ROCK: Folkige Popsongs, heimliche Hits

Die Luzernerin Pink Spider hat eine tolle Stimme und schreibt einnehmende Songs: Mit ihrem Album «The Hunch» meldet sie sich zurück.

Pirmin Bossart
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Valerie Koloszár gehört zu den talentiertesten Stimmen aus Luzern. Jetzt kann man sie endlich auf CD hören. (Bild: PD)

Valerie Koloszár gehört zu den talentiertesten Stimmen aus Luzern. Jetzt kann man sie endlich auf CD hören. (Bild: PD)

Die Spinne ist wieder unter uns, obwohl sie nie weg vom Fenster war. Aber Valerie Koloszár alias Pink Spider hat sich Zeit gelassen. Sie hat sich auch ein bisschen schwer getan mit dem Nachfolger ihrer schlicht-schönen Debüt-EP «Song Of Harvest», die 2007 erschienen war. Und jetzt, da das Album vorliegt, staunt man, wie unkompliziert die Songs von Pink Spider und ihr herber Charme einen wieder beglücken.

Valerie Koloszár seufzt und lacht. «Es war ein längerer Prozess, aber er hat sich gelohnt.» Seit ihrem Debütalbum hatte man sie immer mal wieder an Auftritten in kleinen Kellern und gelegentlich auch auf offizielleren Bühnen gehört. Es entstanden zwar neue Songs, aber das neue Album blieb immer ein Gerücht.

Neuer Schub

Bis Pink Spider eines Tages einen neuen Motivationsschub bekam: Daniel Wehrlin, Gitarrist von Kettenfett und Produzent (Blind Butcher, Fischermanns Orchestra), zog ins benachbarte Haus. Er fand Gefallen an ihren Songs und schlug ihr vor, ein paar Aufnahmen zu probieren. So kam es zu einer Zusammenarbeit. Jetzt konnte sie endlich all die Songs, die sich in den Jahren angesammelt hatten, neu bündeln und aufbereiten.

Andere Musiker mieten sich ein Studio und gehen ans Werk. Bei Koloszár lag der Fall anders. «Ich brachte das nicht zu Stande, ich war dafür nicht parat. Abgesehen davon hätte ich auch nicht das Geld für eine solche Übung gehabt.» Sie brauchte den richtigen Kick. Und dieser kam mit Dani Wehrlin.

Pink Spider fühlte sich wohl mit der Arbeits- und Aufnahmeweise, die sich über eine Periode von zwei Jahren hinzog. «Im Donkey Tracks Studio von Wehrlin konnte ich mir Zeit nehmen, die Songs auswählen und teilweise neu gestalten.» Die ältesten sind 20 Jahre alt, «Buckets Of Tears» datiert vom April 2014. Wehrlin hat die Beats eingespielt und das Album produziert, Pink Spider ist mit Gitarre, Keyboards, Noises, Gesang und ihren eigenen Lyrics zu hören.

Folk, Pop, Rap

Gleich der erste Song «Buckets Of Tears» hat alles, was einen Pink-Spider-Song auszeichnet: Markante Stimme, guter Text, prägnante Melodie. «Feel rainy» ist ein schöner Ausdruck für das Befinden der Protagonistin, die sich gerade vom Liebeskummer zu erholen scheint. Der Song hat eine beschwingte Grundnote, geht gut ins Ohr und ist bereits auf mehreren Radiostationen am Rotieren.

Es gäbe auf dem Album noch weitere Kandidaten für heimliche Hits: Etwa der folkige Titelsong «The Hunch» oder «Stormy Feeling» mit seinem lockeren Rap Gestus. Pink Spider hat in den letzten Jahren ihre Musikalität ausgeweitet. Die besinnlichen und naiven Folksongs der ersten Stunde gehören immer noch zu ihren Stärken. Neu dazugekommen sind verspieltere Songs mit Pop-Appeal, Keyboard-Spielereien oder rockigeren Tönen.

Ein Sommerhit

«Y.W.T.» erinnert mit seinem dunklen Rockpuls, dem Geflüster und den Gitarren-Feedbacks an Patti Smith. Als bestechender Pop-Ohrwurm vom ersten Hören an entpuppt sich das klimpernde Stück «Stuck In The Middle», das – eingedenk des sonstigen Schrotts im Airplay – für einen Sommerhit wie geschaffen gewesen wäre. Aber wer hat dieses Jahr schon einen Sommer gesehen?

Der klassische Folksong «Green Sea» lässt hören, wie wenig es braucht, um tief zu wirken. Zu den innigsten Songs gehört «Borrowed Love». Auch hier genügen ein paar Fingerpicking-Akkorde, eine schlichte Melodie und diese Stimme, um berührt zu werden. Ähnlich aufgebaut ist «Buoy», das dann aber im Refrain mit einem kurzen Streicher-Arrangement aufgewölbt wird.

Gutes Englisch

Pink Spider hat eine Stimme, die sofort auffällt. Es ist nicht das aufgesetzte Girlie-Gezwitscher der aufgespritzten R’n’B-Tanten oder die Pseudo-Sexyness der Soft-Soul-Ladies. Sie hat den Klang der Strasse, des rauen Glücks, der Unbekümmertheit. Gleichzeitig spürt man darin auch das Sensible und Fragile einer empfindsamen Seele. Dazu kommt eine Englisch-Diktion, wie man sie von einer Schweizerin selten hört.

Von 7 bis 11 lebte Koloszár mit ihren Eltern in der Elfenbeinküste. Sie besuchte dort die internationale Schule, das war auch später in der Schweiz wieder der Fall. Mit 16 begann sie Gitarre zu spielen. «Ich lag damals ein halbes Jahr lang mehr und weniger krank im Bett. Da habe ich aus Langeweile begonnen, auf der Gitarre meines Bruders herumzuklimpern.»

Zu einer wichtigen Wegbereiterin wurde ihr die amerikanische Singer-Songwriterin Ani di Franco. «Sie hat mich als Musikerin inspiriert und mir gezeigt, dass es auch Frauen bringen können. Das hat mich motiviert.» Als sie am Hampshire College in Massachusetts zwei Jahre lang Meeresbiologie studierte, spielte sie in einer Band. Seit 2000 lebt sie in Luzern und schlägt sich durch mit diversen Jobs.

Für die Live-Umsetzung von «The Hunch» hat sie erstmals eine veritable Band beisammen. Dani Wehrlin (g), Simon Iten (b) und Tobi Hunziker (dr) werden den Songs den nötigen Druck und die besondere Ambiance geben. «Ich freue mich richtig, auf Tour zu gehen und auszuchecken, wie mein Zeugs dort draussen eigentlich ankommt.» Auf Platte klingt das alles schon mal wunderprächtig. •••••

Pink Spider The Hunch (Little Jig/Irascible). Plattentaufe: 11. Oktober, 21 Uhr, Industriestrasse 9

Eine Hörprobe des neuen Albums auf www.luzernerzeitung.ch/bonus