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ROMAN: Alle glücklichen Archivare sind einander ähnlich

Die deutsche Schriftstellerin Felicitas Hoppe macht sich auf einer langen Reise auf die Suche nach dem wahren Amerika. Sie wird die Wahrheit nicht finden, dafür Bräute am Strassenrand und Regisseur Quentin Tarantino.
Bernadette Conrad
Bild: PD

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Schon einmal hatte sich Felicitas Hoppe eingehend mit ihnen beschäftigt: den Schriftstellern Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, die in den 1930er-Jahren durch Amerika reisten. Als 2011 deren Buch «Das eingeschossige Amerika» auf Deutsch erschien, schrieb sie das Vorwort. Jetzt wollte die 57- jährige Büchner-Preis-Trägerin es genauer wissen: Sie reiste nun auf den Spuren der beiden russischen Autoren von der amerikanischen Ostküste gen Westen, und auf südlicherer Route zurück – wieder auf der Suche nach Prawda, was auf Deutsch Wahrheit bedeutet.

Zu ihrem fiktiven Reiseteam gehören Jerry aus Halle, die «ein Stipendium auf den Kopf hauen muss» und zwecks Studie «Bräute am Wegesrand» fotografisch festhält; Ann Adams, vor vierzig Jahren aus Wien eingewandert, «ohne Spuren von Heimweh, raucht wie ein Sheriff, fährt wie ein Ranger, braucht keinen Schlaf, hält sich seit vierzig Jahren bedeckt und reist nach wie vor unter falschem Namen», und Foma, ein «als Landschaftsgärtner getarnter Künstler aus Kiew». Ein abenteuerbereites Künstlerteam, in ein Auto gepfercht, und zusammengebunden vom uralten Ziel «nach Westen», das wahre Amerika zu finden.

Viel spöttischer Witz, etwas zu viel Bildungsgut

Ja, wo ist es, das «wahre Amerika»? Ist es zu finden im Museum für Wissenschaft und Fortschritt in Schenectady, wo ein hingebungsvoller Archivar ins Allerheiligste lädt? Auf der Suche nach dem «Essenziellen» finden die Reisenden vor allem das Beiläufige. In der Schlange zu den Niagarafällen stehend, denkt die Erzählerin über Touristen nach, diese «käufliche Menschengemeinschaft», die immer schon vor ihr da ist: Leute «mit halb geöffneten gierigen Mündern, mit ihrem ewigen Hunger nach Pause und Ferien, der sich beim besten Willen nicht stillen lässt. Genauso wenig wie ihre Sehnsucht, an einer Welt teilzuhaben, die ständig Wirtschaft mit ihnen treibt, ohne jemals die Gewinne zu teilen.»

Und ab und an schaut sie über die Schulter zurück: Wo haben Ilf und Petrow gesucht? Und haben sie vielleicht nicht das wahre Amerika, aber den neuen Menschen gefunden?

Zwischen hohem Ton und spöt­tischem Witz, zwischen unmittelbarem Reise-Erleben und anspielungsreichem Einbinden des Erlebten findet Hoppe ihren Erzählton. Ein wenig zu beladen mit Bildungsgut kommt der Text manchmal daher. Ein bisschen zu häufig sortiert das berühmte Tolstoi’sche Zitat von den glücklichen und unglücklichen Familien die Begegnungen – wenn jede Kellnerin, jeder Tote, unglücklich auf ihre eigene Weise, alle glücklichen Archivare aber einander ähnlich sind. Im Westen wartet nicht der Ozean als grösste Sensation, sondern, gänzlich unerwartet und zufällig, Quentin Tarantino in einem Haus am Mulholland Drive.

Bernadette Conrad

kultur@luzernerzeitung.ch

Felicitas Hoppe: Prawda. Eine amerikanische Reise. Fischer, 317 S., Fr. 30.–

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