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REPORTAGE: Harper Lee: Vom Skandalbuch profitiert eine ganze Stadt

Heute erscheint ein weiteres Buch der Autorin von «Wer die Nachtigall stört». Der Heimatort der Schriftstellerin Harper Lee ist dank ihrer Bücher ein Touristenmagnet.
Literarische Spurensuche: Touristen besuchen in Monroeville (Alabama) Schauplätze des Romans «Wer die Nachtigall stört» von Harper Lee. (Bild: AP/Andrea Mabry)

Literarische Spurensuche: Touristen besuchen in Monroeville (Alabama) Schauplätze des Romans «Wer die Nachtigall stört» von Harper Lee. (Bild: AP/Andrea Mabry)

Das Elternhaus von Harper Lee ist längst verschwunden; es musste einer hässlichen Fast-Food-Bude («Mel’s Dairy Dream») weichen. Auch die Nachbarimmobilie weckt keine Erinnerungen mehr an den Alltag in Maycomb, dem fiktiven Städtchen, über das Lee in ihrem Klassiker «Wer die Nachtigall stört» derart anschaulich schrieb. Auf dem brach liegenden Grundstück erinnert bloss ein Schild an Truman Capote, den Literaten, der an der South Alabama Avenue eini­ge prägende Kindheitsjahre als Nachbar (und Freund) der Pulitzerpreisträgerin verbrachte. Im Kultbuch trägt der spätere Star der New Yorker Kunstszene den Namen Dill Harris. «Ich bin klein, aber ich bin alt», lässt Harper Lee den Siebenjährigen sagen.

Lebendes Museum

Trotz dieses recht rücksichtslosen Umgangs mit der Geschichte: Monroeville wie Maycomb mit richtigem Namen heisst – ist ein lebendes Museum. Im Zentrum des Provinzstädtchens in Alabama, vier Autostunden südwestlich von Atlanta gelegen, begegnet man Harper Lee auf Schritt und Tritt: Das alte Gerichtsgebäude, dessen Saal Erinnerungen an die dramatischen Szenen des preisgekrönten Filmes «Wer die Nachtigall stört» aus dem Jahr 1962 weckt, das Restaurant die Strasse runter («Radley’s Fountain Grill», eine Anspielung auf den mysteriösen Boo Radley) oder das Antiquitätengeschäft – alle wollen sie vom Ruhm der Autorin profitieren, deren Buch in den vergangenen 55 Jahren mehr als 40 Millionen Mal verkauft wurde.

Die Verkäuferin im Buchladen des alten Gerichtsgebäudes das seit den Sechzigerjahren als Museum dient – lacht bloss, als sie auf den Rummel um die berühmteste Einwohnerin von Monroeville angesprochen wird. Dann weist sie, mit einer ausladenden Geste, auf die Souvenirauslagen im Geschäft, die sich allesamt um die 1960 publizierte Novelle drehen. Dabei herrscht in der 6000 Einwohner zählenden Ortschaft ein ungeschriebenes Gesetz: Über ­Nelle Harper Lee – so heisst die Autorin mit vollem Namen – spricht man nur, wenn man sie nicht näher kennt. Freunde und Verwandte der gesundheitlich angeschlagenen 89-Jährigen hingegen schweigen beharrlich, wenn sie auf die zurückgezogen lebende Autorin angesprochen werden. Interviews gibt Lee, die in einer kleinen Seniorenresidenz mit dem idyllischen Namen «The Meadows of Monroeville» wohnt, seit den Sechzigerjahren keine mehr. Und ihre wichtigste Bezugsperson – nach dem Tod ihrer Schwester Alice im Herbst 2014 –, die Vermögensverwalterin Tonja Carter, die sich nebenbei auch als Gastronomin betätigt, ist unter Einheimischen höchst umstritten, auch weil sich das hartnäckige Gerücht hält, sie manipuliere «Miss Nelle».

Interessant an dieser Entwicklung ist, dass Monroeville einige Jahre benötigte, um mit der berühmten Tochter Frieden zu schliessen. Das Bild, das Harper Lee in «Wer die Nachtigall stört» von ihrer Heimat in der Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre zeichnete, war nämlich alles andere als vorteilhaft. «Maycomb war eine alte Stadt, und in meiner Kindheit war es eine müde alte Stadt», sagt Lee in den Worten ihres Alter Ego, Scout Finch. «Niemand beeilte sich, denn man konnte nirgends hingehen, es gab nichts zu kaufen, zumal man kein Geld hatte.»

Schonungslose Schilderung

Als die junge Anwältin Ende der Fünfzigerjahre diese Zeilen schrieb, wohnte sie bereits in New York, weit weg von ihrer Heimat, in der die Bürgerrechtsbewegung kurz davor stand, eine Revolution zu starten. Alabama galt als einer der rassistischen Bundesstaaten der USA. Umso erstaunlicher war es für viele Südstaatler, dass eine Tochter eines angesehenen Anwaltes der im Buch als Atticus Finch eine zentrale Rolle spielt – so schonungslos mit den kleingeistigen Einheimischen und ihrem Rassismus umsprang.

Heute ist das alles verziehen und vergessen. Harper Lee wohnt seit 2007 wieder das ganze Jahr über in Monroeville und wird in ihrer Heimat verehrt, auch weil das Provinzstädtchen nur dank ihr zu einer Touristendestination geworden ist. So haben sich irgendwie alle Protagonisten versöhnt. Und Monroeville das Städtchen nennt sich, ganz ohne Ironie, die «Literaturkapitale Alabamas».

Renzo Ruf, Monroeville (Alabama)

MEHR ZUM THEMA

Eine Besprechung des Romans brachten wir auf der gestrigen Bücherseite.

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