Interview

Robbie Williams zu seinem Weihnachtsalbum: «Es war eine Obsession, ein Lied zu schreiben, das die Menschen nervt»

Er ist der perfekte Entertainer – und kämpfte ­lange mit seinen Dämonen. Jetzt überrascht Robbie Williams mit einem Weihnachtsalbum – und verrät, dass er in der Schweiz Skiferien macht.

Hanspeter Künzler aus London
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Typisch Robbie Williams: Er wollte ein Lied schreiben, das den Menschen auf die Nerven geht. Bild: Sony Music

Typisch Robbie Williams: Er wollte ein Lied schreiben, das den Menschen auf die Nerven geht. Bild: Sony Music

Es gibt wenig Popstars, die so erfolgreich, aber auch so unberechenbar sind wie Robbie Williams. Von Hip-Hop über Big Band Swing bis hin zur Stadion-Ballade «Angels» hat er alles einmal probiert, seit er vor 24 Jahren aus der Boy-Band Take That geworfen wurde.

Inzwischen ist der 45-jährige Künstler der erfolgreichste britische Solo-­Künstler und hat 18 Brit-Awards erhalten. Gleichzeitig war er einer der ersten prominenten Figuren, die öffentlich über ihre Depressionen sprachen. Nun überrascht uns Williams mit einem Weihnachtsalbum. Wir haben den Künstler in London getroffen.

Ein Weihnachtsalbum. Jetzt auch noch Sie. Musste das sein?

Robbie Williams: Ich bin seit dreissig Jahren im Geschäft. Da muss man sich etwas einfallen lassen, um aus dem Trott auszubrechen und ein bisschen Aufregung aufkommen zu lassen. Diesmal war es die Obsession, ein Lied zu schreiben, das den Menschen immer und ewig auf die Nerven gehen wird.

«The Christmas Present» ist ein Doppelalbum mit neuen Versionen von Klassikern. Dazu haben Sie mit Ihrem alten Co-Autor Guy Chambers dreizehn neue Lieder aufgenommen. Wieso?

Gary Barlow (Anm. d. Red.: Sänger von Take That) überbrachte mir eine Botschaft von seinem Produzenten: Nur um Himmels willen kein neues Weihnachtslied schreiben. Am Schluss hatten wir 35 neue Weihnachtssongs. Gleichzeitig war mir klar, dass man an Weihnachten vor allem die Klassiker hören will. So dienen nun die Evergreens als Vehikel, die neuen Lieder zu verbreiten, so dass sie eines Tages hoffentlich ebenfalls zum Gewebe des Lebens gehören.

Eine neue Nummer heisst «Let’s Not Go Shopping» und enthält den Vorschlag, die Weihnachtseinkäufe dem Weihnachtsmann zu über­lassen. Eine gute Idee!

Ha! Das Lied ist ein offener Brief an meine Frau. (Anm. d. Red.: Die US-Schauspielerin Ayda Field.) Sie liebt Weihnachten! Sie nimmt sich viel Zeit, Erinnerungen für die Kinder und mich zu schaffen. Das macht uns als Familie nur noch stärker.

Wie haben Sie vor zwanzig Jahren Weihnachten gefeiert?

Vor 19 Jahren habe ich aufgehört zu trinken. Die ersten beiden Weihnachten danach waren nicht so toll. Das Trinken füllt die Leerräume von dem, was man nicht hat. Wenn man das Trinken und die Drogen wegnimmt, bleibt nur noch das Problem. Dieses Problem lässt sich nicht über Nacht lösen. Vor dem Entzug bestand Weihnachten aus sechs Gramm Kokain. Nach dem Entzug drehte sich alles darum, die Depressionen in Schach zu halten. Rundum feierten die Menschen, selber war man eingesperrt im Gefängnis des eigenen Kopfes. Weihnachten wurde für mich zum Totem der Verzweiflung. Mit der Arbeit an meinem Selbstwertgefühl änderte sich das langsam. Dann lernte ich Ayda kennen. Seither geht es mir besser und besser und besser. Jedes Jahr schauen wir uns am Boxing Day an und sagen: Baby, das waren die schönsten Weihnachten je.

