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ROCK: Biffy Clyros neues Album ist eine Wiedergeburt

Das siebte Biffy-Clyro-Album «Ellipsis» ist das starke Resultat einer Rückbesinnung aufs Wesentliche. Selbst eine Schreibblockade konnte die Band nicht stoppen.
Steffen Rüth
«Wir wollten, dass die Platte ein bisschen kaputt klingt», sagt Biffy-Clyro-Sänger Simon Neil (Mitte). (Bild: PD/Austin Haregrave)

«Wir wollten, dass die Platte ein bisschen kaputt klingt», sagt Biffy-Clyro-Sänger Simon Neil (Mitte). (Bild: PD/Austin Haregrave)

Steffen Rüth

Lang war der Abend, und kurz war die Nacht. Bis um 3 Uhr in der Früh lagen Sänger Simon Neil sowie die Zwillinge Ben und James Johnston (alle 36) reihum auf der Couch ihres Berliner Lieblingstätowierers, und jetzt lümmeln sie etwas abgekämpft, aber auch sehr stolz in ihrer Designhotelsofalandschaft herum und zeigen erst mal, was sie da Neues haben: parallele, geschwungene Linien, die auf Simons Bein beginnen und über James’ Rücken schliesslich auf Bens Oberarm ankommen, ein echtes Gemeinschafts-Tattoo also. «Die Linien dokumentieren unsere enge Verbundenheit und unsere gemeinsame Reise», erläutert Simon Neil. «Nichts ist komplett, wenn wir drei nicht zusammen sind.»

Stetiger Aufstieg

Das Trio aus dem schottischen Kilmarnock macht seit 21 Jahren gemeinsam Musik, mit 15 ging das damals schon los. 2002 kam das erste Album, es folgte ein langer, allmählicher und von unendlichem Enthusiasmus seitens der Band sowie einer immer grösseren Menge von Anhängern begleiteter Aufstieg. Seit der Single «Mountains» (2009) und dem epischen Doppelalbum «Opposites» (2013) ist Biffy Teil der kleinen Riege von Rockbands, die auch mal ein Stadion, immer aber locker die grossen Hallen voll bekommt.

«Wir sind in diese Position mit der Zeit hineingewachsen», so Neil. «Ich denke, und da bin ich ausnahmsweise mal ganz unbescheiden, dass wir eine der besten Bands auf der Welt sind. Warum sollten wir also nicht die ganz grossen Shows spielen?» Entscheidend sei jedoch, dass «Biffy Clyro keine Band ist, die du dir distanziert anguckst. Sondern eine Band, bei der du mitgehst, rumspringst, Freunde in den Arm nimmst und Fremde küsst.» So nahbar wie hier auf dem Sofa, so nahbar sind die drei Schotten eben auch auf der Bühne.

Allerdings war es mal wieder ein ganz schöner Kampf, bis «Ellipsis» Gestalt annahm. Früh war klar, dass die drei nicht wieder so ein Monumentalwerk wie «Opposites» raushauen wollten, und auch der Produzentenwechsel von Garth Richardson zu Rich Costey (Muse, Franz Ferdinand) stand recht bald fest, da die Band den eingeschlagenen Pfad verlassen und sich mal wieder ein bisschen durchs Gestrüpp kämpfen wollte.

«Ich fühlte mich niedergeschlagen»

Simon Neil: «Wir hatten mit Garth drei zunehmend nach Stadionrock klingende Alben gemacht, hätten wir da in Sachen Opulenz noch einen draufgesetzt, wären wir auf die Schnauze gefallen. Wir wollten es uns nicht bequem machen, lieber einen Schritt zurückgehen, viel experimentieren und eine Platte ganz ohne Erfolgsdruck und ein wenig im Geiste unseres Debütalbums aufnehmen.»

An der letzten Prämisse scheiterte vor allem Songwriter Simon jedoch kolossal. Der Druck machte ihn 2015, als es ans Komponieren und Texten ging, total fertig. Eine ausgewachsene Schreibblockade. «Ich fühlte mich uninspiriert, niedergeschlagen und zu nichts nutze. Normalerweise gibt mir die Arbeit an meiner Musik Selbstvertrauen, dieses Mal zogen mich die Erwartungen und mein schlechtes Gewissen, es nicht mehr gebacken zu kriegen, extrem runter.» Zusammen mit seiner Frau Francesca (die beiden sind schon so lange ein Paar, wie es Biffy Clyro gibt), ging Simon eine Weile zum Freunde Besuchen nach Kalifornien, hat sich dort zwar auch nicht vom «Ich-muss-das-neue-Biffy-Album-machen»-Wahn befreien können, aber kaum wieder daheim, da lief es endlich.

Nicht alles versöhnlich

«Ich schrieb drei Songs an einem Nachmittag, darunter ‹Re-Arrange›, den ich meiner Frau widme und in dem es darum geht, wie einen die Liebsten nach einer harten Zeit wieder aus dem Dreck ziehen.» Der Song selbst ist typisch für die neue Freiheit, die sich Biffy Clyro auf «Ellipsis» gönnen. So sehr nach Pop wie auf dieser Liebeshymne klang die Band noch nie. Auch die sehr innige Ballade «People» schlägt in eine ähnliche Kerbe. «Der Song ist praktisch meine Entschuldigung an Francesca. Ich kann mit sehr kurzen Sätzen sehr gemein zu ihr sein, und ich bin so glücklich, dass wir trotz allem, was nicht so gelaufen ist, wie wir beiden es wollten, bis heute zueinander halten.»

Aber längst nicht alles in den elf Songs klingt so versöhnlich. Das krachende «Wolves Of Winter» ist ein vertonter Mittelfinger, auch «On A Bang» ist hart und wütend, während «Small Wishes» mit ein wenig R’n’B wie auch Country überrascht und «Friends And Enemies» dem Hörer mittels Kinderchor ein Schäuerchen über den Rücken laufen lässt. «Wir wollten, dass die Platte ein bisschen kaputt, ein bisschen grobkörnig, nicht mehr so perfekt klingt», sagt Simon Neil.

Versonnen lächelnd schaut der Frontmann rüber zu seinen Nebenleuten, die im Interview zumeist stille, freundliche Zuhörer sind. «Dieses Album ist für uns fast eine Wiedergeburt. Wir haben es geschafft, unsere Probleme auszuräumen, und obwohl wir schon seit langem Männer sind, fühlen wir uns wieder wie 19-jährige Jungs.» Dann steht Simon Neil auf und umarmt einen nach dem anderen.

Biffy Clyro: Ellipsis (Warner).

Bewertung: 3 von 5 Sternen

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