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RETRO: «Das hatte einfach Klasse»

Die Luzernerin Eliane Pfister Lipp ist Doktorin der Philosophie, beschäftigt sich mit ethischen Fragen im Gesundheitswesen und fährt voll auf die Fünfzigerjahre ab, neu mit eigener Zeitschrift. Was fasziniert eine 32-Jährige an den alten Zeiten?
«Das bin ich, und ich fühle mich wohl so»: Vintage-Liebhaberin Eliane Pfister Lipp im Luzerner Restaurant California. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

«Das bin ich, und ich fühle mich wohl so»: Vintage-Liebhaberin Eliane Pfister Lipp im Luzerner Restaurant California. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Interview Hans Graber

War früher alles schöner und besser?

Eliane Pfister Lipp: Nein, natürlich nicht. (lacht)

Und trotzdem huldigen Sie den 1920- bis 1970er-Jahren, jener Zeitspanne, deren Mode und Design heute als «Vintage» (gesprochen: «wintitsch») oder «retro» bezeichnet wird und aktuell hoch im Kurs ist.

Pfister Lipp: Das ist schon so. Mir gefällt dieser Stil, insbesondere jener der Fünfzigerjahre. Aber das bedeutet nicht, dass ich alles aus jenen Jahrzehnten gut finde. Mich faszinieren der künstlerisch-ästhetische Ausdruck, das Design und das Stilbewusstsein jener Zeit. Aber gesellschaftlich sehe ich das anders, das damalige Rollenverständnis der Frau zum Beispiel wünsche ich mir sicher nicht zurück.

Einen Doppelnamen wie Pfister Lipp hat es damals nicht gegeben.

Pfister Lipp: Eben ...

Andererseits spielen Sie optisch mit Reizen aus jenen Zeiten. Reize, die man manchmal auch als aufreizend und verzeihen Sie den Ausdruck – etwas tussihaft empfinden kann

Pfister Lipp: Das kann man so empfinden. Ich bewundere Marilyn Monroe, die ihre Weiblichkeit mit Sinnlichkeit und Stil zelebrierte. Aber es ist klar, dass man es auch übertreiben kann. Das kann ein schmaler Grat sein, aber den gibt es in allen Epochen. Die Fünfzigerjahre werden in diesem Zusammenhang oft erwähnt, weil da die Pin-up-Kultur mit Frauen in erotischen Posen eine Hochblüte hatte. Allerdings trugen die Pin-ups auch ihren Teil zur Emanzipation der Frau bei. Bettie Page beispielsweise zeigte viel Mut, ihr Frau-Sein auf ihre Art selbstbewusst auszuleben.

Sie haben Jahrgang 1983. Wissen Sie denn überhaupt, wie es war in den 1950er-Jahren?

Pfister Lipp: Wahrscheinlich nicht. Ich habe mir einiges Wissen angeeignet, über Schilderungen von Zeitzeugen, über Bücher, über Filme und die Musik. Aber es geht auch gar nicht darum, genau zu wissen, wie es damals war, ich will nicht die 1950er-Jahre wiederbeleben.

Sondern?

Pfister Lipp: Ich möchte das Schöne und Stilvolle von damals herauspicken und wieder aufleben lassen, als Inspiration für die heutige Zeit.

Damit liegen Sie voll im Trend. Retro ist in vielen Bereichen angesagt.

Pfister Lipp: Man muss noch präzisieren, dass Retro und Vintage nicht unbedingt dasselbe sind. Zwar werden die Begriffe unterschiedlich und oft auch synonym verwendet. Für viele bedeutet Vintage aber mehr, dass das Originale sind aus jener Zeit, Kleider, Möbel, Autos usw., während Retro mehr das bezeichnet, was auf alt gemacht, aber neu ist.

Tragen Sie gerade jetzt Vintage?

Pfister Lipp: Nein, das sind neue Kleider, aber im Stil der vergangenen Mode geschneidert. Man findet das in einschlägigen Läden, vor allem in Zürich. Luzern hat da schon noch einiges Potenzial nach oben. (lacht) Aber ich mag Luzern trotzdem sehr, es ist und bleibt meine Heimatstadt, ich fühle mich als eine von hier, obwohl sie nicht mehr mein Lebensmittelpunkt ist.

Was ist mit Ihrer Frisur?

Pfister Lipp: Die mache ich mir meist selber, mit Lockenstab. Zugegeben, nicht täglich, das wäre mir dann doch zu viel.

Ist Vintage vorwiegend Frauensache?

Pfister Lipp: Vor allem modisch fühlen sich sicher mehr Frauen angesprochen. Man kann sich aber auch als Mann vintagemässig kleiden, zum Beispiel die zeitlose Jeans mit weissem Shirt, im Rockabilly-Stil oder klassisch-elegant mit schönen Anzügen. Vintage ist aber nicht nur Mode, und wenn es um alte Autos oder Rock ’n’ Roll geht, sind wohl eher die Männer in der Mehrzahl.

Kleiden Sie sich immer Vintage oder nur zu besonderen Gelegen­heiten?

