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ROMAN: «Der grösste Lügner der Welt»

Michael Hugentobler erzählt die irrwitzige Geschichte des Schweizer Abenteurers Hans Roth als filmreifen, szenisch dichten und psychologisch mitreissenden Roman.
Ritt auf der Schildkröte: Louis de Rougemont. (Bild: Getty/Corbis (1906))

Ritt auf der Schildkröte: Louis de Rougemont. (Bild: Getty/Corbis (1906))

In diesem Leben ist fast zu viel drin: elendeste Kindheit, Auswanderung, Luxus, Schiffbruch, Leben bei australischen Ureinwohnern, Hochstapelei, märchenhafter Bucherfolg und tiefer Fall, aber auch Einsamkeit und Trauma, Sadismus und Wahnsinn. Das Einzige, was man Hugentoblers Buch ankreiden könnte: Es ist arg komprimiert. Die knapp 200 Seiten hätten locker auf die dreifache Länge ausgedehnt und ausgeschmückt werden können. Dann wäre es ein richtiger Schmöker geworden. Denn Stoff liegt in Überfülle vor.

Der Roman hüpft in rascher Abfolge äusserst dicht erzählter Episoden atemlos durch das Leben des Hans Roth, der sich Louis de Montesanto nennt. Inspiriert ist das Buch vom Hochstapler Henri Louis Grin, der als Louis de Rougemont 1899 mit seiner Lebensgeschichte in London einen Bestseller landete.

Dass er mehr als übertrieben hat und trotzdem von der sensationsgierigen Öffentlichkeit als letzter Abenteurer gefeiert wurde, wirft so nebenbei einen scharfen Blick auf das kolonialistische Europa der Jahrhundertwende. Aber man will gar nicht kritisieren, sondern nur schwärmen. Denn wie der Schweizer Reisejournalist Michael Hugentobler diese Lebensgeschichte aus dem späten 19. Jahrhunderts erzählt, vereint journalistische Präzision, dramaturgische Raffinesse und psychologische Analyse.

Charmanter Frechdachs, Sadist und Betrüger

Zwei Sätze genügen Hugentobler, und eine Szene, eine Stimmung, ein Charakter steht einem als Leser klar vor Augen: «Seine Zunge klebte am Gaumen. Zu allem Unglück wackelte auch noch der Boden unter seinen Füssen.» Louis steht während seines Vortrags vor der Königlichen Geografischen Gesellschaft auf wackligem Boden, wörtlich und existenziell. Die Gefahr liegt schon in der Luft, und gleich wird er entlarvt.

Der humoristische Ton des Beginns wird sich im Roman noch mehrfach wandeln und mit ihm der Blick auf den Helden der Geschichte: Louis ist mal ein rührend Gefallener, dann ein bemitleidenswertes Kind, ein charmanter Frechdachs, später ein Sadist, Betrüger, liebevoller Vater, Familienmonster und verrückter Clochard. Louis’ literarisches Credo: Geschichten schärfen und erklären die Realität. Erfinden erlaubt. Das las er in einer Bibliothek und macht es sich zu eigen.

Nur dass er mit dieser Methode weniger die Wahrheit, sondern möglichst viel Erfolg will. Geld ist ihm egal, aber protzen will der Emporkömmling. So biegt er sein Leben aufs Heroische zurecht: Prahlt von einem Ritt auf einer Meeresschildkröte, berichtet von «Wilden», vom Überleben auf einer Sandbank (was ihm den Titel «australischer Robinson Crusoe» einträgt). Dass Hugentobler Louis’ Leben auktorial und von seiner australischen Aborigines-Tochter erzählen lässt, die sich vierzig Jahre nach dessen Tod auf seine Spuren macht, macht die Lektüre auch erzählerisch abwechslungsreich.

Hansruedi Kugler

Michael Hugentobler: Louis oder der Ritt auf der Schildkröte. Roman, dtv, 192 S., Fr. 30.–

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