind.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: Es gebe auf beiden Seiten der Mauer immer noch Menschen, die an einen gerechten Frieden glauben, ist die engagierte Friedensaktivistin und Buchautorin überzeugt.

Faten Mukarker, sind Sie stolz darauf, in Bethlehem zu leben – einer Stadt, die für Christen laut biblischer Überlieferung als Geburtsort Jesu von herausragender Bedeutung ist?

Natürlich ist das für mich etwas Besonderes, heute in dieser Stadt leben zu dürfen und auch in Bethlehem geboren zu sein. Zwar sagt mir mein Sohn, der heute in Amerika lebt, dass ich dorthin auswandern soll, weil es für die Menschen in Palästina keine Zukunft geben könne. Darauf entgegne ich ihm: Nein, es muss einen Sinn haben, dass ich hier geboren, danach in Deutschland aufgewachsen und wieder nach Bethlehem zurückgekehrt bin. Es scheint mir wichtig, dass die wenigen noch in Bethlehem lebenden Christen weiterhin an diesem Ort bleiben und mit ihrer Präsenz die heiligen Stätten beleben. Wenn sie das nicht tun, wird das heilige Land bald zu einem reinen «Disneyland» für Touristen. So weit darf es aber nicht kommen.

Ein wichtiger Anziehungspunkt für Pilger ist bekanntlich die berühmte Geburts­kirche in Bethlehem, wo in der Geburtsgrotte mit einem silbernen Stern die mutmassliche Geburtsstelle markiert ist. Besuchen Sie selbst regelmässig diesen Ort?

Da ich in Bethlehem auch als Reise­leiterin tätig bin, besuche ich fast jeden Tag die Geburts­kirche. Und ich berühre jedes Mal den Stern in der Geburtsgrotte, denn es geht eine besondere Kraft von ihm aus, und man kann alle seine Sorgen dort lassen.

Es gibt offenbar auch eine beachtliche Zahl von mus­limischen Gläubigen, welche diesen Wallfahrtsort be­suchen.

Die Geburtskirche in Bethlehem ist wohl die einzige Kirche der Welt, wo Muslime hingehen, um zu beten. Denn für Muslime ist Jesus zwar nicht Sohn Gottes, aber doch ein grosser Prophet und Gesandter Gottes, den sie ebenso verehren wie andere Propheten aus der jüdisch-christ­lichen Überlieferung. Nicht umsonst befindet sich gegenüber der Geburtskirche eine Moschee mit zwei Dattelpalmen, die nicht bloss zur Zierde dastehen. Diese Dattelpalmen gehen zurück auf die muslimische Variante der Geburtserzählung Jesu, die wir in der Sure «Maryam» im Koran finden. Die Muslime glauben, dass Jesus in einer Oase im Schatten einer Palme geboren wurde, was in der arabischen Kultur als der würdigste Ort für dieses besondere Ereignis gilt. In der muslimischen Überlie­ferung wird erzählt, dass sich nach der Geburt die Palme gebeugt habe und Maria Datteln nehmen konnte, um sich zu stärken. Diese schöne Geschichte ist denn auch wertvoll für das respektvolle Zusammenleben von Christen und Muslimen in Bethlehem.

Und wie funktioniert das Zu­sammenleben von Christen und Muslimen im Alltag?

Das Leben von Muslimen und Christen ist geprägt von gegenseitiger Achtung. An grossen Festtagen besuchen wir uns gegenseitig in der Nachbarschaft und überbringen unsere Glückwünsche – das gilt für Weihnachten oder Ostern ebenso wie für das Opferfest oder Ramadan. Wir Christen nehmen beispielsweise auch Rücksicht im Fastenmonat Ramadan, indem wir während dieser Zeit aus Respekt nicht auf öffentlichen Plätzen essen oder trinken.

Man hört auch, dass die Christen in Bethlehem heute einen zunehmend schwierigeren Stand haben – auch zahlenmässig. Wie sieht es damit aus?

Die Zahl der Christen hat in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen. Waren 1948 rund 99 Prozent der Menschen in Bethlehem Christen, so sind es heute nur noch etwa 30 Prozent, weil viele Christen aufgrund der schlechten Zukunftsperspektiven weggezogen sind. Durch die neun Meter hohe Mauer, die Israel 2002 gebaut hat, sind die Probleme leider noch zusätzlich verschärft worden. Weil viele christliche Familien noch Verwandte beispielsweise in Europa oder Amerika haben, ist für sie das Auswandern eher eine Option als für muslimische Familien.

Wo sehen Sie in der heutigen Zeit die Aktualität der Weihnachtsbotschaft?

Wir müssen den Menschen heute wieder neu ins Bewusstsein rufen, dass es sich bei Maria, Josef und Jesus gewissermassen um die erste prominente «Flüchtlingsfamilie» handelt, die aufgezeichnet wurde. Hätten die Ägypter sie nicht reingelassen, gäbe es heute gar kein Christentum. Denn dann wäre Jesus auch von den Soldaten von Herodes getötet worden, weil Herodes gemäss Bibel den Kindermord an allen Erstgeborenen in Bethlehem angeordnet hatte. Deswegen sollten wir uns als Christen daran erinnern, dass schon damals die Heilige Familie auf ihrer Flucht darauf angewiesen war, dass ihr die Türen der Gastfreundschaft geöffnet wurden, als sie um ihr Leben bangte. Daraus könnten wir auch etwas für unsere heutige Situation lernen.

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