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Das Zaubersee-Festival wurde
fulminant eröffnet

Mit einem Klavierrezital wurde das Zaubersee-Festival im Hotel Schweizerhof eröffnet. Marc Hamelin zeigte dabei sein Können am Klavier.
Urs Mattenberger
Marc Hamelin eröffnete das Zaubersee-Festival. (Bild: PD/Ingo Höhn, Luzern, 22. Mai 2019)

Marc Hamelin eröffnete das Zaubersee-Festival. (Bild: PD/Ingo Höhn, Luzern, 22. Mai 2019)

Das Zaubersee-Festival, das am Mittwoch mit einem Rezital des Pianisten Marc Hamelin eröffnet wurde, rückt das Jahr 1919 in den Fokus. Und dieses steht, zwei Jahre nach Beginn der Russischen Revolution und ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, für Umbrüche wie auch für Fortschritte aller Art.

So lesen wir im Programmbuch des Festivals, dass die Sonnenfinsternis von 1919 Einsteins theoretische Betrachtung über die Ablenkung des Lichts durch Gravitationswellen bestätigte und damit unser Weltbild auf ein neues Fundament stellte. Gleichzeitig wurde dieses musikalisch untergraben von Komponisten, die am Umbruch von der Romantik zur Moderne die Grenzen der Tonalität ausloteten.

Ein Programm voller Reminiszenzen

Meist klingen solche Konzepte vor allem auf dem Papier gut. Aber das vom Luzerner Sinfonieorchester veranstaltete Festival für russische Musik erhebt genau diesen Anspruch dicht verwobener Programme. Und der französische Pianist Marc Hamelin, ein Spezialist für schwieriges Spezialrepertoire, löste ihn im Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof exemplarisch ein.

Das begann zunächst unspektakulär mit Nikolai Medtners «Sonata Reminiscenza»: Ein schlichtes Liedthema weitet sich über immer mächtigeren Pendelschlägen in den Bässen zum Gewitter aus und schliesst im herb-melancholischen Ton, den auch die weiteren russischen Werke des Abends auszeichnet. Alexander Skrjabins Mazurka in gis-Moll spielte Hamelin mit schlankem Ton als Reminiszenz an Chopin, der das Programm beschloss. Aber Skrjabins Mazurka in es-Moll verdichtete er zu virtuos-expressivem Hochdruck, bei dem die folgenden, um 1919 geschriebenen Werke von Samuil Feinberg unmittelbar anschlossen.

Ein russischer Gershwin

Hier war leibhaftig zu erleben, wie einer sich an den Grenzen einer tonalen Spätromantik reibt. Die Fantasia in e-Moll bringt mit einer kantig-scharfen Pianistik den orchestralen Rausch zum Absturz. Die dritte Sonate sucht im ersten Satz Halt in einer wunderbar ausgesungenen Mittelstimme, treibt anschliessend rastlos dahin und stiebt in der Fuge des letzten Satzes ohne jedes Gravitationszentrum auseinander.

Erholung boten Chansons von Charles Trenet in Arrangements des Pianisten Alexis Weissenberg. Aber auch sie fügten sich nahtlos ein in die Moderne im Gärstadium, um die dieses Programm kreiste. Weissenberg zeigte, quasi als russischer Gershwin, die Verbindung dieser frühen Moderne zum Jazz auf. Hamelin stellte zwar die Melodien mit ihren Ohrwurmqualitäten heraus, aber übertünchte und unterwanderte sie mit raffinierten pianistischen Effekten.

Alles vereint in Chopin

«Coin de rue» tauchte er mit ­verschwimmenden Pedaleffekten wie unter Wasser, aus dem es als kristallklarer Sprühregen hervorschoss. In «En avril, à Paris» gebärdete sich der Jazz so aufmüpfig-sperrig, als hätte sich Feinberg in diesem Genre versucht. Und dann kam Frédéric Chopin. Wer erwartet hatte, er sei hier die Wohlfühloase in einem aus­gesprochenen Raritätenprogramm, erlebte eine böse Überraschung. Schon die Verhaltenheit, mit der der Pianist im Auftakt zur Polonaise-Fantasie den Klängen nachhörte, zwang einen, die Ohren zu spitzen. Fortan überraschten die Bezüge zum vorher gehörten Programm.

Die Klangschleier, die Chopin mit ausschweifenden Figurationen auswirft, erinnerten an die Übermaltechniken in den Chanson-Arrangements. Und wo Hamelin gestaltlos implodierende Klangflächen aus dem Zusammenhang heraushob, zeigte sich, dass halsbrecherische Virtuosität immer schon zu quasi avantgardistischen Resultaten führte. Und wo er einfache Motive wie unter der Lupe herausstellte, ergab sich sogar ein Bogen zurück zu Medtner.

Zum Ereignis wurde das, weil Hamelin hier wie im Scherzo op. 54 Nr. 4 all das mit hinreissendem Schwung und feinnerviger Kantabilität verband. Klar: Da war die Nähe zum Salon spürbar, die das Zaubersee-Festival im Schweizerhof wie in der St. Charles Hall in Meggen kultiviert. Aber klar wurde auch, welch Revolutionär Chopin in den Salons seiner Zeit sein musste. Es gab langen Applaus für diesen fulminanten Festivalstart.

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