ROLLING STONES: Die kesseste Lippe der Welt wird heute 70 Jahre alt

Ein altes Klischee besagt, dass man als Freund der Popmusik entweder auf die Beatles oder auf die Rolling Stones steht, aber niemals auf beide. Bei mir traf dieses Klischee sehr lange zu. Ich war ein Anhänger der Beatles, hörte mir alles von ihnen an, unzählige Male, über Jahre. Die Stones, die gingen mir am ... naja, ich wusste, dass es sie gab.

Arno Renggli
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Der weit aufgerissene Mund mit den dicken Lippen ist sein Markenzeichen: Mick Jagger bei einem Auftritt in San Francisco im Jahr 1972. (Bild: Keystone)

Der weit aufgerissene Mund mit den dicken Lippen ist sein Markenzeichen: Mick Jagger bei einem Auftritt in San Francisco im Jahr 1972. (Bild: Keystone)

Irgendwann dann hörte ich am Radio – es muss das Wunschkonzert auf DRS 1 gewesen sein – den Song «Angie». Oder besser gesagt «Ä-ängie». Einfach phänomenal fand ich diese Stimme. Und seither bin ich auch ein Fan der Stones.

Immerjunger Performer ...

Genauer gesagt von Mick Jagger, dem heutigen Jubilar. Denn, und das wird die Stones-Anhänger erzürnen, die Riffs von Keith Richards oder Ron Wood sind ja schon cool. Und Charlie Watts’ stoisches Getrommel hat auch was. Aber es ist doch eigentlich vor allem diese Stimme, die alles ausmacht. Und natürlich die physische Präsenz. Derweil die anderen schon seit zwei Jahrzehnten wie Zombies über die Bühne schlurfen, ist Jagger auch noch mit 70 fit wie ein Turnschuh und gebärdet sich wie ein Derwisch, der eine Überdosis aus dem Jungbrunnen erwischt hat.

... und knallharter Manager

Aber hier liegt ja auch etwas die Zwiespältigkeit des Superstars. Er, der die prototypische Verkörperung von «Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll» darstellte, war punkto Lebenswandel, etwa im Umgang mit Drogen, bald einmal ziemlich seriös. Zumindest im Vergleich zu anderen Rockstars seiner Generation, inklusive die Stones-Kollegen. Und seine Fitness bis heute ist ebenfalls Ausdruck einer schon fast asketischen Disziplin. Auch mauserte er sich rasch zum kühl kalkulierenden Geschäftsmann. Ein Journalistenkollege, dem der Star vor Jahren mal eine Audienz gewährt hatte, berichtete danach, er sei sich vorgekommen wie im Gespräch mit dem CEO eines Grossunternehmens.

Das Treffen mit Keith

Angefangen hatte alles 1961: Zwei Typen, die beide Musik mochten, begegneten sich auf dem Bahnsteig im englischen Bahnhof Dartford. Sie hiessen Mick Jagger und Keith Richards. «Mick und ich hatten absolut den gleichen Musikgeschmack. Es gab keine Fragen, keine Erklärungen. Alles lief wortlos», schrieb Richards später in seiner Autobiografie.

Am 12. Juli 1962 hatten die Rolling Stones im legendären Londoner Marquee Club ihren ersten Auftritt. Mit dabei war auch Gitarrist Brian Jones, der dann 1969 verstarb. Dieses Konzert war der Anfang einer beispiellosen Karriere. Mit Jagger und Richards als Aushängeschilder erlangten die Stones innert Kürze Weltruhm und galten als die musikalische wie soziale Antithese zu den Beatles. Berühmte Songs wie «(I Can Get No) Satisfaction», «Sympathy for the Devil», «Honky-Tonk Women» oder «Jumpin’ Jack Flash», geschrieben von Jagger und Richards, sind nicht nur Meilensteine der Rockgeschichte, sondern provozierten auch durch ihre Inhalte.

Doch die Aktivitäten von Mick Jagger beschränkten sich keinesfalls auf die Rolling Stones. 1985 brachte er mit «She’s the Boss» ein Solo-Album heraus. Beim legendären Live-Aid-Konzert von 1985 sang er zusammen mit Tina Turner, im gleichen Zusammenhang erschien der Hit «Dancing in the Streets» mit David Bowie. Vor zwei Jahren gründete Jagger die Band SuperHeavy, mit dabei ist auch Eurythmics-Gitarrist David Stewart.

Er war auch im Kino zu sehen

Auch im Kino war Jagger zu sehen, etwa im Thriller «Performance» über Sex- und Gewaltexzesse in der Rockszene oder in einem Film über den australischen Outlaw Ned Kelly. Ausgestochen wurde er diesbezüglich aber von Keith Richards mit seinem Kurzauftritt im Kassenschlager «Piraten der Karibik» als Vater von Oberpirat Jack Sparrow (Johnny Depp).

Aufgewachsen ist Jagger im Süden Londons. Laut seinem Biografen Philip Norman war er ein schüchterner Junge. Das Image des lauten und wilden Rebellen wurde ihm zunächst vom Stones-Management verpasst. Aber er wuchs rasch hinein. Und wenn er in vielen Bereichen in Wahrheit seriös war, konnte er doch den Bad Boy zumindest in Bezug auf die Frauen glaubwürdig ausleben. In einem Interview wurde er gefragt, wann er sich der weiblichen Gunst erstmals bewusst geworden sei. Er meinte: «Mit 18. Die Stones hatten gerade begonnen, in Londoner Clubs zu spielen, und ich merkte, dass ich plötzlich viel Aufmerksamkeit der Frauen bekam.»

Der royale Ritterschlag

Jagger war zweimal verheiratet, zuerst mit Bianca Pérez-Mora Macias, danach mit dem bekannten Model Jerry Hall. Insgesamt hat er sieben Kinder und zwei Enkel. Seit über zehn Jahren ist er mit der US-Stylistin L’Wren Scott liiert.

Obwohl er immer noch in hautengen Jeans über die Bühne wirbelt, zuletzt etwa auf der Stones-Tour in den USA oder an englischen Festivals, ist es zuletzt etwas ruhiger um Jagger geworden. Wie sehr der einstige Rebell längst zum Establishment gehört, zeigte auch der royale Ritterschlag vor zehn Jahren. Auf die Frage, was ihm diese Ehre bedeute, meinte er nur: «Nicht viel, aber mein Vater war sehr stolz. Ich habe mich für ihn gut gefühlt.»