Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

RETROSPEKTIVEN: Sie malte Krebsangstfarben

Gleich zwei Ausstellungen in St. Gallen und Basel widmen sich Maria Lassnig. Die 2014 verstorbene Österreicherin wurde bekannt durch Selbstporträts, in denen sie sich malt, wie sie sich fühlt.
Christina Genova
Maria Lassni in ihrem Atelier in Wien im März.2002. (Bild: Bettina Flitner)

Maria Lassni in ihrem Atelier in Wien im März.2002. (Bild: Bettina Flitner)

Christina Genova

Maria Lassnig zeichnet sich 1949 mit säuerlichem Gesichtsausdruck zwischen zwei Zitronenhälften. «Selbstporträt mit Zitrone» nennt sie das Werk aus ihrer surrealistischen Phase. Es wird ab kommendem Samstag im Kunstmuseum Basel zusammen mit weiteren rund 90 Aquarellen und Zeichnungen zu sehen sein. Bereits begonnen hat in St. Gallen eine Retrospektive mit den Gemälden der vor vier Jahren mit 94 Jahren verstorbenen Künstlerin.

Maria Lassnig, die mit Louise Bourgeois, Joan Mitchell, Agnes Martin und Eva Hesse zu den bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts zählt, hätte sich über die beiden Ausstellungen gefreut, sie hätten aber auch zwiespältige Gefühle in ihr geweckt: «Sie wollte den Erfolg, hatte aber Mühe, damit umzugehen», sagt Johanna Ortner von der Wiener Maria-Lassnig-Stiftung.

Nasenlöcher wie ein Schwein

Die 1919 in der tiefsten österreichischen Provinz als uneheliches Kind geborene Maria Lassnig hat zeitlebens nie das Gefühl, wirklich angekommen zu sein. Sie ist eine Getriebene, eine ewig Unzufriedene. Wiederholungen langweilen sie, immer wieder wagt sie Neues: Mit 41 Jahren zieht sie nach Paris, mit 49 nach New York. Sobald sie sich zu etablieren beginnt, verlässt sie ihr Umfeld.

Erst spät schafft sie den internationalen Durchbruch. Als die Sechzigjährige 1980 die erste österreichische Malereiprofessorin wird, gewinnt ihre Karriere endlich an Schwung. Erstmals in ihrem Leben hat sie genügend ­finanzielle Mittel, ihr Lebensstil bleibt dennoch asketisch. Mit 81AABB22Jahren notierte sie: «Ich war nie drinnen, war immer nur vor der Tür, jetzt bin ich, ohne drinnen gewesen zu sein, noch immer vor der Tür, aber schon draussen, mit dem Rücken zur Tür.»

Früh schon macht Maria Lassnig ihren eigenen Körper zum Mittelpunkt ihrer Kunst. Und betritt damit Neuland. «Selbstporträt mit Zitrone» gehört zu den ersten Zeichnungen, in denen die hochsensible Künstlerin sich nicht mehr so darstellt, wie sie sich sieht, sondern wie sie sich fühlt. Zuerst nennt sie diese Arbeiten «Introspektive Erlebnisse», später «Körpergefühlsbilder». Sie werden sie berühmt ­machen. Ab den 1960er-Jahren bringt sie bei vielen ihrer Selbstporträts nur jene Elemente ihres Körpers auf die Leinwand, die sie im Moment des Malens wahrnimmt. Maria Lassnig beschreibt es so: «Ich fühle die Druckstellen des Gesässes auf dem Diwan, den Bauch, weil er gefüllt ist wie ein Sack, der Kopf ist eingesunken in den Pappkarton der Schulterblätter, die Gehirnschale ist nach hinten offen, im Gesicht spüre ich die Nasenöffnungen so gross wie die eines Schweines und rundherum die Haut brennen, die wird rot gemalt.» In der St. Galler Ausstellung gibt es dazu eindrückliche Beispiele, etwa «Balancing myself» von 1965, wo sie sich als ­rosafarbenen Klumpen Fleisch malt, ihr anderes, ebenfalls deformiertes Ich balancierend. Oder das Spätwerk «Selbstportrait mit Sprechblase» von 2006, wo ihre kurzen Beine ein riesiges Gesicht ohne Hinterkopf tragen, das grosse blaue Auge fixiert den Betrachter.