Haben Sie schon einmal Weihnachten in der Schweiz verbracht?

Ich habe die Schweiz im Schnee um die Feiertage herum tatsächlich schon erlebt. Unglaublich idyllisch! Die Weihnachtsmärkte in Deutschland sind auch sehr toll. In diesem Winter gehen wir in die Schweiz in die Skiferien. Die Kinder lieben das Skifahren, aber sie kennen es bis jetzt nur aus Amerika. Ich habe zu ihnen gesagt: Skifahren in Europa, das ist nochmal etwas ganz anderes.

Apropos Familienleben: In der letzten Staffel der Casting-Show «X Factor» sassen Sie neben Ayda in der Jury. Hat das nicht erhebliches Konfliktrisiko gebracht?

Wir haben schnell erkannt, wie man den anderen mit ein paar Worten auf die Palme bringen konnte – und es dann tunlichst vermieden. Ich liebe es, mit meiner Frau beisammen zu sein. Sie verdient ihren Moment an der Sonne. Sie ist zum Scheinen erschaffen. Ich habe ihre Karriere gleichermassen enthauptet, indem ich sie bat, zu mir zu kommen und sich um mich zu kümmern. Auch sie braucht einen Spielplatz, wo sie ihre Magie entfalten kann. Eigentlich hatte ich überhaupt nicht vor, bei «X Factor» mitzumachen. Als der Vorschlag kam, auch meine Frau in die Jury zu nehmen, war es mir schlicht unmöglich, das Angebot auszuschlagen.

Die neue Jury der britischen Version von X Factor: Robbie Williams, Ayda Williams,  Louis Tomlinson und Simon Cowell (v. l.).

Die neue Jury der britischen Version von X Factor: Robbie Williams, Ayda Williams,  Louis Tomlinson und Simon Cowell (v. l.).

Stimmt es, dass der Slade-Knüller «Merry Xmas Everybody» auf Ihrem Album mit den meisten Erinnerungen verbunden ist? In England fängt in dieser Jahreszeit kein Fussball-Spiel ohne ihn an.

Allerdings! Das Lied steckt voller euphorischen Erinnerungen an lange Tage im Pub, an Dinge, die man tat und nicht hätte tun sollen. Der Song gehört längst zu meiner DNA. Solche Stücke sind Zeitmaschinen. Sie versetzen dich zurück in einen Moment, an den du dich nicht mehr so genau erinnern kannst, aber weisst, dass es dir gut ging. Wir versuchten übrigens, Noddy Holder, den Sänger von Slade, ins Studio zu locken. Leider ist er in den Ruhestand getreten und liess sich nicht ­erweichen.

Zu den Gästen zählt auch der Boxer Tyson Fury. Wie kam es dazu?

Vor seinem Kampf in Las Vegas lud er mich in seine Garderobe ein. Ich konnte es nicht fassen. In Bälde würde er im Ring stehen und mit den ­Fäusten erledigen, was es zu er­ledigen gab. Und davor nahm er sich Zeit, einem wie mir hallo zu sagen. Ich ­ergriff die Gelegenheit und lud ihn ins Studio ein.

Auch Rod Stewart ist dabei.

Er war zum Dinner bei uns, irgendwie kamen wir aufs Album zu sprechen. Es war eine Gelegenheit, ein paar meiner liebsten Freunde einzuladen, ihre Talente zu nutzen. Zum Glück haben die meisten zugesagt. Die anderen stehen jetzt auf der schwarzen Liste.

Der Umbau Ihrer Stadtvilla hat zur Fehde mit Ihrem Nachbarn, dem Led-Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page, geführt. Wie geht es ihm?

Mein Nachbar hat ein Dilemma. Er will sein Haus beschützen, das verstehe ich. Aber seinem Haus wird nie etwas passieren. Ich wünsche ihm alles Gute. Happy Christmas!

Haben Sie unter den Alben, die Sie eingespielt haben, einen Liebling?

