Pop

Rihanna lässt das Sorgenkind frei

Fast gratis veröffentlicht die Sängerin über Nacht ihr neues Album «Anti». Überraschend daran: Die CD ist echt gut.

Michael Graber
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Statt im Laden zu kaufen gratis online: Rihannas neuestes Werk «Anti» wurde ohne grosses Brimborium über Nacht ins Internet gestellt.Christopher Polk/Universal Music

Statt im Laden zu kaufen gratis online: Rihannas neuestes Werk «Anti» wurde ohne grosses Brimborium über Nacht ins Internet gestellt.Christopher Polk/Universal Music

(Credit too long, see caption)

Ist es ein neuer Trend? Keine langen Vorlaufzeiten, keine grossen Kampagnen und keine grossen Vorabzückerchen. Alben veröffentlichen heute viele Künstler einfach mal über Nacht – das Internet allein wird dann schon für genug Aufruhr sorgen. Natürlich ging das bei Rihanna nicht anders. In der Nacht auf Donnerstag war «Anti» plötzlich da.

Gewusst, dass bald etwas auf die Welt kommen würde, hat man aber. «Anti» war ja ein bisschen ein Sorgenkind. Immer mal wieder wurde es halboffiziell angekündigt und dann ebenso halboffiziell wieder verschoben. Vorabsingles wie «Bitch Better Have My Money» haben es am Ende aber nicht auf «Anti» geschafft, warum auch immer.

Heikle Phase überlebt

Immerhin: Das Sorgenkind hat die heikle Phase überlebt und wurde jetzt auf die zahlreichen Fans losgelassen. Wie immer, wenn Rihanna in letzter Zeit etwas macht, ist ein streitlustiges Kerlchen dabei herausgekommen: Die Ecken und Kanten hat es sich bewahrt, und kaum hat man sich an seine neuen Facetten gewöhnt, zieht es schon wieder ein anderes Kleid an.

Das Sorgenkind «Anti» bedient sich im grossen Musikladen einfach an allen Stilen, die ihm gerade schmecken. Etwas Pop, viel Soul, sogar ein wenig Dubstep. Komplett liegen gelassen hat «Anti» diesmal die ganze elektronische Tanzmusik (EDM). Klassische Tanzstücke für den Club finden sich auf «Anti» nicht. Auf Rihannas letztem Album «Unapologetic» wimmelte es noch von knalligen EDM-Nummern. Vielleicht ist das für die Stilrichtung kein gutes Zeichen: Wenn die Pop-Königin sagt, dass EDM tot ist, dann dauert es nicht lange und sie landet auf dem Sterbebett.

Schmalzige Gitarre

«Anti» ist viel schleppender und schwerer als alte Rihanna-Alben. Von einem «Umbrella» ist jeder Song auf dem Album meilenweit entfernt. Einen eigentlichen Hit findet man nicht: Zwar hat es viele gute Songs, aber einen richtigen Reisser sucht man vergeblich. Fantastisch ist etwa «Same Ol’ Mistakes» (ein Tame-Impala-Cover). Da wimmelt es nur so von schrägen Ideen und Tönen, der Beat knarzt und ächzt, der Gesang wird verzerrt bis an die Schmerzgrenze. Das ist herrlich vielschichtig, aber dazu tanzen? Niemals!

Am radiotauglichsten ist vielleicht noch «Kiss It Better». Der Song hat eine unfassbar schmalzige Gitarre, bleibt aber trotzdem schwer wie Blei. «Desperado» hat einen schmissigen Western-Groove. So könnten heutzutage Western vertont werden. «Love On The Brain» ist eine Soul-Bombe, bei der man sofort an verflossene Liebschaften denken muss.

Natürlich ist nicht alles gut auf «Anti». Zu viele Ideen werden angedacht, aber nicht durchgezogen. Zu oft hört man den Anspruch, etwas Besonderes schaffen zu wollen, deutlich heraus. So klingen etwa «Woo» oder «Needed Me» vor allem angestrengt. Und sie können den Anspruch bei weitem nicht einlösen. Dagegen wirken Balladen wie «Close to You» oder «Never Ending» herrlich schlank. Interessanterweise ist das vorab veröffentlichte (also einen Tag vor dem Album) «Work» mit Drake der mit Abstand schwächste Song auf der ganzen Platte.

Zahlreiche Produzenten

Rihanna-Alben sind immer auch Produzentenalben: Auf «Anti» haben The Weeknd, Travis Scott und Timbaland mitgewerkelt, um nur einige aus der langen Liste zu nennen. Vielleicht ist es der Vielzahl an Produzenten geschuldet, dass man «Anti» nicht als Einheit wahrnimmt, sondern als Stückwerk.

Helfen tut, was bisher noch ungenannt blieb: Rihannas Stimme. Weil – singen kann die 27-Jährige aus dem Inselstaat Barbados verdammt gut. Da steckt so viel Kraft und Energie drin, dass sie selbst langweilige Nummern locker überwinden kann. Und vor allem kann man Rihanna, einmal mehr, als facettenreiche Sängerin erleben. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie vor allem stimmakrobatisch durch die Songs geturnt ist. Noch immer kann sie viel Pathos reinpacken, auf «Anti» hat sie gar einen ihrer raren Rap-Parts (das kann sie übrigens auch ganz gut).

CD gegen Newsletter

Überzeugen kann man sich davon übrigens mehr oder weniger gratis. Auf ihrem Twitter-Account veröffentlichte Rihanna einen Link, mit dem man sich das Album herunterladen kann. Kostenpunkt: Einzig für den Newsletter eines Streamingdienstes muss man sich als Gegengeschäft anmelden. Doch: «Anti» ist es sicherlich wert, dass man alle zwei, drei Tage ein Mail mehr löschen muss.

Mit einer solchen Aktion bewahrt sich Sängerin Rihanna auch die Bad-GirlAttitüde. Sie lässt ihr Sorgenkind einfach so auf die Meute los, ohne sich um die Spielregeln der Musikindustrie zu scheren. Ihr kann es freilich egal sein: Rihanna ist längst Multimillionärin. Da kümmert es einen auch wenig, wenn die Kinder die eine oder andere Scheibe einschlagen.