ROLF STUCKI-SABETI: «Der einzelne Sänger ist wichtiger»

Der Unichor Luzern verabschiedet seinen Dirigenten. Grund genug, die Zentralschweizer Chorlandschaft unter die Lupe zu nehmen.

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molto cantabile wurde vor zehn Jahren gegründet und wird von Andreas Felber geleitet.PD

molto cantabile wurde vor zehn Jahren gegründet und wird von Andreas Felber geleitet.PD

Vor sieben Jahren hat Rolf Stucki-Sabeti den Unichor Luzern mit 15 Sängerinnen und Sängern übernommen, nun verlässt der Dirigent den Chor, der mittlerweile auf sechzig Mitglieder angewachsen ist. Ein Zeichen, dass Chöre im Trend liegen, oder nur dafür, dass Rolf Stucki-Sabeti gute Arbeit leistete?

«Die lebendige Chorlandschaft in der Zentralschweiz bewegt sich auf einem hohen Niveau. Allerdings beobachte ich eine Verlagerung vom traditionellen Kirchenchor hin zu Projektchören», erklärt Rolf Stucki-Sabeti. Wenn der Dirigent Recht hat, hätten neben Kirchenchören auch etablierte grosse Chöre wie etwa der Händelchor Luzern, der Konzertchor Luzern oder der Luzerner LehrerinnenLehrerchor Nachwuchsprobleme.

Qualität und Zeit

«Nachwuchsprobleme beobachten wir eher nur bei den Männerstimmen. Bei den Frauen kommen immer wieder jüngere, da läuft es von allein. Es ist aber wohl allgemein so, dass das Interesse an einem grossen Konzertchor eher ab 30 Jahren kommt, wenn Themen wie Ausbildung, Beruf und Familie einigermassen im Lot sind», betont Moana Labbate, Dirigentin des LehrerinnenLehrerchors.

Woher das Männerproblem kommt, kann sie nicht wirklich erklären. «Vielleicht wählen Männer eher sportliche Hobbys und haben weniger das Bedürfnis, zu singen. Oder vielleicht ist es auch ein Generationenthema», mutmasst sie. Auch Rolf Stucki-Sabeti hat den Mangel an Männern schon erlebt: «Männer entdecken das Singen meist viel später als die Frauen.»

Ein Männerproblem kennt der Chor molto cantabile nur bedingt. «Bei uns ist es eher so, dass wir, wenn jemand den Chor verlässt, eine Person mit der gleichen Stimmlage suchen, die die Qualität und auch die Zeit mitbringt. Ab und zu haben wir sogar zu viele Interessenten. Aber natürlich ist es bei den Männern manchmal schon etwas schwieriger. Vielleicht animieren ja die vielen TV-Castingshows Männer in Zukunft zum Singen.»

Allerdings: Das etwas höhere Alter in ihrem Chor sieht Moana Labbate auch als Vorteil. «Als Dirigentin erlebe ich, dass zu meinen besten, zuverlässigsten und erfahrensten Sängern auch über 60-Jährige gehören. Wer jahrelang seine Stimme gepflegt hat, körperlich und mental fit ist und über ein gesundes Gehör und eine gesunde Stimme verfügt, kann auch bis ins späte Alter anspruchsvollen Chorgesang pflegen», betont sie.

Gefühlswelt ansprechen

Als einen weiteren Vorteil sieht die Dirigentin ausserdem die Altersdurchmischung bei einem grossen Chor wie ihrem. «Gemeinsame musikalische Herausforderungen fördern den Zusammenhalt und verbinden Generationen. Der soziale Wert von Chorgesang ist gerade in der heutigen Zeit, in der alles schnell entstehen muss, wichtig.»

Dass immer mehr junge, kleinere Chöre oder auch Projektchöre entstehen, führt Rolf Stucki-Sabeti allerdings gerade auf besagtes soziales Element zurück. «Gerade in der Stadt ist das Verbindende, das ein Chor hat, nicht mehr das Wichtigste. Junge Sänger suchen sich lieber ein spannendes Projekt und klinken sich danach wieder aus. Sie suchen eher musikalische Qualität als Vereinsleben. Das mag zwar auf der einen Seite schade sein, auf der anderen Seite führt das dazu, dass bei diesen Projekten Sänger dabei sind, die eine sehr hohe Motivation haben. Und das Niveau ist dadurch gestiegen.»