Nein. Ich blicke immer nur vorwärts. Mein nächstes Projekt ist immer mein liebstes. Alles dreht sich darum, sich weiterzuentwickeln. Ich sammle auch keine Trophäen. Ich besitze nichts, was mich daran erinnert, was in meiner Karriere geschehen ist, und habe alle meine Auszeichnungen und Pokale ­verschenkt. Meine Frau hat mich ­deswegen gescholten: «Was ist mit den Kindern?» Da hatte ich kurz ein schlechtes Gewissen. Sie schlug vor, sie neu anfertigen zu lassen. «O nein!», sagte ich, «bitte nicht!» Das wäre wie ein Friedhof für eine vergangene Zeit. Bitte nicht! Ich will kreieren. Immer wieder eine neue Tür in die Wand schlagen, ein neues Zimmer entdecken.

Popstar Robbie Williams und Schauspielerin Ayda Williams sind schon seit 2006 ein Paar. (Bild: Imago)

Popstar Robbie Williams und Schauspielerin Ayda Williams sind schon seit 2006 ein Paar. (Bild: Imago)

35 neue Songs haben Sie für dieses Album geschrieben. Fühlt man sich nach einem solchen Effort nicht ausgepumpt?

Ganz und gar nicht. Fürs Album davor hatten wir fünfzig Lieder. Ich brauche eine Herausforderung. Es ist auch kein zynischer Versuch, aus Weihnachten Cash zu schlagen. Natürlich ist auch diese Absicht ein Teil des Kuchens, aber es ist nicht der ganze Kuchen. Der grösste Teil des Kuchens ist aus meinem Bestreben gebacken, ein Album zu schaffen, das Erfolg hat. Einen Gewinner. Musik, die bis ans Ende zum Leben der Menschen gehört.

Ist das Ihre Definition von Erfolg? Lieder zu schaffen, die Eingang in die Kollektiverinnerung finden?

Es ist meine Definition von Erfolg jetzt, wo ich gerade noch an den Fingerspitzen drin hänge. Mit den Jahren werde ich diese Definition vielleicht den Umständen anpassen müssen.

Wie meinen Sie das, mit den ­Fingerspitzen drin? Sie müssen ja nicht um Ihren Hitparadenstatus bangen.

Ich bin 45 Jahre alt. Der Sauerstoff, den du brauchst, um als Popstar in der ­Popwelt zu reüssieren, geht dir mit dem Alter allmählich aus. Das Radio spielt deine Musik immer weniger, doch das Radio ist das Öl im Motor. Wenn es ­damit vorbei ist, ist es mit allem vorbei. Es ist ein Spiel für die Jungen. Ein 45-jähriger Fussballer kann auch nicht erwarten, dass er noch in der Premier League spielt. Der Körper steigt aus, das ist die Natur. Darum braucht die Musikindustrie laufend frisches Blut. Ich bin 45 Jahre alt, und Erfolg bedeutet für mich zu diesem Zeitpunkt, ein ­erfolgreiches Album zu schaffen. Ein Album, das bei der derzeitigen Marktlage das Maximum herausholt.

Rod Stewart, Mick Jagger, Tom Jones und Co. haben gezeigt, dass es möglich ist, auch später noch Wege zu entdecken und in kommerzieller wie künstlerischer Hinsicht Erfolge zu feiern. Können Sie daraus keine Inspiration gewinnen?

Ich beobachte Tom sehr genau. Auch Rod und Mick. Alle sind sie Naturgewalten. Ich beobachte sie, sehe, wie sie leben. Wie sie mit ihrer Familie umgehen. Wie sie ihre Geschäfte angehen. Wo sie ihre Ferien verbringen. Wie sie sich mit Musikgenres beschäftigen, um motiviert und kreativ zu bleiben. Ja, sie haben es geschafft, ambitiös und ehrgeizig zu bleiben. In ihnen sehe ich tatsächlich die Zukunft. Diese Zukunft sieht gut aus.

Robbie Williams singt auf neuem Weihnachtsalbum mit Helene Fischer

Der britische Sänger Robbie Williams ("Let Me Entertain You») hat ein Doppelalbum mit Weihnachtsliedern angekündigt. Auf «The Christmas Present» (erscheint am 22. November) singt Williams auch ein Duett mit der deutschen Schlagersängerin Helene Fischer ("Atemlos»).