Oper für Jugendliche: Retten Androiden die Welt?

Die St. Galler Autorin Pamela Dürr hat mit «Humanoid» einen Operntext für Jugendliche geschrieben. Das aktuelle Thema: menschenähnliche Roboter. Nächste Woche ist Premiere am Theater Winterthur.

Tobias Gerosa
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Pamela Dürr vor der Bühne des Theaters Winterthur. (Bild: Mareyke Frehner)

Pamela Dürr vor der Bühne des Theaters Winterthur. (Bild: Mareyke Frehner)

Kindertheater? Klar. Theater für Erwachsene? Natürlich. Aber was ist mit jenen dazwischen, die sich für die Hexen und Zauberer zu alt fühlen, aber noch zu jung für die «erwachsenen» Stücke? Das Theater Winterthur will zusammen mit dem Konzert Theater Bern diese Lücke mit einem Auftragswerk schliessen, das sich explizit an ein Publikum ab 13 Jahren richtet, das aber – wie jedes gute Jugendtheater – nicht nur für sie interessant sein soll.

Schafft er eine besser Welt oder deren Ende?

Mit dabei als Librettistin: Die Autorin Pamela Dürr, die mit ihren Kultur-Kosmonauten von St. Gallen aus theatrale Projekte mit und für Jugendliche leitet. Im Stück «Humanoid» erschafft der Antiheld Jonah Androiden.

Die noch offene Frage: Schafft er mit ihnen den Ausbruch in eine bessere Welt oder endet das Experiment in einer Dystopie? Pamela Dürr hat es in ihrem Libretto offengelassen:

«Mich interessiert, wo die Digitalisierung hinführt, wo die Jugendlichen von heute sich an den Entwicklungen reiben oder inspirieren lassen werden.»

«Das müsste jetzt doch die Stunde des Theaters sein als Ort, wo die Ängste und Hoffnungen emotional durchlebt und intellektuell befragt werden können – gerade für Jugendliche mit ihren Unsicherheiten und ihrer Offenheit», sagt Dürr.

Wer ist die Figur mit der Krone?

Lange kann Dürr nicht in der Probe bleiben, weil sie gleich zu einem Projekt in einer geschlossenen Gruppe im Jugendstrafvollzug muss. Das originale «Humanoid»-Bühnenbild mit seinen langen, in den Zuschauerraum ragenden Stegen will sie aber sehen. Dass man das auf der Bühne platzierte Orchester von den vorderen Reihen nicht gut sehen wird, beunruhigt sie etwas, und «wer ist wohl die Figur dort mit der Krone»?

In ihrem Text kommt kein solches Requisit vor. Als Librettistin hat sie vor gut drei Jahren mit ihrer Arbeit begonnen, hat zusammen mit den Teams der Theaterthemen gewälzt: Romeo und Julia als Game war eine Idee, Frankenstein eine andere. Sie bezog Jugendliche ein und entschied sich für eine Science-Fiction-Oper. Allerdings geht es jetzt weniger um die Technik, sondern um die in diesem Genre oft ausgesparte Emotionalität – die Dürr dafür als Kernkompetenz von Theater und Oper sieht.

«In der Oper erklärt die Musik die Handlung»

Sie denke für ein Opernlibretto schon anders als wenn sie ein Sprechstück oder Hörspiel schreibe, sagt Pamela Dürr. Mit dem Komponisten Leonard Evers hat sie sich regelmässig ausgetauscht, hat ihren Text nach musikalischen Kriterien abgeändert und vor allem immer wieder gekürzt und fragmentiert: «In der Oper soll der Text nicht die Handlung erklären, das macht die Musik. Der Text muss gedanklich und bildlich Räume öffnen, als Autorin muss ich mich dann bescheiden zurücknehmen.

Das Sprungbrett zur Musik 

Im Prozess habe ich immer wieder Teile gestrichen, wenn der Komponist meinte, seine Musik könne das auch ohne Text ausdrücken.» Sowieso sei das mit der Textverständlichkeit in der Oper so eine Sache. Mit Leonard Evers, dessen «Gold» seit 2012 zu den meistgespielten Musiktheaterstücken für junges Publikum gehört, arbeitet Dürr hier mit einem renommierten Komponisten, der auch versuche, die Figuren mit einer eigenen Sprache zu gestalten, ihr Text biete zur Musik «nur» das Sprungbrett, dann laufe in der Oper viel mehr über die Emotionalität und die Stimmungen.

Hier könne eine rhythmisierte, «klingende» Sprache die Musikalität unterstützen. Das ideale Libretto müsste sich also eigentlich selber gegenstandslos machen und der Musik den Boden bereiten.

Vom Stücktext loslassen falle ihr nicht schwer

Jetzt wo das Stück auf die grosse Winterthurer Bühne kommt, muss die Librettistin loslassen. Das falle ihr nicht schwer, sagt sie. Aber jetzt zuzuschauen, wie die Regisseurin sie interpretiere und umsetze, ohne mitwirken zu können, will sie doch nicht: «So halb mitmachen kann und will ich nicht, ich lasse mich von der Inszenierung überraschen und freue mich darauf!» Inszenieren möchte sie selber gerade auch nicht, «das ist ein anderer Aggregatszustand als schreiben.» So überlässt Dürr ihre drei Menschen und drei Androiden jetzt der Regisseurin Cordula Däuper. Ob der Schluss des Stückes in der Aufführung schliesslich eher bedrohlich oder hoffnungsvoll ausfallen wird, zeigt sich in der Premiere.

Premiere im Theater Winterthur: 21. Februar.