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ROCK: «Seid stolz auf eure Demokratie»

Muse-Sänger Matt Bellamy im Interview über das Konzeptalbum «Drones» und das genial einfache «Psycho»-Gitarrenriff. Aber auch über die einzige Hürde für den Umzug in seine geliebte Schweiz.
Interview Reinhold Hönle
Matt Bellamy, Sänger und Gitarrist von Muse, bei einem Konzert in München. (Bild: Keystone)

Matt Bellamy, Sänger und Gitarrist von Muse, bei einem Konzert in München. (Bild: Keystone)

Matt Bellamy, «Drones» ist Ihr erstes Konzeptalbum. Was hat Sie dazu inspiriert?

Matt Bellamy: Ich habe vor etwa zwei Jahren über Drohnen gelesen und wie diese in der modernen Kriegsführung eingesetzt werden. Ich war schockiert, wie die technologische Entwicklung dazu geführt hat, dass immer effizienter zerstört und getötet werden kann und jegliches Mitgefühl für die Opfer verloren zu gehen droht, weil sich die Menschen nicht mehr gegenüberstehen.

Haben Sie Militärdienst geleistet?

Bellamy: Mein Onkel war beim Militär, mein Vater in der Handelsmarine und meine beiden Grossväter kämpften im Zweiten Weltkrieg. Ich habe also einen Militärhintergrund, hatte aber selbst das Glück, nicht zur Armee gehen zu müssen.

Würden Sie sich als Militärkritiker bezeichnen?

Bellamy: Viele Soldaten sind Helden. Niemand von uns wäre hier, wenn unsere Freiheit nicht verteidigt würde. Ich bewundere, was das Militär zu leisten im Stande ist. Das Problem ist, dass es so strukturiert ist, dass die Dienstleistenden den Befehlen der Vorgesetzten widerspruchslos gehorchen müssen – egal, wie diese lauten.

Wie vertraut sind Ihnen die Gedanken Ihres Protagonisten?

Bellamy: Es gibt in der Biografie jedes Menschen Momente, in denen er sich enorm verlassen und verloren fühlt. Bei mir war das mit 13 Jahren, als sich meine Eltern getrennt haben. Ich verstand nicht, was passierte, und hatte das Gefühl, völlig die Kontrolle über mein Leben und den Bezug zur Realität zu verlieren.

Wie haben Sie diese schwierige Situation überwunden?

Bellamy: Ich merkte, dass man sich auf niemand anderen verlassen kann. So habe ich es zu einem zentralen Thema des Albums gemacht, dass man, selbst wenn alles in die Brüche geht, immer eine Wahl hat: Man kann sich seinen Gefühlen stellen oder sie verdrängen. Mein Protagonist entscheidet sich zuerst, innerlich tot zu sein, doch nach einigen Songs überwindet er diese Leere. Seine Kraft und seine Gefühle kehren zurück. Er nimmt seine Eigenverantwortung wieder wahr und geht Beziehungen mit anderen Menschen ein.

Ist «Revolt» als Aufforderung an Ihre Fans gedacht?

Bellamy: Im Zeitalter von Extremismus, Manipulationen durch Grossunternehmen und Machtmissbrauch in Politik und Militär muss man die Leute auffordern, eigenständig zu denken und eine Immunität gegenüber den Kräften aufzubauen, die sie zu kontrollieren versuchen.

Haben Sie bei der musikalischen Umsetzung bewusst auf weniger Technologie gesetzt?

Bellamy: Mein Konzept war, über Drohnen und das, was sie repräsentieren, nachzudenken. Der Eindruck, dass wir in der technologischen Entwicklung vielleicht schon einen Schritt zu weit gegangen sind, hat dann alle Aspekte des Albums beeinflusst: Text, Musik, Stil, das ganze Zusammenspiel.

Muse wurden gerade 20 Jahre alt. Der Moment, um in sich zu gehen und Kurskorrekturen vorzunehmen?

Bellamy: Jedes der letzten sechs Alben war experimenteller als das vorherige. Wir haben die Regeln der dreiköpfigen Rockband immer weiter gebrochen, bis wir an den Punkt kamen, wo wir unsere eigenen Produzenten werden mussten und mehr Zeit damit verbracht haben denn als Musiker ... (lacht) Da dachten wir uns: Wenn man das Gefühl hat, schon überall gewesen zu sein, geht man halt wieder an den Anfang zurück!

Geradezu genial einfach ist das Gitarrenriff des Songs «Psycho». Wie ist es entstanden?

Bellamy: Das ist eine lange Geschichte! (lacht) Das erste Mal müssen wir es 1999 gespielt haben. Wir bauten solche härteren Riffs ein, da wir das Gefühl hatten, dem Debütalbum «Showtime» würden ein paar Ecken und Kanten fehlen. Danach ist das «Psycho»-Riff erst 2006 wieder aufgetaucht. Seither lungerte es live immer irgendwo herum, war aber in keine feste Liedstruktur eingebaut.

Sie rocken die Stadien, ziehen jedoch abseits der Bühne keine Schau ab. Wie schaffen Sie diesen Spagat?

Bellamy: In meiner Jugend war ich sehr ruhig. Mich in und mit dieser Band selbst zu entdecken, hat mich positiv verändert. Ich habe herausgefunden, wie ich mit Menschen kommunizieren kann.

Muse gelang das erste Nr.-1-Album ausserhalb Englands in der Schweiz. Verbindet Sie das mit unserem Land?

Bellamy: Ich liebe die Schweiz aus verschiedenen Gründen. Ich wohnte mal in Norditalien und fuhr oft nach Lugano. Ich habe jedoch auch viel Zeit in der Deutschschweiz und in der Romandie verbracht, wo wir tolle Konzerte erlebten. Die dezentrale direkte Demokratie der Schweiz ist für mich das beste politische System der Welt. Darauf könnt ihr stolz sein!

Könnten Sie sich vorstellen, in der Schweiz zu leben?

Bellamy: Das würde ich gerne, doch ich befürchte, dass die Mutter meines vierjährigen Sohnes (Hollywood-Star Kate Hudson, die Red.) nicht aus Los Angeles hierherziehen möchte.

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Muse: Drones (Warner Music). Live: 6. Juni Sonisphere, Biel.

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