Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Rette, was du liebst

Mit einem Essayband feiert Jonathan Franzen seinen 60. Geburtstag. Darin erzählt der amerikanische Schriftsteller die Geschichte der Vögel als Geschichte der an die Gier verloren gehenden Menschlichkeit.
Bernadette Conrad
Der Schriftsteller Jonathan Franzen im Juni 2012 in New York. (Getty Images)

Der Schriftsteller Jonathan Franzen im Juni 2012 in New York. (Getty Images)

Erinnern Sie sich? Es war im Roman «Die Korrekturen», dass das ältere Ehepaar Alfred und Enid Lambert auf zwei ganz verschiedene Weisen den Rest vom Leben zusammenzuhalten versuchte, - die Ehe, die erwachsenen Kinder, die Illusion Familienglück. «Überall im Haus läutete eine Alarmglocke, die ausser Alfred und Enid niemand hörte. Es war die Alarmglocke der Angst.» Fünf Lebenswege, das Leiden der Familienmitglieder aneinander und an den engen Grenzen der eigenen emotionalen Möglichkeiten: Für den 2001 erschienenen Roman, mit dem sich Franzen in die Tradition des spannungsreich und locker erzählten angelsächsischen Erzählens gestellt und diese zugleich um minuziöse, psychologische Analyse erweitert hatte, wurde er mit dem National Book Award geehrt und international berühmt. Den «Korrekturen» sind seither die dickleibigen Romane «Freedom» (2010, deutsch «Freiheit») sowie «Purity» (2015, «Unschuld») gefolgt, die ihre Heldinnen und Helden in weit ausgreifenden Plots nicht nur durch die Welt schicken, sondern durch fast alle bedrängenden Themen unserer Zeit.

Gesellschaftliches mit Persönlichem verbunden

Es war in den parallel erscheinenden Essays, dass man Franzens tiefe Kenntnis verzweifelter familiärer Dynamiken auch auf seine eigene Familiengeschichte zurückführen konnte. Im Essay «Das Gehirn meines Vaters» (2001) schaut man einem Franzen über die Schulter, wenn er aus einem Valentinspäckchen seiner Mutter neben Glückwunschkarte und Schokoriegeln auch den neuropathologischen Bericht über die Gehirnautopsie seines kurz vorher verstorbenen, Alzheimerkranken Vaters auspackt – und mit ihm die unterdrückte Wut eines ganzen Ehelebens, - adressiert an ihn als jüngsten von drei Söhnen, der geübt war im Entgegennehmen von mütterlichen Aufträgen. In Jonathan Franzen kommen Erzähler und analytischer Denker, kommen Romancier und Essayist zusammen, - und ringen, so könnte man manchmal meinen, jeweils um Vorherrschaft. «Why bother?» – «Wozu der Aufwand?», hiess 1996 der als «Harper’s Essay» berühmt gewordene Text, der seinen Ausgangspunkt in einer Lebenskrise des Anfang 30-Jährigen nach dem Scheitern seiner ersten Ehe nahm. Franzen erzählt dort, wie ihm beim Rückzug in die Künstlerkolonie Yaddo zufällig der vergriffene Roman «Desperate Characters» von Paula Fox (deutsch: Was am Ende bleibt) in die Hände geriet: «Durch die Gleichsetzung einer bröckelnden Ehe mit einer bröckelnden Gesellschaftsordnung sprach «Was am Ende bleibt» genau die Ambivalenzen an, die ich … erlebte.

War es gut oder war es schrecklich, dass meine Ehe in die Brüche ging? Und war der Kummer, den ich verspürte, die Folge einer inneren Krankheit der Seele, oder wurde er mir von der Krankheit der Gesellschaft auferlegt?» Persönlich «gerettet» durch eine Lektüre, sah Franzen sich als Autor vor die Frage gestellt, wie «das Persönliche mit dem Gesellschaftlichen zu verbinden» sei. Gerade in seinen Essays kann man verfolgen, wie Franzen als Erzähler, Denker und umfassend informierter Zeitgenosse die persönlichen Entwicklungsgeschichten seiner Figuren – und seiner selbst – transparent zu machen versteht auf die grossen Zusammenhänge von Geschlechter- und Familienverhältnissen, globaler Wirtschaft und sich digitalisierender Gesellschaft, Rassismus und Rechtspopulismus, die sich in ihnen ausdrücken.

Radikaler Gegensatz zu sozialen Medien

Ein «persönlich» übrigens, das in radikalem Gegensatz steht zum «privat» der sozialen Medien und deren «Grundannahme», dass «jedes winzigste subjektive Mikro-Narrativ es wert ist, mit anderen geteilt zu werden.» Wo der Essay «aufrichtige Selbsterforschung» als etwas «Gewagtes, Unbestimmtes, Unzuverlässiges» unternimmt, indem er vom Persönlichen ausgehend weit in gründlich recherchierte Zusammenhänge ausholt, produziert das «Teilen» auf Facebook oder Instagram eher eine «Geschäftigkeit», die von persönlichen Prozessen wegführt. «Nachts mag man aufwachen und begreifen, dass man in seiner Ehe einsam ist oder dass man sich darüber Gedanken machen sollte, was das eigene Konsumverhalten dem Planeten antut, aber am nächsten Tag hat man eine Million von Kleinigkeiten zu erledigen und am Tag darauf noch eine Million», kommentiert Franzen in seinem aktuellen Essayband kritisch das von Whatsapps und Mails getaktete Leben. Und so erscheint es als Glücksfall, dass es mit «Das Ende vom Ende der Welt» 16 Essays sind, mit denen man Franzens beeindruckende Fähigkeit des kenntnisreichen Zusammenhangdenkens erneut bewundern und zu seinem 60. Geburtstag feiern kann. Nicht zuletzt deshalb, weil erst hier jene Figur in voller Grösse sichtbar wird, die Jonathan Franzen mit der ihm eigenen leidenschaftlichen Gründlichkeit inzwischen auch geworden ist: ein ans Schauen verlorener Vogelbeobachter.

Franzen, der Vogel-Beobachter

Wir sind lesend dabei, wie die Buntfuss-Sturmschwalbe (ständig von Kiemennetzfischerei bedroht) dicht über der Meeresoberfläche kleine Fische fängt; wie die Kurzschopftaube und die Blaumaskenamazone auf Jamaika im ständig schwindenden Lebensraum zu überleben versuchen; wie der Flussregenpfeifer in Ägypten jagenden Jugendlichen ins Netz geht, die sie als fliegende Leckerbissen betrachten; wie für grosse Mengen von Zugvögeln Albanien ein riesiges «Vogelgrab» wird, – wir sind dabei, weil Franzen dabei ist; weil er seit vielen Jahren im Zeichen der Vögel die Welt bereist – und, die Geschichte der Vögel auch als weltweite Geschichte der an die Gier verloren gehenden Menschlichkeit erzählt. Und könnte es sein, – so die durchaus riskante These, die Franzens Buch auch entfaltet – dass unser nur zu berechtigtes Starren auf das zusammenbrechende Klima, unser Klammern an die völlig unrealistische Hoffnung, ambitionierte Klimarettungsziele zu erreichen, uns davon abhält, die Kräfte für ganz konkrete, überschaubare Anliegen des Naturschutzes einzusetzen? «Rette, was du liebst», – dieser Titel eines Essays bündelt in einer einzigen, ganz konkreten Handlungsanweisung den im Persönlichen eminent politischen Denker und Schriftsteller Jonathan Franzen.

Jonathan Franzen Das Ende vom Ende der Welt. Essays. 252 S., Rowohlt.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.