RELIGIONEN: «Weg zu Gott ist verschieden»

Er ist Muslim und wacht neuerdings über den religiösen Frieden in der Schweiz: Hisham Maizar über die Scharia, Jesus und kulturelle Missverständnisse.

Interview Robert Knobel
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Hisham Maizar ergreift das Wort für Muslime in der Schweiz. Seit 2014 ist er Präsident des Rats der Religionen. (Bild Benjamin Manser)

Hisham Maizar ergreift das Wort für Muslime in der Schweiz. Seit 2014 ist er Präsident des Rats der Religionen. (Bild Benjamin Manser)

Hisham Maizar, Sie sind als Muslim neuer Präsident des Schweizerischen Rats der Religionen, der sich für Toleranz unter den Religionen einsetzt. Gibt es eine spezifisch muslimische Toleranz?

Hisham Maizar*: Toleranz hat im Islam einen sehr hohen Stellenwert. Diese basiert auf dem Koran und der Sunna und bezieht sich auf alle, insbesondere auf die «Träger der Heiligen Bücher», also auf Christen und Juden.

Und was ist mit anderen Religionen?

Maizar: Das gilt auch für sie. Natürlich steht der Islam dem Christentum und dem Judentum näher als anderen Religionen. Aber es gibt im Koran genügend Stellen, wo der Mensch als Mensch an sich angesprochen ist. Es geht also darum, die Menschen unabhängig von Religion und Weltanschauung zu respektieren.

Dennoch haben in der Schweiz viele Menschen Angst vor dem Islam. Weshalb?

Maizar: Ich sehe drei Gründe und muss zunächst auch Selbstkritik üben. Die Muslime treten zu wenig als Träger der erwähnten Toleranz auf, die doch durch und durch muslimisch wäre. Dann gibt es aber auch ganz bewusste Kampagnen gegen Muslime mit dem Ziel, Angst zu schüren, ohne entsprechende Beweise zu haben. Drittens hat die Angst auch mit mangelhaften Kenntnissen über den Islam zu tun. Doch es ist falsch, Angst zu haben und nichts dagegen zu tun.

Die Angst hat auch einen Namen – «Scharia». Diese schwebt wie ein Gespenst über dem öffentlichen Diskurs.

Maizar: Zuallererst lassen Sie mich festhalten, dass wir hier in der Schweiz leben. Da herrscht ein einziges, für alle geltendes Rechtssystem. Die Diskussion ist für uns Muslime damit erledigt. Wörtlich übersetzt bedeutet die Scharia grundsätzlich «der Pfad in der Wüste, der zur Wasserquelle führt». Für uns Muslime stellt sie eine Wegweisung und Grundlage zur Rechtsfindung. Der Begriff Scharia umfasst viele Aspekte fürs Leben und für Regelungen. Und hier kommt es oft zu Missverständnissen. Manche meinen, sie sei ein Gesetzbuch, andere halten sie für ein Herrschungssystem. Deshalb ist sie für manche etwas völlig Normales für eine Religion, für andere hingegen ist sie ein Gespenst.

Bei «Scharia» denken aber viele an drakonische Strafen ...

Maizar: Diese Strafen waren die Antwort, die man vor Jahrhunderten im Rahmen des Rechtsfindungsprozesses gefunden hat. Das bedeutet überhaupt nicht, dass man diese heute noch anwenden soll. Heute wird man im Rahmen der Scharia ganz andere Antworten finden, die der heutigen Lebenswirklichkeit entsprechen.

Warum protestieren die Muslime kaum, wenn Halbwahrheiten über ihre Religion verbreitet werden?

Maizar: Dafür bräuchte es Zuhörer – solche mit Willen und offenen Herzen. Doch wir tun, was wir können, um das wahre Bild des Islams zu vermitteln.

Wen meinen Sie mit «wir»?

Maizar: Die Mehrheit der Muslime in der Schweiz. Sie ist pragmatisch und tolerant. Natürlich gibt es auch radikale Strömungen, aber die gab und gibt es überall und in allen Religionen.

Schweizer Muslime leben in einem christlichen Umfeld. Was wissen sie vom Christentum?

Maizar: Die meisten Muslime sind schon in ihrem Heimatland mit Christen in Kontakt gekommen, also ist das nicht etwas völlig Unbekanntes. Wichtig ist auch: Die Christen sind für Muslime nicht Ungläubige, sondern Andersgläubige. Es gibt Gemeinsamkeiten sowohl bei den Wurzeln als auch bei den Zielen. Aber der Weg zu Gott ist verschieden.

Die Figur Jesu hat für Muslime eine besondere Stellung ...

Maizar: Der islamische Glaube wäre niemals vollständig ohne den Glauben an alle Propheten Gottes ohne Unterschied. Es gibt deshalb im Koran Stellen über das Leben Jesu. Dort wird die grosse Reinheit der Familie Jesu betont, und auch die unbefleckte Empfängnis ist ein Thema. Deshalb kommt Jesus im Islam eine herausragende Stellung zu – wie übrigens auch Adam: Beide wurden ohne biologischen Vater gezeugt. Das zeigt, dass für Gott nichts unmöglich ist.

Der Rat der Religionen soll auch über den religiösen Frieden in der Schweiz wachen. Wie ist es zurzeit um diesen Frieden bestellt?

Maizar: Friede ist ein wertvolles Gut, das aber stets von neuem erkämpft werden muss. Deshalb sehen wir es auch als unsere Aufgabe an, problematischen Entwicklungen frühzeitig entgegenzutreten, bevor sie die Gesellschaft destabilisieren können.

Von der Öffentlichkeit wird der Rat der Religionen aber kaum wahr­genommen. Wollen Sie das ändern?

Maizar: Ja. Im achten Jahr seiner Existenz darf man mit gutem Recht die Frage stellen, was dieser Rat denn genau macht. Ist es lediglich ein exklusiver Club von Religionsvertretern, oder hat er das Ziel, Dinge zu verändern? Ich wünsche mir, dass die Basis der einzelnen Religionsgemeinschaften stärker eingebunden wird. Auch möchte ich häufigere Treffen der Mitglieder.

Soll sich der Rat politisch äussern?

Maizar: Das ist durchaus möglich. Es gibt religionspolitische Fragen, wo man sich zu einer gemeinsamen Haltung finden könnte. Zum Beispiel Menschenwürde, Sterbehilfe oder Abtreibung.

Hinweis

* Hisham Maizar wurde 1941 in Jerusalem geboren. Er war jahrzehntelang als Facharzt in der Ostschweiz tätig. Heute ist er Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (Fids). Seit 2014 ist er zudem Präsident des Schweizerischen Rats der Religionen. Dieser wurde 2006 gegründet und besteht aus Vertretern aller christlichen Kirchen sowie des Islams und des Judentums. www.councilofreligions.ch