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ROMAN: Der Indianer in dir

Linus Reichlins Ich-Erzähler erfuhr einst, dass sein Urgrossvater ein Indianer war. In einer Lebenskrise macht er sich auf Spurensuche. Und erfährt mehr, als ihm guttut.
Irene Widmer/sda
Der Aargauer Linus Reichlin (59) macht in seinem Roman indirekt auch die Einwanderung zum Thema. (Bild: PD/Susanne Schleyer)

Der Aargauer Linus Reichlin (59) macht in seinem Roman indirekt auch die Einwanderung zum Thema. (Bild: PD/Susanne Schleyer)

Zum Zeitpunkt seines Aufbruchs nach Amerika ist der Schriftsteller Max aus dem Tritt geraten – wie sein Herz, das unregelmässig schlägt. Seine langjährige Ehe ist zu Bruch gegangen, und sein erwachsener Sohn Jonas hat ihn als Autor schon mit seinem ersten Buch überflügelt. Max ist einsam und mittelmässig – keine schöne Einsicht.

Da erinnert er sich an das Tagebuch der Urgrossmutter, das er als Kind zu lesen bekommen hat. Als alte Frau erzählte die Uroma darin die dramatische Geschichte ihrer Liebe zum Arapaho-Indianer John Roman Nose. Eine Liebe, die Max zu einem Achtelindianer macht. Also zu etwas ganz Besonderem.

Junge Witwe wollte Trauerjahre nicht abwarten

Maria Reichmuth war mit 21 aus Schwyz nach Amerika ausgewandert, weil sie als junge Witwe nicht die obligatorischen fünf Trauerjahre warten wollte, um sich wieder zu verlieben. Nach damaligem Verständnis wäre sie mit 26 Jahren bereits eine alte Schachtel gewesen.

Als Lehrerin in einer Missionsstation in Wyoming lernte sie den stattlichen John kennen. Eine gemischtrassige Beziehung stand nicht zur Debatte. Nur wenige verstohlene Schäferstündchen waren dem Paar vergönnt bis zu Johns gewaltsamem Tod. Das war immerhin genug, um ein Kind zu zeugen.

Der eine will raus, der andere rein

Max’ Recherchereise nach Wyoming geht sich zunächst erfolgreich an: Gleich im ersten Indianer, dem er begegnet, erkennt er einen Seelenverwandten: Auch der Sohn des Ute-Indianers Cloud ist herablassend gegen seinen Vater, so wie Jonas gegen Max. Clouds Sohn hat alles Indianische abgelegt und gibt sich in der Stadt als Hawaiianer aus. Umgekehrt Max: Auf Anraten seines indigenen Freunds versucht er, sich als Stammesmitglied registrieren zu lassen.

Das geht gründlich schief. Nicht genug: Alle Recherchen laufen ins Leere, weder seine Urgrossmutter noch ihr Geliebter sind in den penibel geführten Dokumenten der Missionsstation nachzuweisen. Hat Uroma die Geschichte für die Nachkommen nur geschönt oder gar erfunden? Sowas wie ein Schriftsteller-Gen scheint ja in der Familie durchaus vorhanden zu sein.

Einer der traurigsten Sätze, die man je gelesen hat

Ernüchternd für Max auch das Trecking-Arrangement, das er in Manitoba gebucht hat, um die karge Lebensweise der Indianer kennen zu lernen. Elf Fussstunden von der Zivilisation entfernt gerät er in tödliche Gefahr. Und zurück in der Schweiz erwartet ihn schon die nächste Demütigung.

Das Buch endet nach einem apokalyptischen Traum mit einem der traurigsten Sätze, die man je gelesen hat: «Ich befand mich inmitten eines Ereignisses von epochalen Ausmassen, und ich wusste nicht, wo mein Platz darin war.»

Kann man ohne Wurzeln existieren?

«Manitoba» ist zum einen ein Abenteuerroman über einen Road­trip, gefüttert mit erhellenden Fakten über die Kultur der Indianer einst und jetzt, erzählt auf hohem sprachlichem Niveau. Auf einer tieferen Schicht ist Einwanderung ein wiederkehrendes Thema. Ist Immigration per se gut, weil sie eine Gesellschaft weiterbringt? Oder haben die europäischen Siedler in Amerika nicht das Gegenteil bewiesen?

Und noch einen Stock tiefer: Wenn ich keine Wurzeln habe, existiere ich dann überhaupt? Und wenn ich keine Spuren hinterlasse, habe ich dann gelebt? «On the long run, we didn’t exist» («Auf lange Sicht haben wir nicht existiert»), heisst es einmal. Und später sogar noch zugespitzt: «On the long run, nothing even happened.»

Irene Widmer/SDA
kultur@luzernerzeitung.ch

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