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Peter Eötvös: «Rituelles ist von grossem Wert»

Mit Peter Eötvös ist einer der Doyens der Gegenwartsmusik bei Lucerne Festival zu Gast. Der Ungar spielt mit der Academy ein Opus Magnum von Karlheinz Stockhausen. «Inori» begleitet Eötvös seit 45 Jahren.
Katharina Thalmann
Der Dirigent und Komponist Péter Eötvös (74).Bild: Marco Borggreve/Lucerne Festival

Der Dirigent und Komponist Péter Eötvös (74).Bild: Marco Borggreve/Lucerne Festival

Es ist das Jahr 1973, eine Waldhütte in Kürten, eine Autostunde nordöstlich von Köln. Peter Eötvös singt aus einer übergrossen Partitur, dirigiert dazu, und der Tänzer Alain Louafi vollzieht komplizierte Gebetsgesten. Die beiden proben «Inori». Der Name bedeutet «Gebet» auf Japanisch, und das Stück ist Stockhausens Versuch, seine kosmologische Weltanschauung in Musik zu bannen. 45 Jahre später studieren Eötvös und Louafi das Werk mit einer Musikergeneration des 21. Jahrhunderts ein: Die Lu­cerne Festival Academy wird «Inori» in Luzern, Paris und Berlin aufführen. Zwei junge Dirigenten assistieren Eötvös, und vier neue Tänzer, oder eher Mimen, wurden von Louafi gecastet. «Es ist eine besondere Ehre, dass Louafi seine Erfahrungen aus erster Hand weitergeben kann», so Eötvös.

Globalisierung im Orchester

Doch warum hat Eötvös eine derart enge Beziehung zu «Inori»? Er kam 1966 als 22-Jähriger von Budapest nach Köln und wurde Teil der musikalischen Avantgarde am Rhein. Dort unterrichteten neben Stockhausen auch Bernd Alois Zimmermann oder Mauricio Kagel. Bald wurde Eötvös Mitglied von Stockhausens Ensemble und arbeitete mit ihm im Studio für elektronische Musik. Köln genoss damals den Ruf, der berühmteste Ort für Neue Musik zu sein. Wer in dieser Szene etwas auf sich hielt, war da.

Heutzutage wird es zunehmend schwierig, solche kulturelle «Ballungszentren» zu definieren. Könnte die Institution der Lucerne Festival Academy als solche bezeichnet werden? Eötvös zweifelt: «Die Academy ist eine Meisterschule. Es ist ein grosser Vorteil, dass das gleichzeitig veranstaltete Festival auch von dieser Aktivität profitieren kann. Diese Meisterschule dauert aber nur einige Wochen im Sommer. Die Aktivitäten in Köln haben Musiker aus der ganzen Welt dorthin gelockt. Ich könnte das nur mit der Mannheimer Schule in der Zeit von Mozart vergleichen.»

Trotzdem: «Die Interpreten in diesem Projekt kommen aus der ganzen Welt zusammen, dadurch wird die multikulturelle Haltung von Stockhausen hier in Luzern am besten repräsentiert.» Denn fast scheint es, als hätte Stockhausen mit «Inori» in die Zukunft komponiert. Die mannigfaltigen religiösen und spirituellen Symbole, die in dem Werk aufeinandertreffen, nehmen das Konzept der Globalisierung vorneweg. Diese Weltvorstellung repräsentiert die heterogene, multikulturelle Zusammensetzung des Academy-Orchesters perfekt.

Zurück ins Jahr 1973: Stockhausen komponiert «Inori», und Eötvös ist sein ständiger Mitarbeiter. Die beiden besprechen die Partitur schon während der Kompositionsphase, inklusive der komplizierten dynamischen Vorstellungen. Eötvös erinnert sich: «Dann gab es die erste Präsentation in der Küche seines Hauses in Kürten. Karlheinz hatte sich ein kleines Podest gebaut, auf dem sass er und sang alles vor, von Anfang bis Ende. Danach habe ich in Stockhausens Holzhaus im Wald monatelang die Einstudierung mit Alain Louafi übernommen. Immer und immer wieder, eine sehr gründliche Einstudierung.»

Weltfremd? Ein bisschen

Etwas Spirituelles scheint das Stück zu umwehen, sämtliche Beteiligten treten – auch in der Luzerner Produktion — mit fast heiligem Ernst an ihre Aufgabe heran. Doch bei der Uraufführung 1974 in Donaueschingen wurde Stockhausen als «weltfremder Sektierer» angefeindet. Diese Kritik ist im Kontext der politisch aufgeladenen 1970er-Jahre nachvollziehbar. Für Eötvös hingegen spielte der religiöse Anspruch keine Rolle: «Mit dem religiösen Aspekt hatte ich nie etwas zu tun. Das hat Karlheinz auch akzeptiert. Er hat nie versucht, mich zu überzeugen, und meinte einfach: ‹Du bist Musiker, mach deinen Job!›» Von Sektiererei also keine Spur.

Weltfremd? Ein bisschen. Das zeigt sich an der Art, wie «Inori» in den Siebzigern einstudiert wurde: Heute, in der Zeit von Youtube und Midi-Files, ist es kaum vorstellbar, ein Stück von der Komplexität von «Inori» ohne Anhaltspunkte einzustudieren, sich diese ganze Musik im Kopf vorzustellen.

Überdies verhilft das heutige Klima, wo Yoga und Spiritualität zum guten Ton gehören und Glaubensfragen gerne auch eklektisch beantwortet werden, «Inori» zu ungebrochener Aktualität. Es bleibt bis heute Gegenwartsmusik. ­«Inori» ist ein komplexes Meisterwerk, das lange Zeit braucht, um es einzustudieren. Deswegen wird es selten gespielt. Solange die kultivierten Menschen «Genossen» ihrer Zeit bleiben, bleibt auch Inori immer zeitgenössisch.»

Und als was würde Eötvös das Werk bezeichnen? Als Gebet? Oder als eine Zeremonie? Für ihn ist es ein Ritual: «Es ist das Ergebnis von Religiosität, die ich als Teil der Menschheitskultur akzeptiere. Alle Weltreligionen gehören für mich zur menschlichen Kultur, ohne dass ich selbst an ihnen teilhaben möchte. Aber alles Rituelle ist für mich von höchstem Wert.»

Zum Thema Ritual noch ein letztes Mal zurück nach Kürten: Bis heute betreibt Stockhausens Familie eine gleichnamige Stiftung, der Sitz ist nach wie vor das sagenumwobene Haus, eine Autostunde nordöstlich von Köln. Stockhausen ist Kürtener Ehrenbürger, seit einigen Jahren darf sich der Ort offiziell «Stockhausen-Gemeinde» nennen. Und die Gemeindeverwaltung ist untergebracht am Karlheinz-Stockhausen-Platz 1.

Hinweise: Noch bis am 29. August finden täglich Meisterkurse zu «Inori» statt. Weitere Informationen unter www.lucernefestival.ch. Am 31. August wird «Inori» im 40min 6 vorgestellt. Am 2. September finden um 11 Uhr und um 17 Uhr die Aufführungen im Luzerner Saal statt. Am 1. September bringen Matthias Pintscher und das Orchester der Academy Peter Eötvös’ «Reading Malevich» zur Uraufführung (mit Werken von Kurtag, B. A. Zimmermann und einer Uraufführung des Ungarn Mate Bela).

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