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ROMAN: Bauer und Poet zwischen inneren Konflikten und Weltkriegen

Der Surseer Journalist Willi Bürgi hat das Leben des Luzerners Louis Gut (1886–1957) rekonstruiert. Besonders spannend sind dessen innerliche Zerrissenheit und politische Einstellungen – etwa gegenüber den Nazis.
Willi Bürgi (82) erzählt von einem komplexen Charakter. (Bild: PD)

Willi Bürgi (82) erzählt von einem komplexen Charakter. (Bild: PD)

Er muss schon ein spezieller Mensch gewesen sein, dieser Louis Gut. Im luzernischen Kaltbach als Sohn eines Bauern und Gemeinderats geboren, hat er als junger Mann den Hof des Vaters zu übernehmen. Dabei fühlt er sich viel mehr als Denker und Poet denn als Landwirt.

Dieser Zwiespalt prägt vor allem den ersten Teil des Romans von Willi Bürgi. Der Surseer Journalist, jahrzehntelang auch für unsere Zeitung tätig, erzählt das Leben von Louis Gut in einem Roman. Dass dieser sehr nahe an der Realität ist, verdankt Bürgi umfassenden schriftlichen Quellen, die er im eigenen Haus gefunden hat. Denn dieses ist zugleich das ehemalige Haus von Louis Gut. Es sind Briefe, vor allem im Wechsel mit dessen späterer Frau, Zeitungsartikel und Tagebucheinträge von über 1000 Seiten.

Diese Dokumente zitiert Bürgi immer wieder ausführlich, ergänzt sie mit biografischen Schilderungen, füllt Leerstellen mit fiktionalen Dialogen (darum die Bezeichnung Roman), wobei er darin den Stil der schriftlichen Quellen nimmt, um sie möglichst plausibel zu machen.

Die Beziehung wird ständig hinterfragt

Typisch für den Charakter von Louis Gut ist die Annäherung an seine spätere Frau Waldburga Heusser (1886–1950), die er via Annonce kennen lernt. Die beiden, die zunächst praktisch nur schriftlich miteinander kommunizieren, fühlen sich voneinander angezogen und könnten doch nicht unterschiedlicher sein. Hier der unfreiwillige Landwirt mit Hang zum Grüblerischen, dort eine eher urbane, direkte, bodenständige Frau. Es mutet fast tragisch an, wie gerade Louis Gut mit Überempfindlichkeit und ständigen Zweifeln die Beziehung immer wieder in Frage stellt und auch gefährdet. Sie heiraten dann doch, aber sie scheinen sich noch lange fremd zu bleiben.

Louis Gut ist wie schon sein Vater im Torfabbau im Wauwilermoos tätig, laut Nachwort von Willi Bürgi vor allem im Handel. Dieser scheint ihm Wohlstand eingetragen zu haben. Mit 36 Jahren verkauft er den Hof und zieht nach Sursee in besagtes Haus. Er erlebt die ökonomischen Turbulenzen der Zwischenkriegszeit, wird oft in seiner Grosszügigkeit beim Bürgen oder Geldverleihen ausgenutzt. Aber irgendwie hält er sich über Wasser. Er engagiert sich politisch, sieht sich aber stets als Opfer von Intrigen. Umso interessierter verfolgt er dann den Aufstieg Hitlers in Deutschland und mit zunehmender Abscheu die Ereignisse des Weltkriegs.

Spannend ist hier die Sympathie, die Gut (aus kulturellen Gründen, wie er selber schreibt) den Deutschen entgegenbringt. Und es dauert lange, bis er sich ohne Wenn und Aber vom Naziregime lossagt, im Grunde gibt er erst nach dem Krieg zu, dass er sich hier geirrt hat. Einen Grossteil des Buches widmet Willi Bürgi dem Zweiten Weltkrieg und spiegelt dessen Hauptereignisse in der Sicht von Louis Gut.

Interessantes Zeitzeugnis

Am Ende des Romans stehen der Tod von Guts Frau Waldburga und sein eigener – sieben Jahre später. Ganz hat er sich nie mit dem Leben versöhnt. An seine Fähigkeiten als Dichter, obwohl Verse von ihm in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht wurden, hat er nicht richtig geglaubt. Eher waren sie Anlass zum Hader über vielleicht Verpasstes. Und der Welt, natürlich geprägt von den katastrophalen Ereignissen der ersten Jahrhunderthälfte, konnte er wohl letztlich auch nie viel Beheimatung abgewinnen.

Bürgis Roman ist ein interessantes Zeitzeugnis, formuliert im Stile eines versierten Journalisten. Bisweilen mag das Zitieren der Quellen etwas ausufern und zu Repetitionen führen, der Roman hat mit seinen rund 450 Seiten auch ein respektables Format. Aber er überzeugt durch Authentizität und schafft es, den komplexen Charakter dieses einzelnen Menschen vor dem Hintergrund seiner Zeit zu vermitteln.

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Willi Bürgi: Kaltbach. Pro Libro, 450 Seiten, 34 Franken.

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