Abschied vom Kinderwunsch

Auch die Farben widerspiegeln Maria Lassnigs momentanen ­Gefühlszustand. Sie spricht von Körpergefühlsfarben: «Es gibt Schmerzfarben und Qualfarben, Nervenstrangfarben, Druck- und Völlefarben, Streck- und Pressfarben, Höhlungs- und Wölbungsfarben, Quetsch- und Brandfarben, Todes- und Verwesungsfarben, Krebsangstfarben.» Dass sie eine hervorragende Koloristin ist, zeigt sich eindrücklich in den selten gezeigten Werken ihrer tachistischen Phase von Ende der 1950er-Jahre. Eine schöne Auswahl ist in St. Gallen und Basel zu sehen. Auch in diesen energiegeladenen Werken geht es um ihr Inneres, ihre Körperwahrnehmung.

Das Verhältnis von Mann und Frau ist bei Maria Lassnig ein wiederkehrendes Thema. In ­jungen Jahren verliebt sie sich schnell und häufig. Mit Haut und Haaren, bis zur Selbstaufgabe. Sie lehnt mehrere Heiratsanträge ab. «Einerseits sehnt sie sich ­zutiefst nach einer beglückenden Liebesbeziehung, andererseits sieht sie darin vor allem eine ­Gefahr für ihre Kunst. Ein lebenslanges Dilemma für Lassnig», schreibt Natalie Lettner. Ihre gut recherchierte und flüssig geschriebene Biografie Maria Lassnigs ist letzten Herbst erschienen.

Eine schwierige Beziehung führt die Künstlerin zu ihrem zehn Jahre jüngeren Kollegen ­Arnulf Rainer, mit dem sie 1951 ein erstes Mal nach Paris reist. Das Paar erhält dort wichtige ­Impulse, kommt in Kontakt mit dem Informel und dem abstrakten Expressionismus. Zurück in Österreich beginnen Lassnig und Rainer selbst informelle Arbeiten zu machen. Einige davon sind auch in der St. Galler Ausstellung zu sehen. Etwa die Komposition «Kinderwagenform» von 1951. Der Titel könnte ein Hinweis ­darauf sein, dass die damals 32-jährige Künstlerin sich mit dem Kinderwunsch oder dem Abschied davon beschäftigte. In der Rückschau wird sie sagen: «Kinder und Malerei, das wäre […] unmöglich gewesen. Aber es tut mir um jeden Kuss leid, den ich nicht gegeben habe. Deshalb bin ich manchmal zu Tränen gerührt, wenn mich ein Kind streichelt.»

Nur nicht in die Frauenkunstecke

Im Alter von fast 80 Jahren verarbeitet Maria Lassnig in einer Serie die Ehemänner und Kinder, die sie nie gehabt hat. Etwa in der Zeichnung «Das Erinnern – das ist Liebe» von 1997, die in Basel zu sehen ist. Das Selbstporträt zeigt sie, wie sie einen Mann wie ein Baby im Arm hält. Mit Bleistift notierte sie: «Erinnerung ist eine Illusion. Die Illusion der versäumten Lieben». «Es ist heute kaum mehr nachzuvollziehen, wie schwierig es für Frauen war, die sich damals nicht für die traditionelle Rolle der Hausfrau, Ehegattin und Mutter entschieden», schreibt Natalie Lettner. Die Vorurteile gegenüber Künstlerinnen waren immens. Bezeichnend ist, was eine Zeitung über Maria Lassnigs erste Einzelausstellung 1949 in Klagenfurt schreibt: «Die Kompromisslosigkeit dieser Malerin mutet durchaus maskulin an.»

War Maria Lassnig eine Feministin? Durchaus. Sie lehnte es aber ab, in die Frauenkunstecke gesteckt zu werden. Es bedeutete für sie, gettoisiert und nicht ernst genommen zu werden. «Sie wollte sein wie Velazquez, Cézanne, Munch. Das Geschlecht sollte egal sein», sagt Johanna Ortner.

eine Ausstellungsansicht aus dem Kunstmuseum St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

eine Ausstellungsansicht aus dem Kunstmuseum St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.