Dies ist auch beim Unichor, der unter Rolf Stucki-Sabeti auf 60 Sänger angewachsen ist, nicht anders. Es scheine für junge Erwachsene attraktiv zu sein, in kurzer Zeit mit Gleichaltrigen ein Programm einzustudieren und dabei ohne übermässigen Probeaufwand eine hohe Qualität zu erreichen, so der Dirigent über seinen Erfolg. «Ein weiterer Faktor ist, dass viele Mitglieder über Stimmbildung und Chorerfahrung verfügen. Dies zieht weitere gute Sänger an.» Persönlich habe er sich stets bemüht, mit seiner Motivation und seiner Freude an der Musik ein Vorbild zu sein. «Auch ist es mir wichtig, dass das Singen im Chor die Gefühlswelt direkt anspricht. Ich denke, all diese Faktoren sind der Grund dafür, dass der Unichor in nur wenigen Jahren zu einem funktionierenden Konzertchor heranwachsen konnte.»

Moana Labbate stimmt der Einschätzung Stucki-Sabetis das gestiegene Niveau betreffend zu. «Es hat eine Professionalisierung der Chöre stattgefunden. Vielleicht auch, weil der Druck und die Erwartungen des Publikums gestiegen sind. Die Zuhörer erwarten ein perfektes Konzert.»

Der Luzerner Chor molto cantabile ist neben dem Collegium Vocale einer dieser qualitativ hochstehenden kleinen und jungen Chöre. Ist es also so, dass die Chormitglieder von Andreas Felber nur zum Singen zusammenkommen und sie der Rest nicht interessiert? «Nein, das würde ich so nicht sagen. Man wollte halt lieber im kleinen zusammen- bleiben als in einen grossen Chor wechseln. Aber bei uns herrscht ein höheres Tempo als in grossen Chören. Wir singen auch viel mehr Konzerte», erklärt der Dirigent.

Chorlandschaft wird vielfältiger

Bei molto cantabile sind ausserdem Sänger engagiert, die sich gern mit den Details des Klangs auseinandersetzen. «Durch unsere kleinere Besetzung beschäftigen wir uns nicht mit den grossen Orchesterwerken, dafür ist in einem kleinen Chor der einzelne Sänger wichtiger als in einem grossen Chor», betont Andreas Felber.

Für Nachwuchs sorgen müssten ja Kinder- und Jugendchöre. Rolf Stucki-Sabeti arbeitet mit Jugendlichen an der Kantonsschule Reussbühl. «Chorarbeit mit Jugendlichen ist fantastisch. Hier können sie sich sehr gut entfalten, nicht nur musikalisch. Ein toller Anfang für eine Chorlaufbahn ist ausserdem die Luzerner Kantorei. Die bietet eine sehr gute Stimmschulung. Und natürlich die Musikschulen. Wer so klein schon mit Singen beginnt, der wird immer irgendwie singend aktiv bleiben», ist Rolf Stucki-Sabeti überzeugt.

Obwohl also die grossen Chöre nicht mehr so einfach zu Mitgliedern kommen, wie das früher der Fall war, sind Chöre nicht etwa vom Aussterben bedroht. «Die Zentralschweiz hat eine sehr lebendige Chortradition. Das Entlebuch ist in dieser Hinsicht eine der traditionsreichsten Gegenden der Schweiz mit all den Jodler- und Kirchenchören», erklärt Rolf Stucki-Sabeti.

So sieht denn auch keiner der drei Chordirigenten schwarz für die Zukunft. «Singen ist, auch dank all den Castingshows im Fernsehen, sehr populär, im Chor sein ist cool. Dennoch müssen sich Chöre wohl auch in Zukunft sehr aktiv um Nachwuchs bemühen und jüngere Leute mit aussergewöhnlichen Projekten ansprechen. Aber es werden immer wieder neue Chöre gegründet», ist Rolf Stucki-Sabeti sicher.

«Grosse und kleinere Chöre werden parallel bestehen bleiben, die Vielfalt wird grösser werden», glaubt Moana Labbate. «Vielleicht entwickelt sich das Chorwesen ja wie in Zyklen. Chöre, die heute als junger Chor neu gegründet werden, wachsen über die Jahre zu grossen Konzertchören. Auch ich denke, dass das Chorleben vielfältiger wird. Vielleicht wird man in Zukunft grosse Oratorien eher als Gemeinschaftsprojekt aufführen», denkt Andreas Felber.

Natalie Ehrenzweig