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ROCK: Udo Lindenberg: «Ich mache Unterhaltung mit Haltung»

Udo Lindenberg wird bald 70 Jahre alt. Gerade jetzt zeigt er sich aber in Bestform. Ein Gespräch über Sterblichkeit, Politik und Eierlikör zum Geburtstag.
«Einer muss den Job ja machen», sagt Udo Lindenberg (69). (Bild: PD)

«Einer muss den Job ja machen», sagt Udo Lindenberg (69). (Bild: PD)

Interview Reinhold Hönle

Udo Lindenberg, Sie sind die «coolste Socke», die der deutsche Rock ’n’ Roll hervorgebracht hat. Was bedeutet es Ihnen, so cool zu sein, dass es – wie Sie im Lied so schön singen – hinter Ihnen zu schneien anfängt?

Udo Lindenberg: Das ist sehr geil. Ich war natürlich auch ein bisschen Glückspilz, dass ich in diese Zeit hineingeboren wurde und der Rock ’n’ Roll mich als Trommler schon ganz früh angezündet hat. Als die Spirits und Signale von Elvis und Chuck Berry aus dem Radio geknallt kamen und ich die himmlischen Texte empfing, von denen ich dachte, sie wären nicht von dieser Welt, wurde es zu meiner Mission, sie aufzuschreiben. Und weil da kein Sänger war, habe ich selbst zu singen begonnen.

Wie haben Sie Ihren Stil gefunden?

Lindenberg: Weil ich nie der Sänger mit dem Vibrator im Hals, der langen Töne und der Phrasierungen war, standen die Texte immer im Vordergrund. Ich musste mir ordentlich Mut antrinken und brachte sie dann auf der Bühne mit Showtime und ordentlich Action rüber. Mir war immer wichtig: Unterhaltung mit Haltung, was die politischen Sachen angeht. Wenn was so lange schon läuft und immer noch grösser wird, ist das ein tolles Geschenk von ganz vielen Fans und Sympathisanten. Das macht mich sehr, sehr froh. Ich wache jeden Morgen mit einem Lächeln auf dem Gesicht auf und erfülle meinen Auftrag gerne weiter – einer muss den Job ja machen. Eine coole Socke forever!

Es gibt auf der Platte aber auch viele Balladen. Woher kommt Ihre Nachdenklichkeit?

Lindenberg: Das hat sich so ergeben. Zwei, drei Freunde haben gerade harte Zeiten durchgemacht – Krankheit, Trennung –, und Freundschaftslieder waren mir schon immer wichtig, denn Coolness allein bringt nichts. Sie hilft jedoch, einen kleinen Panzer um die sensible Seele zu legen, damit sie im Chaos des Mediengewitters nicht zerfleddert wird.

Sie haben 2008 mit Ihrer 34. Studio-CD «Stark wie 2» Ihr erstes Num- mer-1-Album in Deutschland gelandet. Wie sehr hat Sie das motiviert?

Lindenberg: Das war absolut gigantisch! Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet. Und dann kamen die Live-Dinger, ein paar Jahre grosse Tourneen, MTV Unplugged. Das war eine geile Flut, ein geiler Höhenflug. Da muss die Nachtigall doch weiterzwitschern, sich gut fit halten, joggen durch die Schweizer Berge, tauchen im Zürichsee! (Lacht.)

Konzerte haben Sie in der Schweiz schon lange keine mehr gegeben ...

Lindenberg: Vor zwei Jahren war ich doch in Locarno bei Moon & Stars, und das ging sehr gut ab! Danach habe ich in Montagnola das Hermann-Hesse-Museum besucht, dann gings zu Nietzsche nach Sils Maria. Ich bin auch immer sehr gerne in Zürich, wo Hesse im Keller des «Baur au Lac» das Theater für Verrückte erlebte, dem wir im «Steppenwolf» begegnen. Ins «Cabaret Voltaire» an der Spiegelgasse 1 ginge ich auch gerne mal, zur Geburtsstätte des Dada.

An welche eigenen «schweren Zeiten» denken Sie bei der ersten Single?

Lindenberg: Als ich 50 geworden war, musste ich aus dem Jugendidol-«Bravo»-Starschnitt einen ordentlichen Rock-’n’-Roll-Chansonnier machen, der auf der Bühne voll Stoff gibt. Ich habe mich dabei wiederentdeckt, die Synthesizer zum Fenster rausgeschmissen und auf eine richtige Band und echte Storys gesetzt – nicht Leitartikel umgewandelt in Texte. Ich suchte das Licht der Zukunft im Alkohol, den Whisky-Schimmer in den Katakomben der Erleuchtung. Ich bin dabei weit rausgeschwommen und habe sehr viel experimentiert – mit Giften, Alk und so. Das hat mich ziemlich fertiggemacht ...