Pfister Lipp: Eigentlich immer, das gehört zu mir, das bin ich, und ich fühle mich wohl so. Auch wenn ich viel Wert darauf lege, verbringe ich aber nicht täglich eine Stunde vor dem Spiegel, bis alles perfekt frisiert und geschminkt ist. Diesen Aufwand gibt es nur in spezielleren Fällen.

Welches Auto fahren Sie?

Pfister Lipp: Wir haben uns vor zwei Jahren einen Traum erfüllt und einen hellblauen Ford Mustang, Jahrgang 1965, mit einem schwarzen Vinyldach, erworben. Ein echtes amerikanisches Pony-Car, sportlich-elegant, mit V-8-Motor.

Die Möbel kaufen Sie in Brocken­häusern?

Pfister Lipp: Zum Teil und auch auf Flohmärkten. Ich schleife die Stücke gerne ab und restauriere sie selber. Aber das zieht sich nicht durch die ganze Einrichtung. Wir haben auch Möbel, die neu-alt und neu-neu sind.

Gibt es Gegenstände und Utensilien aus den Fünfzigern, die Ihnen gar nicht gefallen?

Pfister Lipp: Petticoats, diese buschigen Unterröcke, die fast als Sinnbild der Fünfzigerjahre gelten, sind nicht mein Ding.

Ob nun Vintage oder Retro: Warum der heutige Boom? Sehnsucht nach einer heileren Welt?

Pfister Lipp: Ob es in den Fünfzigern und Sechzigern heiler war, weiss ich nicht, aber ich denke nicht. (lacht)

Ich hab einiges miterlebt. Man neigt dazu, die Vergangenheit zu verklären, aber auch wenn die Welt vielleicht nicht heiler war, so war sie doch irgendwie einfacher, überschaubarer und sicher «normaler» als heute.

Pfister Lipp: Es kann schon sein, dass es Vintage-Liebhaber gibt, die sich genau danach sehnen, aber ich gehöre nicht dazu. Für mich hatten diese Jahre einfach eine gewisse Klasse, man hat Wert gelegt auf liebevolle Details, man achtete auf Formschönheit, auf Stimmigkeit, auf Harmonie im Ausdruck. Audrey Hepburn in «Breakfast At Tiffany’s» ist ein gutes Beispiel für diese stimmige Eleganz, selbst wenn sie ein Männerhemd und eine Schlafmaske trägt.

Und das findet sich heute nicht mehr?

Pfister Lipp: Doch, vielleicht schon, aber in unserer Zeit, in der irgendwie alles geht, ist manches auch beliebiger geworden. Gewisse Designmerkmale aus den 1950er- und 1960er-Jahren haben bis heute einen hohen Wiedererkennungswert. Wenn man ein Auto aus jener Zeit sieht, kann man es sofort zuordnen. Für mich ist es einfach schön, und gerade diese Schönheit der Dinge ist auch Ausdruck einer gewissen Lebensfreude. Neugierig, bunt, gesellig. Das höre ich auch aus der Musik jener Jahre heraus, und nicht zufällig bin ich am ehesten über die Musik auf Vintage gestossen.

Wann?

Pfister Lipp: Auf meiner ersten Stereoanlage habe ich eine Beatles-CD abgespielt, die ich daheim gefunden habe. Es war Liebe auf den ersten Ton. Ich bin dann in Bibliotheken gegangen und habe mir Musik besorgt, nicht nur aus den Sechzigern, sondern auch aus den Fünfzigern, Elvis Presley und so. Alten Rhythm & Blues aus den Fünfzigern und Sechzigern höre ich noch heute am liebsten.

Musik als Initialzündung?

Pfister Lipp: Ein eigentliches Aha-Erlebnis gab es nicht, aber die Musik war mein Eingang in diese Welt, ich habe mich dafür zu interessieren begonnen, habe Filme mit Marilyn Monroe und James Dean angeschaut.

Sie waren damals Teenager, gingen in die Kanti Rothen in Reussbühl. Hat man Sie da mit Ihrem Vintage-Fimmel nicht etwas schräg angeschaut?

Pfister Lipp: So wie heute kleide ich mich erst seit ein paar Jahren. Aber ich hatte vielleicht schon immer einen etwas eigenwilligen Stil, zu Kanti-Zeiten trug ich Schlaghosen. (lacht) Aber es gab immer auch die eine oder andere Kollegin, die ähnlich daherkam. Ganz aus dem Rahmen gefallen bin ich also nicht.

Sie haben Philosophie und Neurobiologie studiert, Ihre Spezialgebiete sind unter anderem ethische Fragen in Medizin und Gesundheitswesen oder Werte und Kultur in Institutionen. Weshalb diese Studienrichtung?

Pfister Lipp: Ich hinterfrage gerne das Leben mit all seinen Gegebenheiten, da hat sich Philosophie aufgedrängt, zudem auch Neurobiologie, weil mich die komplexe Welt des menschlichen Gehirns interessiert. Aus diesen Gebieten gibt es dann Schnittmengen wie eben die Ethik im Gesundheitswesen.

