Richard Russos schildert in seiner fabelhaften Erzählung, wie linke US-Intellektuelle in den Trump-Jahren die Fassung verlieren

Mit «Sh*tshow» legt Richard Russo eine fabelhafte Parabel vor. Eine Fäkalienwurst im Whirlpool eines Ehepaars genügt und das Leben einer Gruppe von pensionierten Unidozenten fällt auseinander. Die Stimmung in den USA ist subtil gezeichnet.

Hansruedi Kugler
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Richard Russo.

Richard Russo.

Bild: Elena Seibert

Am Tag nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten schwimmt eine Fäkalienwurst in ihrem Whirlpool. «Fassungslos», dieses Wort beschreibt den Zustand linksliberaler US-Intellektueller sehr gut – und in Richard Russos glänzender Erzählung auch auf allen Ebenen. 2019 in den USA und jetzt in der deutschen Übersetzung erschienen, legt der 71-jährige Schriftsteller hier eine geradezu klassische Parabel vor: lehrreich, mit einem Vergleich arbeitend – angerichtet mit typisch amerikanischem Storytelling, gewürzt mit subtilem, groteskem Witz.

Das Ehepaar David und Ellie, beide pensionierte Dozenten einer Provinzuniversität in der Wüstenstadt Tucson, Arizona, hat am Morgen nach der Präsidentschaftswahl «das Bedürfnis nach tröstender Gesellschaft». War die Fäkalienwurst etwa ein Racheakt von Trump-Fans, weil David und Ellie ein Hillary-Wahlplakat in ihrem Garten aufgestellt hatten? Oder doch nur ein rachsüchtiger Student?

«In einer Demokratie bekommen die Menschen immer das, was sie verdient haben»

Die kurzfristig organisierte Gartenparty mit zwei befreundeten Paaren bietet Raum für Sarkasmus, bloss vermeintlich übereinstimmende Gesinnung und fadenscheinige Allgemeinplätze wie: «In einer Demokratie bekommen die Menschen immer das, was sie verdient haben» – also alles rhetorische Anzeichen einer schwelenden Krise. Richard Russo deutet elegant an: Hier wird sogar im engsten Freundeskreis nicht mit offenen Karten gespielt. Der eine, Nathan, hat doch nicht Hillary gewählt, landet später mit Suizidversuch im Spital, wo David ihn besucht und wo Nathan im TV wie hypnotisiert Trump, dem «orangefarbenen Mann», und seinen Sexskandalen folgt.

Es bleibt nicht bei der einen Fäkalienwurst. Ellie zieht aus, weil sie den Gestank und Davids Gutgläubigkeit nicht erträgt. Dem Dozentenpaar droht die Scheidung. Russo aber bleibt ein Menschenfreund und lässt allen Zerwürfnissen zum Trotz auch die politisch zerstrittenen Figuren Freunde bleiben. Was für eine humane, versöhnliche Geste der Literatur!

Russo treibt mit dem Leser ein Schelmenspiel

Vergangenen Herbst hat der britische Schriftsteller Ian McEwan ebenfalls literarisch auf den Mann gezielt. «Die Kakerlake» war eine unverhohlene Groteske auf die Karriere des britischen Premiers Boris Johnson. Auch wenn es «nur» Literatur ist: Politiker in den Panzer eines Ungeziefers zu stecken, mochte man als Referenz vor Kafkas «Die Verwandlung» zwar achten oder als Spielart des britischen schwarzen Humors ansehen, der gerne Geschmacksgrenzen ignoriert. Künstlerisch betrachtet war Ian McEwans Vergleich aber grobschlächtig.

Richard Russos Parabel geht trotz des derben Settings der Fäkalienwurst im Whirlpool subtiler vor – und künstlerisch hinterlistiger. Bei McEwan weiss man von vorneherein, dass die Kakerlake Boris Johnson ist. Bei Russo ist der Kot nicht nur ein Verweis auf den Wahlsieg Donald Trumps und auf die Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas, das sich in der Familie und im Freundeskreis ausbreitet. Der Autor treibt auch noch ein schelmisches Spiel mit dem Leser. Denn die Erzählung endet mit einer ironischen Wendung, wie wenn dieser Schriftsteller uns Leserinnen und Leser zuzwinkern möchte: Hey Leute, so grässlich Ihr die Politik auch finden mögt, Ihr müsst nicht jedes Zeichen für Eure wohlfeile Empörung missbrauchen.

Richard Russo Sh*tshow. Erzählung, übersetzt von Monika Köpfer, Dumont, 68 S.