Weshalb haben Sie diese Substanzen trotzdem genommen?

Lindenberg: Ich wollte an neue Stoffe rankommen, neue Kicks. Für meine Texte, die Musik, Bühnenshows, auch mich selbst. Vielleicht habe ich auch ein bisschen privates Glück gesucht. Weil ich mein Leben in den Dienst des Rock ’n’ Roll gestellt habe, funktioniert es jedoch bei mir mit normalen bürgerlichen Liebesbeziehungen nicht.

«Eldorado» handelt von dem Ort, an den alle mal hinkommen, auch ohne Visum. Wie stellen Sie ihn sich vor?

Lindenberg: Das Visum für die unerforschte Welt habe ich mir jetzt schon selbst ausgestellt. Der Abenteurer und Entdecker liegt mir im Blut, ob es nun um Musik, Sprache oder Geografie geht. Das ist die Verwandtschaft mit James Cook und Vasco da Gama! (Lacht.) Aber mein eigent­liches Eldorado ist die Bühne, die Panik vor einem Riesenpublikum, Intimität und Intensität, die Musik und das Abheben.

Freut es Sie, dass Sie – wie wir alle – um Ihre Endlichkeit wissen, sich aber mit Ihrer Art und Ihren Songs schon längst unsterblich gemacht haben?

Lindenberg: Nein, Sterblichkeit ist scheisse. Deshalb haben wir einen Klub der 100-Jährigen aufgemacht. Wir wollen zusammen noch 30 Jahre weiter durch­zischen. Als Bert Brecht «Nach uns wird nichts mehr Wesentliches kommen» sagte, hatte er sicher nicht mit uns gerechnet! (Lacht.)

Als eines der Erfolgsgeheimnisse bezeichnen Sie, dass Sie nie einen Plan B hatten. Wollten Sie nicht Steward auf einem Kreuzfahrtschiff werden?

Lindenberg: Das war so eine kleine Option, mir so die grosse weite Welt anzukucken, weil meine Eltern fanden, dass ich für den Rock ’n’ Roll noch zu grün wäre und zuerst mal was Ordentliches wie Kellner und Aschenbecherputzer lernen sollte. Die Ausbildung habe ich jedoch nur drei Monate gemacht. Mit 16 wurde ich schon Profitrommler ...

Sie bedauern, dass sich viele Weltverbesserungsideen nicht umsetzen liessen. Freuen Sie sich, dass «Sonderzug nach Pankow» vielleicht etwas zum Fall der Mauer beigetragen hat?

Lindenberg: Ja, ich finde es sehr geil, dass Songs ein Klima herstellen können, in dem Veränderungen möglich werden, weil sie Mut machen und den Optimismus hochhalten. Ich glaube auch, dass wir eine Art Startbahn gebaut haben für die ganzen anderen Überflieger mit deutschen Texten und dass wir ausserdem Deutschland eine ganze Ecke lockerer und toleranter gemacht haben, als es vorher war. Bis zur Studentenrevolte Ende der Sechzigerjahre war es noch ziemlich miefig. Dann ging es richtig los mit Songs für Frauenpower, für Schwule, gegen Raketenstationierung, für die Friedensbewegung und die bunten Smarties in den Parlamenten.

Wie denken Sie über die aktuelle politische Situation?

Lindenberg: Ein paar Nationalisten trüben leider das Gesamtbild, aber das ist momentan ein globaler Trend, auch im Ami-Land. Donald Trump finde ich erschreckend. Da muss man sehr clever vorgehen, um diese Leute unter Kontrolle zu kriegen. Da sind wir als Sänger und Öffentlichkeitsarbeiter sehr gefordert. Wir dürfen uns keinesfalls nur auf Unterhaltungstätigkeiten zurückziehen, sondern müssen uns gut einmischen in die Entwicklung der Geschicke unserer Länder!

Mit diesem Album haben Sie sich selbst schon das grösste Geschenk gemacht. Wie werden Sie Ihren 70. Geburtstag am 17. Mai feiern?

Lindenberg: Ich werde ihn bei der Generalprobe für das Eröffnungskonzert unserer Tour mit 60 000 Leuten im Stadion auf Schalke feiern. Ich glaube, es gibt Frei-Eierlikör für alle. Er wird mit Tanklastwagen oder Riesenpipeline-Dingern angeliefert – also alles total easy!

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