Können Sie kurz konkretisieren, womit Sie sich da beschäftigen?

Pfister Lipp: Einerseits mit ethischen Fragestellungen, die sich in unserem Gesundheitssystem ergeben, etwa über die finanziellen Anreize für alle Beteiligten in diesem System Patienten, Ärzte Pflegepersonal, Pharmaindustrie – und deren Auswirkungen auf Medizin, Gesellschaft und das ganze Gesundheitswesen. Andererseits beschäftige ich mich auch mit Themen wie Sterbehilfe und Patientenverfügungen, verbunden mit der Frage, wie man Autonomie und Selbstbestimmung wahren kann, wenn man mal nicht mehr urteilsfähig ist. Wir versuchen, eine Wertekultur festzulegen.

Darüber reden wir gerne ein anderes Mal. Bleiben wir aber noch kurz bei der Philosophie. Welche Philosophen stehen Ihnen am nächsten?

Pfister Lipp: Ich stehe der Aufklärung nahe, Philosophen wie etwa David Hume, ich lese aber auch Werke der Existenzialisten wie Albert Camus oder Jean-Paul Sartre gerne und auch von Martin Heid­egger, dessen philosophisches Werk ich spannend finde.

Eine Philosophin muss man das fragen: Was ist der Sinn des Lebens?

Pfister Lipp: Ich glaube, dass es keinen objektiven Sinn gibt, den man anstreben muss. Es ist positiv und wertvoll, wenn man seinem eigenen Leben einen Sinn geben kann und damit hoffentlich auch sein Glück findet. Aber dieser Sinn kann höchst individuell sein. Was für den einen ein Lebenssinn ist, kann ein anderer als Unsinn empfinden.

Sie haben nun neben Ihrer Tätigkeit als Philosophin die Zeitschrift «Vintage Times» aufgebaut, welche diese Woche erstmals erschienen ist. In der heutigen Zeit ein Magazin zu lancieren, erfordert Mut. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Pfister Lipp: Hauptmotivation ist meine Leidenschaft für die Vintage-Themen, ich möchte diese Begeisterung mit anderen teilen und auch eine Plattform schaffen. Zum anderen arbeite ich gerne publizistisch und redaktionell, und ich hatte schon länger den Wunsch verspürt, etwas ganz Eigenes aufzubauen und zu machen.

Das Heft ist noch ganz jung, welche Chancen geben Sie ihm?

Pfister Lipp: In der Schweiz gibt es nichts Vergleichbares, insofern bin ich zuversichtlich, dass unser Magazin Potenzial hat. Die Resonanz bei den Aufbauarbeiten war jedenfalls erfreulich gross, sowohl von daran interessierten Leuten aus der Vintage-Szene, aber auch von Inserenten und Firmen. Ich und mein Mann, der mich sehr unterstützt, sehen schrittweise in die Zukunft. Derzeit sind 4 Ausgaben pro Jahr mit einem Umfang von je rund 100 Seiten und einer Auflage von 5000 Exemplaren vorgesehen. Hoffentlich können wir bald die Auflage steigern und das Magazin noch etwas häufiger herausbringen.

Haben Sie Ihren Mann in der Vintage-Welt kennen gelernt?

Pfister Lipp: Nein, wir kennen einander schon sehr lange, (lacht) aber er ist auch von diesem Virus angesteckt, wir sind gemeinsam in diese Welt hineinge­wachsen.

Dreht sich ausserhalb Ihrer wissenschaftlichen und publizistischen Arbeit alles um Vintage?

Pfister Lipp: Nein, nein, mein Freundeskreis ist ganz unterschiedlich zusammengesetzt; es gibt viele, die einen ganz anderen Lebensstil pflegen. Das ist auch gut so, ich möchte nicht gefangen sein in einer Welt. Ich habe zudem auch noch eine weitere, ganz andere Leidenschaft. Ich spiele Violine in einem klassischen Sinfonieorchester, es gibt für mich nicht nur Rock ’n’ Roll und Blues, sondern auch Beethoven, Tschaikowsky, Mendelssohn.

Und auf Reisen besuchen Sie nicht das Grab von Elvis und dergleichen?

Pfister Lipp: Wir haben tatsächlich demnächst eine USA-Reise geplant, und auch Memphis steht dabei auf dem Programm, aber wenn ich unterwegs bin, liegt der Fokus nicht auf Vintage. Ich lerne gerne andere Kulturen und andere Menschen kennen.

Zum Schluss: Wird es irgendwann auch Leute geben, die vom Stil der 2010er-Jahre schwärmen werden?

Pfister Lipp: Schwierige Frage. Vielleicht übt die heutige Stilvielfalt später einmal eine grosse Faszination aus. Für mich würden die 2010er-Jahre jedoch den Stil-Contest sicher nicht gewinnen. Aber jedes Jahrzehnt hat seine Anhänger, und das ist auch schön und richtig so.

Hinweis

Mehr zum neuen, von Eliane Pfister Lipp lancierten Magazin unter www.vintagetimes.ch/magazin/

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